Aachen - Verletzungen sind auch heute noch zu spüren

Verletzungen sind auch heute noch zu spüren

Von: Gerald Eimer
Letzte Aktualisierung:
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Die 1906 gegründete Benediktinerabtei Kornelimünster war von 1948 an Trägerin der Heimrealschule St. Benedikt. 1988 wurde die Schule geschlossen. Jetzt berichten ehemalige Schüler erstmals von tätlichen Ubergriffen an der Schule, im Internat soll es in den sechziger Jahren auch zu sexuellem Missbrauch durch einen Pater gekommen sein. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Racheglüste habe er nicht, sagt Wolfgang N., „Zorn und Verletzung” aber spüre er bis heute. In der Rückschau auf seine Erlebnisse im Realschulinternat St. Benedikt im Aachener Ortsteil Kornelimünster spricht der 60-Jährige von einer „Tortur”. Er ist der erste, der nun auch Missbrauchsfälle in der ehemaligen Heimschule des Benediktinerordens öffentlich macht.

Mehrere seiner früheren Mitschüler haben seine Erfahrungen inzwischen bestätigt. Und immer wieder kommt dabei die Rede auf sexuelle Vergehen, die Anfang der 60er Jahre in dem Internat geschehen seien und die einem der damaligen Pater zur Last gelegt werden.

Das über Jahrhunderte hinweg von der Kirche praktizierte Modell des Verschweigens und Wegschauens hat aber auch in diesem Fall gut funktioniert. Und so scheint es heute kaum mehr möglich, die inzwischen knapp 50 Jahre zurückliegenden Vorgänge hinter den Klostermauern aufzuklären.

Der Beschuldigte Pater F. ist vor zwölf Jahren gestorben, der damalige Abt lebt ebenfalls nicht mehr. Die Schule samt angegliedertem Internat wurde bereits 1988 geschlossen. Unterlagen über die damaligen Vorkommnisse gibt es nicht, sagt Abt Friedhelm Tissen, der der Abtei erst seit zwei Jahren vorsteht.

Nur gerüchteweise sei er über angebliche Übergriffe informiert. Bestätigen kann er nur, dass Pater F. 1964 das Internat verlassen musste und nach Belgien gegangen ist. Gut ein halbes Jahr später sei er zurückgekehrt, dann aber nicht mehr zur pädagogischen Betreuung der Internatsschüler eingesetzt worden.

Offenbar aus gutem Grund, wie sich Schüler erinnern: Pater F. soll sich immer wieder Jugendlichen unsittlich genähert und sie gezwungen haben, sich vor ihm zu entblößen. Zuständig war er unter anderem für die Betreuung der Internatsschüler, er brachte sie abends zu Bett und begleitete sie auch beim Waschen und Duschen.

Ein offenes Geheimnis seien die Vergehen zumindest unter den Schülern gewesen. Das Personal will hingegen nie Genaueres gewusst haben. Es habe eines Tages „helle Aufregung” geherrscht, erinnert sich Bruno Bousack, damals Lehrer und später Leiter der Heimschule. Verdächtigungen standen im Raum, „konkrete Vorwürfe” seien nie erhoben worden, auch habe nie jemand nachgefragt. Klar war nur, dass Schul- und Ordensleitung „sofort reagiert” hätten - warum auch immer. Auch hielten es offenbar weder Lehrer noch Geistliche je für nötig, die Eltern zu informieren.

Diesem Untertanenzeitgeist entsprechend haben auch Ordensbrüder offenbar nie nachgebohrt. „Wir haben keine Antwort von den Hausoberen bekommen”, sagt Pater Georg, unmittelbarer Nachfolger von Pater F. und ungleich beliebter bei den Schülern. Bis heute genießt er bei allen, die mit ihm zu tun hatten, einen allerbesten Ruf - auch bei Wolfgang N.

