Aachen - Vergleich zwischen TH und FH: Wer arbeitet mehr?

Vergleich zwischen TH und FH: Wer arbeitet mehr?

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Ein Lernort der RWTH Aachen an einem normalen Nachmittag: Hunderte Studenten lernen, besonders intensiv natürlich in der Zeit unmittelbar vor den Klausuren.
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Studierende der FH, die Kommilitonen befragten (v.l.): Fabian Haak, Paula-Linda Bürschgens, Femke zu Jeddeloh, Jenny Klaus, Christian Blischke.

Aachen. „Keine Zeit, sorry“, sagt der junge, vielbeschäftigt aussehende Student im Vorbeigehen auf dem Weg zur Mensa. Er lässt uns nicht mal ausreden. Die meisten haben es bisher wenigstens über sich ergehen lassen, unsere mittlerweile vielleicht etwas gezwungen motivierte Ansprache anzuhören.

„Hi, wir sind Studenten der FH und machen Interviews zum Thema Zeitmanagement und Vorurteile von Studenten. Hast du Lust, ein paar Fragen zu beantworten und uns zu unterstützen?“ Wenn uns dieses Projekt etwas eingebracht hat, dann auf jeden Fall eine gehörige Horizonterweiterung in Sachen Überredungskunst. Nachdem wir uns erst mal vorbildlich mit unserem beein-druckend professionellen Cam-corder vor dem Mensagebäude der RWTH drapiert haben, stellen wir nach kurzer Zeit enttäuscht fest, dass die Bereitschaft zu einem Interview etwas zu wünschen übrig lässt.

Zumeist wird dies passenderweise mit der Kernfrage unseres Projekts begründet: „Wie viel Zeit hast du als Student?“ – und die Antwort lautete: gar keine. Flapsig im Gehen vor unsere Füße geworfen. Wie wenig Zeit haben die Studierenden heute wirklich? Und welcher Unterschied besteht zwischen der praktisch ausgelegten Fachhochschule und der theoretisch orientierten RWTH?

Vom Diplom zum Bachelor

Seit 1999 ist in Deutschland im Zuge der Bologna-Reform das Bachelor-Master-System etabliert worden . Es räumte den Studierenden zwar diverse Vorteile ein, doch hinsichtlich des Zeitaufwands brachte es eine enorme Mehrbelastung mit sich. Während ein Di-plomstudium für einen etwaigen Aufwand von 20 Wochenstunden ausgelegt war, sollen die Studierenden im Bachelorstudium eine durchschnittliche Leistung von 40 Wochenstunden erbringen. Insbesondere mit der Finanzierung des Studiums durch einen Nebenjob kann diese Anforderung zu einer sehr hohen Arbeitsbelastung führen. Ist das Bachelorstudium also eine Überbelastung für diese zarten Gemüter?

„Gerade dieses Semester merkt man den Zeitdruck, es ist wirklich sehr, sehr, sehr, sehr zeitaufwendig“, sagt ein FH-Student des Fachbereichs Maschinenbau. „Eigentlich würde man gerne schon früh anfangen, für die Klausuren zu lernen, aber es ist zeitlich einfach nicht drin, weil die Praktika einen so überbeanspruchen.“

Wir stehen auf dem Hinterhof der Fakultät der FH in der Goethestraße und lassen uns die Sonne auf den Buckel scheinen. Jeder, der in das Gebäude möchte, wird vorher von uns auf Interviewverdacht geröntgt. Als nächstes geraten zwei Luft- und Raumfahrttechniker in unser Beutefeld. „Die 50-Stunden-Woche kriegen wir auf jeden Fall voll“, meint der eine und sieht den anderen prüfend an.

Ein Tag mehr pro Woche!

Wofür sie gerne mehr Zeit hätten? Sport. Trinken. Diese Antwort gibt es auch gerne in Kombination: „Ja, also... Trinksport“, sagt ein Maschinenbaustudent der FH, während er in der Sonne sitzt und genüsslich in sein Eis beißt.

