Aachen - Verein Mimikama prüft Meldungen aus dem Internet auf ihren Wahrheitsgehalt

Verein Mimikama prüft Meldungen aus dem Internet auf ihren Wahrheitsgehalt

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Andre Wolf arbeitet beim Verein Mimikama, der Meldungen aus dem Internet auf ihren Wahrheitsgehalt prüft. Die Flüchtlingsdebatte schlägt sich dort nieder.

Aachen. Falschmeldungen sind vermutlich so alt wie die Menschheit. Während aber zu Zeiten der Vis-a-vis-Kommunikation nur wenige Menschen davon betroffen waren, gilt in Internetzeiten: viele Fakes (engl. Fälschungen) verbreiten sich rasend schnell und bleiben lange Zeit im Netz.

Mimikama ist ein Verein aus Österreich, der sich zum Ziel gesetzt hat, Lügen zu entlarven, und dessen Facebook-Präsenz „Zuerst denken – dann klicken!“ bereits knapp 600.000 Nutzer mit „gefällt mir“ markiert haben. Ursprünglich ging es dem Verein um gefälschte Gewinnspiele, im Moment beschäftigen Falschmeldungen rund um Flüchtlinge die Macher, wie Andre Wolf unserem Redakteur Amien Idries erklärt hat.

Mimikama deckt im Internet sogenannte Fakes auf, mit denen Menschen auf falsche Fährten gelockt werden sollen. Dabei geht es um Gewinnspiele, Tierquälerei, Kindesmisshandlung und derzeit um die Flüchtlingsdebatte. Fallen Betrügereien umso leichter, je mehr Emotionen im Spiel sind?

Wolf: Natürlich. Je größer die eigene Betroffenheit ist, desto größer die Gefahr, auf einen Fake reinzufallen. Wenn ich irgendetwas objektiv betrachten kann, dann fällt mir das Distanzieren leicht. Wenn ich aber – in welcher Art auch immer – betroffen bin, reagiere ich empfindlicher, emotionaler und dementsprechend weniger rational. Gerade jetzt in der Flüchtlingsdebatte ist prinzipiell jeder betroffen und dementsprechend schwierig ist es für viele, Betrügereien eben nicht auf den Leim zu gehen.

Das heißt, es gibt im Prinzip keinen Fake, der so dumm ist, dass niemand auf ihn reinfällt.

Wolf: Es gibt natürlich Fakes, die spätestens auf den zweiten Blick auffallen. Aber es gibt auch Falschmeldungen, die so perfide und professionell aufgebaut sind, dass man sich wirklich Zeit nehmen muss, um sie zu entlarven. Diese Zeit fehlt den meisten Menschen heutzutage. Sie scrollen mit ihrem Handy durch die Facebook-Meldungen und lesen nur Überschriften. Da ist man verletzlich für Falschmeldungen. Wir machen das beruflich, nehmen uns die Zeit und recherchieren den Meldungen nach.

Das Internet galt lange Zeit als Instrument der Aufklärung, weil jedem alle Informationen zugänglich sind. Verliert man den Glauben daran, wenn man sich täglich mit Falschmeldungen beschäftigt, die bei Facebook tausendfach geteilt werden?

Wolf: Wir stellen fest, dass das Internet mehr und mehr von Informationskriegern besiedelt wird. Es gibt viele Menschen und Organisationen, die die Anonymität des Internets nutzen, um durch Falschinformation die Kommunikation in den Sozialen Netzwerken in ihrem Sinn zu beeinflussen.

Ist das ein Gefühl, oder gibt es harte Fakten?