Er stellt sich jedoch immer wieder die Frage, wie es die Schule schaffen konnte, dass die Opfer die Misshandlungen selbst vor den eigenen Eltern lieber verheimlicht haben. „Meine Eltern haben mich nie geschlagen”, sagt er. Er ist fest überzeugt, dass sie ihn in bester Absicht auf die Heimschule geschickt haben - sexuellen Übergriffen war er dort nie ausgesetzt, wohl aber musste er „an fünf von sieben Tagen” Schläge über sich ergehen lassen. Er schwieg, weil er offenbar selbst überzeugt war, dass seine angeblichen Verfehlungen die Prügel rechtfertigten.

Regelrecht verschrieen wegen seiner cholerischen Wutausbrüche soll unter den Schülern Pater G. gewesen sein. Völlig unkontrolliert habe er auf die Jungen eingeprügelt, schildern es mehrere Betroffene von damals. Noch als sie schutzsuchend unter Tischen gekauert hätten, habe er getreten und mit Riemen auf sie eingedroschen. Einem seiner Opfer, Alfred H., habe er mit voller Wucht ein Buch ins Gesicht gehauen. Als das Blut tropfte, habe er geschrieen: „Los, geh Dich waschen, Du Schwein.”

Auch Pater G. ist bereits tot. Seine Klosterbrüder mögen die Vorwürfe kaum glauben. Rau und aufbrausend sei er gewesen, ja, aber auch herzlich. Alfred H. und andere hingegen haben ihn nur als „gemeinen sadistischen Schläger” in Erinnerung. „Er hat kein gutes Ansehen als frommer Gottesmann verdient.”

Unterdessen verweist die Ordensleitung darauf, dass es bis heute viele Ehemalige gebe, die Pater G. schätzen und immer wieder sein Grab besuchen. Abtun wolle man die Vorwürfe dennoch nicht. „Wir sehen die Wunden und sind bereit, etwas zur Heilung beizutragen”, erklärt Abt Friedhelm Tissen. „Wir verschließen uns nicht und sind offen für Gespräche.”

Der Abtei sei sehr an einer Aufklärung der Vorwürfe gelegen. Gerade auch die jüngeren Ordensbrüder hätten sich zuletzt verstärkt die Frage gestellt, ob es Missbrauchsfälle auch im eigenen Haus gegeben hat und wer darüber etwas wissen könnte, sagt Pater Antonius, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Benediktinerabtei.

Als Ansprechpartner für Missbrauchsopfer hat der Orden den ehemaligen Oberstaatsanwalt Hans Helmut Günter benannt. Noch aber habe sich niemand an ihn gewandt, so dass er aktuell keine Möglichkeit und keinen Grund sieht, Ermittlungen zu veranlassen.

Ob die Betroffenen nun auf ihn zugehen, ist offen. „Ich will mir dort keine Lebensberatung mehr holen”, sagt Wolfgang N., selbst ausgebildeter Lehrer und heute selbstständig tätig. „Es ist die unkritische Selbstdarstellung, die bei mir ein Würgen erzeugt”, sagt er und wirft der Kirche eine fehlende Bereitschaft vor, „ihre Arbeit und ihr Verhalten zu hinterfragen”. Er wollte etwas gegen sein eigenes Unwohlsein unternehmen und hat deswegen sein Schweigen gebrochen.

Wo Missbrauchsopfer Hilfe finden können

Beratung und Unterstützung finden Missbrauchsopfer unter anderem beim Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen. Mangels Alternativen erhalten dort ausdrücklich auch Männer und Jungen Informationen. Telefon 0241/542220 oder 02403/609060.

Kinder und Jugendliche, denen aktuell psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt angetan wird, können sich auch an den Kinderschutzbund Aachen wenden, Telefon 0241/949940.

Vorwürfen sexuellen Missbrauchs gehen auch Beauftragte der Kirche nach. Im Bistum Aachen ist dies Hans-Willi Winden, Telefon 02151/561394. Die Benediktinerabtei Kornelimünster hat Hans Helmut Günter beauftragt, Telefon 0241/59388. Ende März will die katholische Kirche zudem eine bundesweit gültige Hotline in Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im Kirchlichen Bereich schalten.

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