Verleihung der Karlsmedaille: Ein Abend, an dem Grenzen verschwinden

Von: Alexander Barth
Letzte Aktualisierung:
12151989.jpg
Feierliche Übergabe der Karlsmedaille im Aachener Rathaus: (von links) Michael Kayser, Vorsitzender des Vereins Medaille Charlemagne, ESC-Chef Jon Ola Sand, Ingrid Deltenre, Generaldirektorin der Europäischen Rundfunkunion, und der Laudator, Abba-Mitglied Björn Ulvaeus. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Einen ziemlich mondänen und extrovertierten Preisträger hat sich das Kuratorium für die 16. Verleihung der Karlsmedaille für europäische Medien ausgesucht: Seit 60 Jahren im Rampenlicht, unzählige Outfits und Lieder im künstlerischen Repertoire, dazu kommt eine schier gewaltige musikalische Vielseitigkeit, die mitunter über die Schmerzgrenze hinausgeht.

Dann wären da noch das Engagement für die europäische Idee und die sparsamen, aber durchaus eindringlichen politischen Statements – Botschaften, die selten sind in der mitunter reichlich oberflächlichen Welt des Pop-Business. Nicht eine Person, sondern ein Wettbewerb wurde am Donnerstag im Krönungssaal des Aachener Rathauses mit der Auszeichnung bedacht.

Der Eurovision Song Contest (ESC) erhielt die Medaille, die seit dem Jahr 2000 für Engagement um die europäische Einigung und der Bildung einer gemeinsamen Identität vergeben wird. Stellvertretend für die Idee des ESC nahm Ingrid Deltenre als Generaldirektorin der Europäischen Rundfunkunion, die den ESC ausrichtet und für das Fernsehen überträgt, die Auszeichnung entgegen.

„Es ist eine große Ehre. Musik ist eine Sprache, die alle verstehen“, sagte die Schweizerin bei der Verleihung im Aachener Rathaus. „Wir wollen mit der Show für ein grenzenloses Europa einstehen und auch die Freiheit der Medien schützen, gerade in schwierigen Zeiten.“ Die Laudatio hielt an diesem Abend, moderiert von Meike Krüger von der Deutschen Welle, ein ganz Großer der Popmusikwelt, dessen Karriere einst mit dem Gewinn des bis 2001 noch als „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ ausgetragenen Wettbewerbs begonnen hatte.

Im Jahr 1974 war Björn Ulvaeus Teil des Phänomens namens Abba, das quasi über Nacht und mit dem Song „Waterloo“ berühmt wurde, anschließende Weltkarriere und schier ewig währender Kult-Status inklusive. So wurde der 71-Jährige dann auch von vielen Abba-Fans jubelnd vor dem Rathaus begrüßt. In seiner Lobrede würdigte Ul-vaeus den Eurovision Song Contest als starkes und verbindendes Symbol – „mit jeder Menge Show, das war schon immer so“.

Musik habe nach wie vor die Macht zu vereinen. „Sieben Länder waren 1956 dabei“, sagte der Mann, der nach der Karriere mit Abba vor allem als Komponist und Produzent in Erscheinung trat. Der Wettbewerb biete den Bürgerinnen und Bürgern Europas die Möglichkeit, sich über die Grenzen hinweg miteinander verbunden zu fühlen, erklärte Michael Kayser, Vorsitzender des Vereins „Medaille Charlemagne“. „Nationale Interessen stehen für viele Länder derzeit vorn an. So kann nur schwer ein richtiges Gemeinschaftsgefühl aufkommen“, mahnte Kayser im Rahmen der Feier, bei der die Aachener Sängerin und Flötistin Sonja Mischor einen Kurzauftritt mit einem Medley aus ESC-Titeln hatte.

Bereits zum fünften Mal ging die „Médaille Charlemagne“ in diesem Jahr an eine Institution. „Als europaweit ausgestrahlte Musikshow vereint der Contest die Menschen immerhin für einen Abend“, sagte Kayser. „das ist etwas, das auf nationalen Ebenen derzeit nur schwer gelingt.“ Jürgen Linden, Vorsitzender des Karlspreis-Direktoriums (die Medaille wird immer im Umfeld der Karlspreis-Verleihung vergeben), betonte den Show-Charakter des ESC, dessen Massenwirkung aber einzigartig sei.

Die Übertragungen des ESC werden von 200 Millionen Menschen weltweit verfolgt, auch in Australien, Neuseeland und Asien gibt es Fan-Treffen und „Gruppen-Gucken“. Neben Björn Ulvaeus hatte eine weitere prägendes Figur des kontinentalen Gesangswettbewerbs den Weg nach Aachen gefunden. Sängerin Nicole, im Jahr 1982 erste deutsche Siegerin mit dem ewigen „Ein bisschen Frieden“, freute sich sichtlich über das Interesse an ihrem Erfolg vor mehr als 30 Jahren und über die besondere Würdigung des Wettbewerbs.

„Ein bisschen Frieden, das wünsche ich mir noch immer“, erklärte die 51-Jährige. Der offene Umgang mit Homosexualität, auch in Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Liebe verpönt oder gar Anlass für gewalttätige Übergriffe sind, sei nur ein Aspekt, der den einstigen „Grand Prix“ heute auszeichne. Der Sieg der österreichischen Travestiekünstlerin Conchita Wurst im Jahr 2014 sei ein Meilenstein gewesen. In der Vergangenheit taugte der ESC immer wieder als Plattform für politische Statements, auch wenn Politik im Wettbewerb selbst eigentlich außen vor sein soll.

In Erinnerung blieb etwa die schwedische Sängerin Loreen, die öffentlich die Verletzung von Menschenrechten im Gastgeberland Aserbaidschan anklagte und sich mit Vertretern der Opposition in der autoritär regierten Ex-Sowjetrepublik traf.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert