Verkehrsleitzentrale: In der Stille des Feierabendverkehrs

Von: Marlon Gego
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Zwölf Bildschirme pro Arbeitsplatz: Wer in der Verkehrsleitzentrale in Leverkusen arbeitet, muss vor allem stressresistent sein. Sekündlich liefern 2500 Messpunkte auf Nordrhein-Westfalens Autobahnen neue Informationen zur Verkehrslage. Foto: dpa
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2500 Messpunkte, 57 Mitarbeiter: Hanno Bäumer, Leiter der Verkehrsleitzentrale. Foto: Straßen.NRW

Leverkusen. Der Raum, in dem die Autobahnen des Landes zusammenlaufen, ist auch während des Feierabendverkehrs oft völlig still. Manchmal hört man ein leises Husten, manchmal das Klicken einer Tastatur. Eine Maus wird über den Tisch geschoben, von einer Autobahn zur anderen, jemand betritt den Raum oder geht hinaus.

Man sieht die Staus, die sich jetzt wieder bilden, auf der A4 brennt ein Auto, auf der A46 behindern Ausbesserungsarbeiten den Verkehr. Aber der Lärm, der auf den Autobahnen von Hunderttausenden Autos jeden Tag produziert wird, bleibt vor der Schranke zu dem Raum, in dem die Autobahnen des Landes zusammenlaufen.

A3, Leverkusen Richtung Düsseldorf, erste Ausfahrt Opladen, an der Ampel geradeaus und vor die Schranke. Hinter der Schranke liegt der Raum auf der ersten Etage der nordrhein-westfälischen Verkehrsleitzentrale, die das Verkehrsministerium Ende April dort eröffnet hat. Wenn viel Verkehr ist und es trotzdem keinen Stau gibt, dann hat das meist mit jemandem zu tun, der in dem Raum arbeitet. Der rechtzeitig Umleitungen veranlasst, Geschwindigkeiten begrenzt, vorübergehend weniger Autos auf die Autobahn gelassen hat. Und wenn es doch Stau gibt, haben es die Mitarbeiter der Zentrale nicht verhindern können. Die Zentrale ist an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden lang besetzt, irgendjemand ist immer da, der jeden der 2200 Autobahnkilometer des Landes Nordrhein-Westfalen im Blick hat.

Der Leiter der Zentrale heißt Hanno Bäumer und ist 40 Jahre alt, und soweit es Fragen des Verkehrs betrifft, ist er ein Berufener. Dass er Verkehrsingenieur werden würde, stand nur wenige Tage nach seinem 14. Geburtstag fest, als er beschloss, Verkehrsingenieur zu werden. Wenn es sein müsste, könnte er wahrscheinlich die Koordinaten von jedem der 2500 Kontrollpunkten im nordrhein-westfälischen Autobahnnetz benennen. Was er tut, nimmt er ernst, und genau so soll es ja auch sein. Bäumer sagt: „Die Wirkung unserer Arbeit ist enorm.“ Es weiß nur fast niemand.

Die Verkehrsleitzentrale muss man sich ein bisschen wie einen Verkehrspolizisten vorstellen, der mitten auf der Kreuzung zweier stark befahrener Straßen auf einem Podest steht und mit einer Pfeife im Mund den Verkehr am Laufen hält. Weil es nicht so viele Polizisten gibt, wie nötig wären, um den Verkehr auf den Autobahnen in NRW zu regeln, machen das Bäumer und seine 57 Mitarbeiter in der Verkehrsleitzentrale am Computer.

Die Mitarbeiter steuern etwa die Streckenbeeinflussungsanlagen, wie sie entlang der A4 seit 27. Juli 1988 stehen, als der damalige Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes sie als erste in ganz Deutschland einweihte. Mit ihrer Hilfe können die Mitarbeiter das Tempolimit variieren oder Spuren sperren und öffnen, je nach Verkehrs- oder Wetterlage. Mit Hilfe „Dynamischer Informationstafeln zur Anzeige von Stauinformationen und Umleitungsempfehlungen“, wie man sie etwa vom Kreuz Leverkusen kennt, können Bäumers Mitarbeiter den Verkehr lenken, mit Hilfe sogenannter Zuflussregelungsanlagen können sie an 97 Stellen im Land kurzfristig Autobahnauffahren sperren.

