Ursache des Unglücks im Severinsviertel weiter ungeklärt

Von: Markus Peters, ddp
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Mitarbeiter suchen in einer Halle eines Entsorgungsunternehmens in Porz in den Trümmern des Historischen Stadtarchivs und zweier Nachbarhäuser nach Archivalien. In der Halle werden - wie auch an der Unglücksstelle im Severinsviertel - die Dimensionen deutlich, die die Folgen des Einsturzes für das kulturelle Gedächtnis der Stadt haben. Pro Tag rollen hier durchschnittlich acht Lkw mit Trümmern von der Unglücksstelle auf der anderen Rheinseite an - pro Ladung liefern sie 18 Tonnen Schutt an, aus dem die 40 bis 50 Bauhelfer das wertvolle Archivmaterial bergen sollen. Foto: ddp

<b>Köln. </B>Drei Minuten - so wenig Zeit ist am 3. März 2009 den rund 20 Mitarbeitern und Nutzern des Kölner Stadtarchivs geblieben, um ihr Leben zu retten. Verdächtige Geräusche im Gebäude und Warnrufe von Bauarbeitern hatten sie aufgeschreckt.

Augenblicke, nachdem der letzte Mensch herausgelaufen war, kippte das siebengeschossige Archivgebäude nach vorne weg und riss zwei benachbarte Wohnhäuser mit sich. In den Trümmern starben zwei junge Männer im Alter von 17 und 24 Jahren, mehr Todesopfer gab es wie durch ein Wunder nicht.

Als um 13.58 Uhr der erste Notruf bei der Feuerwehr einging, hatte sich in der Kölner Südstadt ein tiefer Krater gebildet, die Umgebung sah aus wie nach einem Bombeneinschlag. Hunderttausende unersetzliche historische Dokumente wurden verschüttet, zahlreiche Menschen verloren ihr komplettes Hab und Gut.

Kölns damaliger Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) sprach später von der schlimmsten Katastrophe, die seine Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg ereilt habe. Wer die Schuld trägt an diesem Unglück und ob es vermeidbar gewesen wäre - das sind Fragen, die auch nach rund neun Monaten noch nicht beantwortet werden können.

In unmittelbarer Nähe des Historischen Stadtarchivs bauen die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) die neue unterirdische Nord-Süd-Bahn. Als Auslöser des Einsturzes gilt ein Wasser- und Erdeinbruch in die Baugrube in etwa 28 Meter Tiefe. Dadurch ist vermutlich das Erdreich unter dem Archivgebäude abgesackt. Das Fundament verlor seinen Halt.

Wodurch dieser Wassereinbruch verursacht wurde, versuchen derzeit mehrere Gutachter im Auftrag der Staatsanwaltschaft zu klären. Einen entscheidenden Fortschritt wird es aber womöglich erst geben, wenn voraussichtlich im Frühjahr das letzte Archivgut geborgen und die eigentliche Unglücksstelle freigelegt ist.

Nach der Katastrophe wurde bekannt, dass schon Monate zuvor Risse und Setzungen am Archivgebäude festgestellt wurden. Auch an weiteren 400 Gebäuden entlang der unterirdischen Stadtbahntrasse hatten sich teilweise erhebliche Schäden gezeigt.

In einer beispiellosen Aktion haben freiwillige Helfer über Wochen Unmengen verschüttete Dokumente geborgen. So konnten etwa 85 Prozent der Bestände geborgen werden. „Geborgen heißt aber nicht gerettet”, betont Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia. 35 Prozent der Materialien wiesen schwerste Schäden auf, jedes zweite Stück müsse als schwer bis mittelschwer beschädigt gelten. Lediglich 15 Prozent seien nur leicht beschädigt. Fünf Prozent der Archivalien gelten derzeit als Totalverlust.

Die Bearbeitung der teilweise in winzige Fragmente zerlegten Dokumente nennt Schmidt-Czaia ein „Milliardenpuzzle”. Auch müssten alle Fundstücke gründlich vom aggressiven Betonstaub befreit werden. Ihre Restaurierung wird nach einer Musterrechnung der Stadt Köln 200 Restauratoren 30 Jahre lang beschäftigen. Die Kosten werden auf rund 300 Millionen Euro geschätzt.

Die Experten der Stadt gehen davon aus, dass etliche Archivalien noch im Grundwasser am Einsturzkrater liegen. Für ihre gefahrlose Bergung werden derzeit umfangreiche Schutzmaßnahmen vorbereitet.

Das Unglück löste auch politische Konsequenzen aus. Zermürbt von der öffentlichen Kritik an seinem Krisenmanagement verzichtete Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) auf eine erneute Amtszeit. Bei der Kommunalwahl wurde Jürgen Roters (SPD) zu seinem Nachfolger gewählt. Walter Reinarz, der für den Stadtbahnbau zuständige KVB-Vorstand, ist weiterhin im Amt.
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