Wolf: Wir führen keine Statistik, können aber aus unserer täglichen Beobachtung rückschließen, dass zunehmend Desinformation gesät wird. Dabei ist die Frage, was Desinformation ist, immer abhängig vom Auge des Betrachters. Was ich als Falschmeldung betrachte, sehen andere als die reine Wahrheit. Wenn jemand der Meinung ist, dass Chemtrails existieren (Anm. d. Red.: Verschwörungstheorie, wonach mit Flugzeugen Chemikalien in die Atmosphäre gebracht werden, um militärische Ziele zu verfolgen), dann findet er im Internet Quellen, die diese Meinung untermauern. Dann verbreiten eben diejenigen, die gegen Chemtrails argumentieren, die Falschmeldungen. Das Internet ist mittlerweile so groß und vielfältig, dass jeder sich seine eigene Informationsgruppe suchen kann und dort seine eigene Meinung wie in einem Echoraum widergespiegelt sieht.

Es gibt also mehrere „Wahrheiten“?

Wolf: Wenn man so will. Wir machen aber die Wahrheit an objektiven Fakten und Behördenaussagen fest. Das ist schon ein Unterschied zu irgendwelchen Verschwörungstheorien, die bei der kleinsten Recherche in sich zusammenfallen.

Manche Menschen begegnen traditionellen Medien mit großer Skepsis, lassen aber ähnliches Misstrauen bei Informationen aus dem Internet vermissen.

Wolf: Dahinter steckt unseres Erachtens eine schleichende Angriffstaktik der sogenannten Alternativmedien, die seit langem versuchen, das Bild von einer Mainstream- und Lügenpresse aufzubauen, um sich parallel auf einen Sockel der Wahrheit zu stellen. Wenn man im Internet ständig liest, dass etablierte Medien lügen, gekauft sind und gesteuert werden, dann hinterlässt das Spuren. Den etablierten Medien wird dementsprechend weniger vertraut, und Internetmedien mit fragwürdigem Hintergrund können davon profitieren. Irgendwem muss man halt vertrauen. Die „Pegida“-Demonstranten, die Lügenpresse skandieren, sind gewissermaßen die Saat, die da aufgeht.

Eingefleischten Verschwörungstheoretikern kommt man mit Aufklärung vermutlich nicht bei. Was ist das Ziel von Mimikama?

Wolf: Wir wollen den Menschen helfen, die das Netz nutzen, aber nicht die Zeit haben, jeden Fakt einzeln zu hinterfragen. Wir beleuchten die Fakten, die darstellbar und belegbar sind, damit Menschen nicht auf Überschriften oder Falschmeldungen reinfallen.

Wie gehen Sie dabei genau vor?

Wolf: Wir reagieren auf Anfragen von Usern, die über etwas stolpern und wissen wollen, ob das stimmt. Dann betreiben wir klassische Quellenanalyse. Wer hat es geschrieben? Welche Quellen werden zitiert? Für wen wurde es geschrieben? In welchem Zusammenhang steht es? Wir versuchen dann, die Geschichte nachzurecherchieren, indem wir Beteiligte und Behörden zu dem Sachverhalt befragen. In vielen Fällen lässt sich so herausfinden, ob eine Geschichte wahr oder falsch ist. Ganz am Ende posten wir dann einen Artikel mit unseren Erkenntnissen.

Lässt sich so jede Meldung überprüfen?

Wolf: Vielen Anfragen können wir gar nicht nachgehen, weil es keine Quellen oder nähere Angaben gibt. Sobald wir konkrete Anhaltspunkte haben und ein Nutzerinteresse besteht, gehen wir der Sache nach. So wie am vorvergangenen Wochenende, als ein Facebook-Statusbeitrag die Runde machte, in dem berichtet wurde, dass eine Putzfrau in einem Hannoveraner Flüchtlingsheim vergewaltigt und tot auf der Toilette gefunden wurde. Wir haben dann die Polizei vor Ort kontaktiert und schnell eine Rückmeldung erhalten. Die wusste nichts von dem Vorfall, sodass wir diesen Fall als unbestätigt deklariert haben. Das heißt, wir können es weder be- noch widerlegen. Im Folgenden verschwand dann dieser Eintrag, so dass man davon ausgehen kann, dass es eine Falschmeldung ist. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass die Polizei sagt, ja, wir kennen das Gerücht und wissen, dass da nichts dran ist. Dann deklarieren wir es als widerlegt.