Halten sich nur fünf bis zehn Prozent der Autofahrer an die Empfehlungen von Bäumers Mitarbeitern, geht das Konzept auf. Bäumer sagt: „Ob ein Stau entsteht oder nicht, kann manchmal an ein paar Dutzend Autos mehr oder weniger liegen.“

Dass die Verkehrsleitzentrale in Opladen neu gebaut worden ist, war so eigentlich nicht geplant. Der damalige Verkehrsminister Harry Voigtsberger (SPD) übernahm 2010 eine alte CDU-Idee, die vorsah, die Verkehrsleitzentrale zu zentralisieren, und zwar in der Bezirksregierung Köln oder in der Bezirksregierung Arnsberg, die sich bis dahin die Verkehrsregelung auf nordrhein-westfälischen Autobahnen gewissermaßen geteilt hatten. Weil sich aber die beiden Bezirksregierungen nicht einig werden konnten, welche Behörde nun zu Gunsten der anderen auf die Verkehrsleitung verzichten sollte und diese Frage am Ende sogar in einem wüsten Behördenstreit endete, entschied Voigtsberger 2012, einfach eine neue Verkehrsleitzentrale zu bauen und sie den Zuständigkeiten der Bezirksregierungen zu entziehen. Zuständig ist jetzt der Landesbetrieb Straßenbau.

Kostspielige Behördenstreiterei

Für den Steuerzahler wurde die Bezirksregierungsstreiterei einigermaßen kostspielig, denn in den nächsten Jahren sollen bis zu 15 Millionen Euro in die neue Verkehrsleitzentrale investiert werden. Und da die Verkehrsregler in Köln und Arnsberg Beamte waren, konnten sie nicht einfach entlassen werden: Die Bezirksregierungen mussten andere Aufgaben für sie finden.

Im Raum, in dem die Autobahnen des Landes zusammenlaufen, sitzen tagsüber vier Operatoren, nachts zwei. 2500 Messpunkte liefern sekündlich neue Informationen auf die 65 Bildschirme des Raumes, und was die Messepunkte nicht erfassen können, meldet die Polizei per Telefon. Aus den Informationen zaubern die Operatoren Verkehrsmeldungen, Ausweich- und Umleitungsempfehlungen, 55 Radiostationen und Internetdienste bezahlen der Verkehrsleitzentrale Geld dafür.

Wer an den Bildschirmen sitzt, der muss vor allem stressresistent sein. Wenn im Feierabendverkehr in einer Minute drei Unfälle auf zwei Autobahnen passieren, muss ein Operator in der Lage sein, sehr schnell sehr viele Entscheidungen zu treffen und umzusetzen: Tempolimit hier, Umleitung dort. Andererseits muss man als Operator Ereignislosigkeit aushalten können, nachts zum Beispiel. Auch Langeweile kann Stress sein.

19 Operatoren arbeiten in drei Schichten, der Rest von Bäumers Mitarbeitern hält entweder die 2500 Messpunkte instand oder beschäftigt sich mit der Zukunft. Kann sein, sagt Bäumer, dass er in ein paar Jahren überhaupt keine Messpunkte mehr braucht. Schon heute liefert jeder Verkehrsdaten, der ein Navigationssystem während der Fahrt benutzt oder ein Handy mit Ortungssystem im Auto hat. Die meisten ahnen das nicht einmal.

Die Daten bekommt nicht Bäumer, sondern der jeweilige Telekommunikationsanbieter oder Navigationssystemhersteller. Sekundengenau lässt sich nachvollziehen, wer sich wo befindet, besser als jeder Messpunkt, der zudem noch zwischen 25.000 und 75.000 Euro kostet, je nachdem wie kompliziert seine Installation unter der Straßendecke ist. Wenn irgendwann einmal die Handy- und Navigationssystemdaten jedes Autofahrers an einer Stelle zusammenlaufen und ausgewertet werden, kann Bäumer seinen Laden zumachen.

Bäumer sitzt in seinem Büro, es ist so sachlich wie er selbst. Schreibtisch, Besprechungstisch, Schrank, alles aufgeräumt, an der Wand zwei Karten. Eine mit der Verwaltungsgliederung der NRW-Verkehrsbezirke, eine andere, auf der die 2500 Messpunkte eingezeichnet sind. Durch die Verkehrsführung seiner Mitarbeiter gibt es ein Drittel weniger Unfälle auf den Autobahnen, 15, 20 Prozent weniger Stau. Schätzungen, klar. Bäumers Leute steigern sozusagen durch Vermeidung das Bruttosozialprodukt des Landes um mehrere Millionen Euro, Jahr für Jahr. Still, sachlich, und kaum jemand merkt es. Auch das muss man als Mitarbeiter lernen auszuhalten.

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