Abgesehen davon richten sich die Wünsche jedoch generell auf ganz alltägliche Dinge, die durch das Studium vernachlässigt werden: Freunde treffen, Tae-Kwon-Do, generell mal wieder ein bisschen Sport machen, Reisen, Ausgehen... Ein Tag mehr pro Woche wäre toll. Oder noch ein, zwei Stündchen an den Tag hängen.

„Grundsätzlich wäre ich ja irgendwie gerne ein pünktlicher Mensch“, grinst ein FHler sonnig, „aber ich schaff‘s halt nie.“ Ein anderer möchte uns über seine Pünktlichkeit gar nicht erst „in der Öffentlichkeit“ Auskunft geben. Wir mussten ihn etwas hartnäckiger bearbeiten, damit er sich interviewen ließ.

Vielleicht hätten wir doch vor-her Gummibärchen kaufen sollen. Bei Studenten ist es das wohl gewinnbringendste Lockmittel gleich nach Kugelschreibern. Man könnte so weit gehen zu behaupten, die Besucherquote der Vorlesungen könnte rasant in die Höhe steigen, wenn der Professor Gummibärchen ausgäbe. Wobei die Anwendung der erfolgversprechenden Gummibärchentheorie durch die Einführung von Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht recht leicht zu umgehen ist.

Zwischen Theorie und Praxis

Eine parallel zu den Interviews geschaltete Onlineumfrage zum Thema hat ergeben, dass Studierende der FH im Durchschnitt mehr als doppelt so viele Pflichtveranstaltungen haben wie die RWTHler. Von ihnen hat nur etwa jeder Zehnte überhaupt mehr als zwei Pflichtveranstaltungen. Lediglich fünf Prozent der befragten Studierenden der Universität stufen den Praxisanteil ihres Studiums als hoch ein, während drei von vier FHlern ihr Studium als sehr stark praxisorientiert ansehen.

Der Ruf der praxisorientierten FH kommt also nicht von ungefähr. Doch ist das Studium an einer Universität dadurch auch auf-wendiger? Schwieriger? Anstrengender?

Bei unserer Nachforschung an der RWTH kommt uns diesbezüglich einiges zu Ohren: „Ein Kumpel von mir studiert Kommunikationsdesign an der FH, der pennt immer bis 12 und sitzt dann bis zwei Uhr nachts an seinem Computer, also viel macht der nicht...“ FH = fast Hochschule, schreiben einige in die Kommentare unserer Onlineumfrage. Für alle, die die Uni nicht schaffen.

Vorurteile und Klischees

Doch lassen sich die Unter-schiede vielleicht weniger auf die Größe des Zeitaufwands beziehen, als vielmehr auf die Inhalte, welche die Zeitspanne füllen. „Ich kenne zum Beispiel einen von der TH, der zwar viel mehr lernt, aber ich komme wegen meiner Praktika trotzdem später von der Uni wieder“, so ein FHler.

„Ein Klischee, das ich auf jeden Fall auch schon selbst erlebt habe, ist dieses Szenario von einem RWTH-Studenten, der erst mal hundert Berechnungen anstellt, bevor er einen Knopf drückt, während einer von der FH sich eine kurze Zeit dahinstellt und dann läuft‘s“, sagt ein Maschinenbaustudent der RWTH im Interview. „Viele Arbeitgeber legen sehr viel Wert darauf.“

Frank Hartung, Professor an der FH für Multimedia-Technik und Lehrbeauftragter der RWTH, sieht das sehr differenziert. Ob ein starker Praxisbezug im Studium einem den Berufseinstieg erleichtert, hänge zum einen sehr stark von der Berufswahl des Studierenden ab und zum Anderen von dessen Persönlichkeit. Für Berufe, die mehr in der Forschung angesiedelt sind, bereiteten Universitäten etwas gezielter vor. In Fachhochschulen werde man dagegen auf anwendungsbezogene Berufe vorbereitet, in denen direktes „hands on“ von einem verlangt werde, das Universitätsabsolventen erst „on the job“ lernten.