Es gibt einige Falschmeldungen, die sich trotz Ihrer Arbeit ewig im Internet halten. Ist das mitunter ein Kampf gegen Windmühlen?

Wolf: Das mag nach außen so wirken, für uns ist es aber das tägliche Geschäft. Gerade eben habe ich einen Artikel zu einem Thema aktualisiert, das uns das erste Mal vor drei Jahren beschäftigt hat. Da geht es um einen Mann, der mutmaßlich Kinderkörper isst. Da gingen heute Morgen urplötzlich zahlreiche Anfragen zu ein. Irgendwo muss das wieder veröffentlicht worden sein, und wir reagieren dann darauf.

Derzeit müssen Sie sich mit vielen Meldungen zum Thema Flüchtlinge beschäftigen. Da wird von Migranten berichtet, die vergewaltigen oder Innenstädte demolieren. Woher kommt die starke Resonanz?

Wolf: Das hat mit der Erwartungshaltung zu tun. Viele denken offenbar, da kommen so viele fremde Menschen, da muss auch was passieren. So wie früher, als man uns gesagt hat: Vorsicht vor Zigeunern, die klauen kleine Kinder. Da hatten wir als Kinder natürlich Angst und haben auf Zeichen geachtet, die diese Erwartungshaltung bestätigen. So ähnlich ist es derzeit wieder. Wenn eine Meldung kommt, gehen viele von einem gewissen Wahrheitsgehalt aus, weil die Grunderwartung da ist.

Von Justizminister Maas gibt es die Initiative, Facebook dazu zu bringen, verstärkt gegen rechtsextreme Hetze in dem Sozialen Netzwerk vorzugehen. Bringt diese Initiative etwas?

Wolf: Das ist nicht mehr als ein Strohfeuer. Maas hat reagiert, um ein öffentliches Bedürfnis zu erfüllen, letztlich redet aber nach ein paar Wochen niemand mehr davon.

Müssten nicht auch der Staat und Facebook ein Interesse daran haben, dass Falschmeldungen aufgedeckt werden.

Wolf: Wenn es um gefakte Gewinnspiele geht, so hat eigentlich niemand ein Interesse daran. Das sind Rand- und Abfallprodukte des Internets, bei denen für Einzelpersonen kein großer Schaden entsteht. Aus unserer Sicht sind sie aber unlauter, weil man belogen wird. Außerdem profitieren die Ersteller der Gewinnspielseiten davon wirtschaftlich. Zum einen durch Links auf kommerzielle Anbieter, die Provisionen generieren, zum anderen herrscht ein reger Handel auf Ebay mit Seiten, die viele „gefällt-mir“-Klicks haben. Die werden dort einfach versteigert.

Gewinnspiele sind das eine, Unwahrheiten über die Flüchtlingssituation ist etwas anderes, weil dort bewusst Stimmung gemacht wird.

Wolf: Was derzeit mit Blick auf die Flüchtlingssituation abgeht, hat eine ganz andere Dimension. Das merkt man daran, dass die Debatte auf Facebook derzeit extrem polarisiert ist. Es gibt kaum die Möglichkeit, sich neutral zu positionieren. Viele wissen gar nicht, was vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt ist und was wegen Volksverhetzung strafrechtlich relevant ist. Die übelste Hetze gegen Flüchtlinge wird kurioserweise von manchen Nutzern als normaler Beitrag zur Debatte empfunden.

Auch gegen Mimikama gibt und gab es Anfeindungen. Wie reagieren Sie darauf?

Wolf: Das halten wir aus. Facebook ist ein sehr schnelllebiges Medium. Was heute große Wellen schlägt, kann morgen schon wieder vergessen sein.

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