Urteil im „Sauerland-Prozess”: Dilettanten oder eiskalter Terror?

Von: Dorothea Hülsmeier, dpa
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Prozess gegen Sauerland-Gruppe
Die Bildkombo zeigt die Angeklagten Daniel Schneider, Atilla Selek, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz (von links nach rechts) in Düsseldorf im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes. Foto: dpa

Düsseldorf. Einen „in Deutschland einzigartigen Massenmord” plante die „Sauerland-Gruppe” - so die Ansicht der Bundesanwaltschaft. Die Verteidiger sprechen dagegen vom „größten untauglichen Versuch eines terroristischen Anschlags”.

Das Düsseldorfer Oberlandesgericht verkündet an diesem Donnerstag (4. März) das Urteil über die vier im Herbst 2007 festgenommenen Islamisten. Nach nur zehn Monaten Verhandlungsdauer geht damit ein Prozess zu Ende, der zumindest vom Aktenumfang her als eines der größten Terrorverfahren Deutschlands in die Annalen eingehen wird.

Sind die Angeklagten im Alter von 24 bis 31 Jahren „stramme Gotteskrieger” oder junge Männer, die sich - so ein Verteidiger - „schlichtweg vergaloppiert und von der Islamischen Dschihad Union vor den Karren spannen lassen haben”? Das Foto des langhaarigen Daniel Schneider, der bei seiner Festnahme trotzig-verwegen in die Kameras zu blicken scheint, ging im Herbst 2007 um die Welt. Das Bild eines fanatischen Dschihadisten gab er vor Gericht aber nicht ab.

Schneider (24), der jüngste der Gruppe, zeigte sich sogar erleichtert über seine Festnahme und bereute seine Taten. Reumütig trat auch der Deutschtürke Atilla Selek (25) auf, der die Zünder für die Bomben in der Türkei beschafft hatte. Er bezeichnete seine Mitwirkung als Fehler. Dass von den 26 Zündern, die er organisierte, nur drei funktionstüchtig waren, wusste Selek wohl nicht.

Selbst der Anführer der Gruppe, Fritz Gelowicz (30), gelobte in seinem Schlusswort Abkehr vom Terror. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass seine 28-jährige Frau verhaftet wurde. Sie soll Geld für die IJU gesammelt haben, in deren Auftrag die „Sauerland”-Gruppe Anschläge in Deutschland verüben sollte. Nur einer schwärmte vom bewaffneten Dschihad - Adem Yilmaz (31), der sich durch sein unbeherrscht-flegelhaftes Auftreten mehrmals mit dem Senat anlegte.

Mit ihren umfangreichen Geständnissen, die mehr als 1200 Seiten füllen, machen sich die Angeklagten Hoffnungen auf einen Strafrabatt. Dies hatte ihnen der in Terror-Prozessen erfahrene Vorsitzende Richter Ottmar Breidling in Aussicht gestellt. Die Bundesanwaltschaft hat Haftstrafen von 13 bis fünfeinhalb Jahren beantragt. Die Verteidiger fordern Strafen unter zehn Jahren.

Ohne die Auskunftsbereitschaft der vier Islamisten hätten die deutschen Behörden nach Ansicht der Verteidiger kaum solche tiefen Einblicke in Schleuser-Wege und die Terrorlager in Waziristan gewonnen. Wurde die Existenz der IJU zu Beginn des Prozesses in Medien noch angezweifelt, so ist jetzt sogar der baden- württembergische Verfassungsschutz davon überzeugt, dass es sie gibt.

Am Ende des Prozesses stehen nach Ansicht der Verteidiger aber auch etliche Fragen, etwa zur Rolle der Geheimdienste. Auf Schritt und Tritt waren die Angeklagten monatelang überwacht worden, ihre Mietwagen wurden verwanzt, ihre E-Mails mitgelesen. In der Türkei gab es mit dem inzwischen per Haftbefehl gesuchten Mevlüt K. einen weiteren Helfer der „Sauerland”-Gruppe - er soll Geheimdienst- Informant sein.

In einem angemieteten Ferienhaus im Sauerland wollten Gelowicz, Yilmaz und Schneider aus mehr als 700 Litern Wasserstoffperoxid - das die Fahnder bereits heimlich verdünnt hatten - Bomben bauen und Anschläge auf US-Kasernen, Discos, Kneipen oder Flughäfen verüben. Mit einer Terrorwelle - schlimmer als die Anschläge in Madrid oder London - sollte Deutschland vor der Abstimmung über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan überzogen werden.

Die Bevölkerung sei angesichts der Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Terroristen zu keiner Zeit in Gefahr gewesen, meinen dagegen die Anwälte. Die Angeklagten seien dilettantisch vorgegangen. Doch obwohl die Männer wussten, dass die Polizei ihnen auf den Fersen war, verfolgten sie ihren blutigen Plan unbeirrt weiter - bis die Spezialeinheit GSG 9 am 4. September 2007 im Sauerland zuschlug.
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