Doch wird ein FH-Bachelor als gleichwertig mit einem Universitäts-Bachelor angesehen? Wie stehen die beiden Hochschulsysteme eigentlich zueinander?

In vielen studentisch übervöl-kerten Ecken Aachens schwirren nicht nur in Bezug auf den Zeitaufwand einige mehr oder weniger dominante Meinungen umher, die ein negatives Urteil über die jeweils nicht gewählte Hochschule erkennen lassen. Das geht von „arrogante Schnösel“ über „Möchte-gern-Elite“ bis zu „laues Niveau“ und „schlechter Ruf“ auf der anderen Seite.

Sicherlich stehen Einzelmei-nungen gegen die Macht des Vorurteil-Geflüsters, doch sind eben diese Klischees im Grunde ja lediglich ein Ergebnis der Polarisierung, das eigentlich nur von denen beurteilt werden kann, die wirklich die Erfahrung damit gemacht haben. Ein ehemaliger Technik-Kommunikation-Student der RWTH, der auf die FH gewechselt ist, weiß außerdem über den Hochschulwechsel zu berichten: „Beim Wechsel auf die FH gibt es eigentlich keine Schwierigkeiten. Aber an der RWTH wird es teilweise recht offen kommuniziert, dass ein FH-Student, der wechseln möchte, kaum eine Chance hat, angemessen viel angerechnet zu bekommen.“

Die Einschätzung Frank Har-tungs im Hinblick auf dieses Thema erweist sich tendenziell als richtig. „Es wird nicht das Vertrauen in die Fachhochschulen gesetzt, dass ihre Studierenden qualifiziert sind. Wenn ein FH-Student beispielsweise vom Bachelor zum Universitätsmaster wechseln möchte, dann werden viele Leistungen verlangt, Prüfungen und Kurse müssen nachgemacht und Vorlesungen im Nachhinein angehört werden. Diese Probleme sind meines Erachtens künstlich erzeugt. Man sollte weniger pauschalisieren und mehr auf Einzelfälle achten.“

Wie ehrlich sind wir?

Welches System schlussendlich besser ist, hängt wohl letzten Endes vom Individuum ab, ebenso wie die Bedeutung von schwer, anstrengend und aufwändig, die jeder für sich selbst definiert. Im Zuge dessen ließe sich auch fragen, wie ehrlich die Menschen zu uns und vielleicht auch zu sich selbst sind. Der erste Satz der Umfrage lautet: „Bitte seid ehrlich zu uns, darum ist es ja auch extra an-onym.“ Dahinter ein verlockender Smiley.

Ablenkung, Demotivation, Aufschieberitis. Eigenschaften, die in den 50 Wochenstunden eingerechnet sind? Die altbekannte SMS am Nachmittag: „Sorry, aber ich glaube, das wird heute Abend nichts. Ich muss noch so viel für die Uni machen“, während man zu Hause am Schreibtisch sitzt, die Folien der letzten Vorlesung zwar geöffnet hat, aber doch irgendwie jede zweite Folie mal kurz zu Facebook abrutscht und jede dritte ohnehin gedanklich Samba tanzt. Exklusive der mal mehr, mal weniger gut unter Kontrolle gehaltenen Gedanken an den Kühlschrank.

Dennoch ist es bestimmt nicht ungerechtfertigt, wenn Studie-rende vieler Studiengänge über das volle Programm klagen und sich mehr Freizeit wünschen. Es bleibt die Frage, ob mehr Freizeit nicht mit mehr Selbstdisziplin einherginge. Und ob diese Selbstdisziplin eine Anforderung ist, die man stellen sollte, wenn man an Sommertagen über den Marktplatz an den Cafés vorbeigeht und Studierende dort lachend mit KommilitonInnen ihre Mittagspause in der Sonne über einem Cappuccino statt über einem Lehrbuch verbringen sieht.

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