Verbrechensopfer sollen die Angst vor dem Gericht verlieren

Von: ddp-Korrespondent Andreas Breuer
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Stefanie Hensen / Zeugenbetreuung
Sozialpaedagogin Stefanie Hensen vor dem Eingang der Zeugenbetreuungsstelle: Die 45-jährige Kölnerin absolvierte nach Abschluss der mittleren Reife zunächst eine Erzieherinnenausbildung und arbeitete in verschiedenen Kinder- und Jugendheimen im Kölner Raum. Später holte sie das Abitur nach und studierte Sozialpädagogik. Seit 2004 arbeitet sie im Kölner Landgericht. Foto: ddp

Köln. Strenge Einlasskontrollen, überfüllte Aufzüge, endlose Flure - die Atmosphäre im Kölner Amts- und Landgericht kann dem Besucher leicht Gefühle von Hektik, Kälte und Verlorenheit vermitteln. Da wirkt ein buntes Schild auf grauer Wand im zweiten Stock des Hochhauses wie ein Fremdkörper.

„Kinderzimmer” steht darauf geschrieben, und es weist auf die von Sozialpädagogin Stefanie Hensen geleitete Zeugenbetreuungsstelle hin.

Die 45-jährige Kölnerin absolvierte nach Abschluss der mittleren Reife zunächst eine Erzieherinnenausbildung und arbeitete in verschiedenen Kinder- und Jugendheimen im Kölner Raum. Später holte sie das Abitur nach und studierte Sozialpädagogik. Seit 2004 arbeitet sie im Kölner Landgericht.

Dort umfasst die Zeugenbetreuungsstelle mehrere Räume. Das bunte Kinderzimmer ist ausgestattet mit Gesellschaftsspielen, Teddybären und Bilderbüchern. Es existiert seit 1998. „Wir wollen Kinder, die als Zeugen vor Gericht geladen sind, altersentsprechend auf die Verhandlung vorbereiten und aus der beklemmenden, kühlen Atmosphäre der langen Flure befreien”, erklärt Hensen das Konzept, das hinter der Einrichtung steckt.

So gibt es neben dem Kinderzimmer auch einen gemütlichen Aufenthaltsraum mit Sofas, Zeitschriften und Fernseher sowie ein „Tobezimmer” mit Turnmatten, kleinem Zelt und Boxsack. Da das Projekt von Beginn an den gewünschten Erfolg brachte, wurde die Zeugenbetreuungsstelle im Jahre 2000 auch auf Jugendliche und Erwachsene erweitert. Hier werden Zeugen über den Prozessablauf informiert, auf ihre Rechte und Pflichten hingewiesen und am Verhandlungstag in den Gerichtssaal begleitet.

„Ich möchte den Zeugen Angst und Anspannung vor Verhandlungen nehmen”, erläutert Hensen. Wenn dafür Gespräche nicht ausreichen, scheut sie sich auch nicht, ihre Klienten zum Stressabbau minutenlang auf den Boxsack einprügeln zu lassen. Ablenkung ist angesagt, deshalb ist das verhandelte Delikt bei der Zeugenbetreuung nicht das dominierende Thema. „Manchmal kenne ich die Fälle gar nicht, in die die Zeugen verwickelt sind”, sagt die Sozialpädagogin.

Besonderen Spaß bereitet der Mutter die Arbeit mit Kindern. „Durch Spielen, Vorlesen und gemeinsames Erzählen kann ich sie gut ablenken”, sagt Hensen. Um den jungen Zeugen die Furcht vor einer Aussage im Angesicht des Täters zu nehmen, appelliert Hensen an Gerechtigkeitssinn und Verantwortungsbewusstsein. „Ich erkläre den Kindern, dass sie durch ihre Aussage andere Menschen schützen und weitere Straftaten verhindern können.”

Misshandlung, Menschenhandel, Mord - die Kölnerin wird tagtäglich mit allen denkbaren Verbrechen konfrontiert. „Was ich hier erlebe, steht in keinem Lehrbuch geschrieben. Man braucht deshalb eine gewisse Lebens- und Berufserfahrung, um erfolgreich als Zeugenbetreuerin arbeiten zu können”, sagt Hensen. Allein ist sie mit ihrem verantwortungsvollen Job nicht. Neben der Sozialarbeiterin Nicole Döll als fester Mitarbeiterin stehen ihr ehrenamtliche Helfer zur Verfügung, die hin und wieder Zeugenbetreuungen übernehmen.

Das NRW-Justizministerium wertet die Arbeit von Betreuerinnen wie Stefanie Hensen als Erfolg. „Solche Angebote sind eine Bereicherung im Rahmen eines effektiven Opferschutzes”, lobt Ulrich Hermanski, Pressesprecher des Ministeriums.

Dass ihr die Arbeit nicht immer leicht fällt, daraus macht Hensen kein Hehl. „Ich versuche immer, neutral zu bleiben, aber selbstverständlich nehme ich Anteil am Schicksal vieler Zeugen.” Besonders erschreckend sei für sie, dass viele Gewalttaten aus „Nichtigkeiten” resultierten: „Mittlerweile muss ich erkennen, dass die Lebensqualität vieler Opfer bis zum Lebensende leidet - das war mir früher nicht bewusst.”
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