Aachen/Waldfeucht - Untreue-Prozess: Dämmerung im Paradies des Buchhalters

Untreue-Prozess: Dämmerung im Paradies des Buchhalters

Von: Marlon Gego
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Der Angeklagte und seine Verteidiger: Dirk B. mit Jana Merten und Thomas Heitzer am Dienstag vor dem Aachener Landgericht. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Waldfeucht. Mit dem Geld, das Dirk B. ihr überwies, hätte Jui sich wahrscheinlich das ganze Dorf kaufen können. Jui bekam 10.000 Euro am 18. November 2015, noch mal 10.000 Euro einige Tage später, in den folgenden Tagen 9000, 8000, 5000, 1000 und am 28. Dezember 2015 noch mal 4000 Euro, macht 47.000 Euro in fünf Wochen. In Thailand ist das eine Menge Geld.

Dirk B. sagt, das Geld habe er Jui für ein Auto gegeben. Das schönste Haus im Dorf besaß sie ja schon, gekauft zum größten Teil mit Geld, das Dirk B. ihr überwies, vermutlich. Genau wird man es nicht klären können, es spielt auch keine Rolle mehr.

Seit Dienstag steht der 57 Jahre alte Dirk B. aus Waldfeucht vor dem Aachener Landgericht, er hat eingeräumt, seinen Arbeitgeber, ein Aachener Möbelhaus, um fast 1,2 Millionen Euro gebracht zu haben. Da Dirk B. als Controller, Buchhalter, Kontenführer und irgendwie als Mädchen für alles in dem Möbelhaus gearbeitet hat, wenn auch freiberuflich, ist er wegen schwerer Untreue angeklagt.

Dirk B. besaß Vollmachten für die wichtigen Konten der Firma und überwies sich zwischen April 2012 und Februar 2017 genau 1.176.202,22 Euro. Die etwa 300.000 Euro, die er sich schon zwischen 2007 und 2012 überwiesen hatte, sind verjährt.

Der Massageclub

Wo denn das ganze Geld hingeflossen ist, will der Vorsitzende Richter Hans-Günter Görgen natürlich wissen, und so richtig kann Dirk B. es nicht erklären. Klar, er erweiterte seine Sammlung historischer Motorräder um vier Modelle für insgesamt 18.000 Euro, er erweiterte seine Waffensammlung, aber der Großteil des Geldes? „Den hab‘ ich verschenkt“, erklärt Dirk B. gefasst.

Der Richter muss noch ein bisschen fragen, bis er zum Kern der Sache vordringt, und der Kern der Sache ist ein thailändischer Massageclub. Bis 2015 war der Club in Mönchengladbach, anschließend zog die Chefin samt Belegschaft nach Witten im südlichen Ruhrgebiet um und eröffnete den Club dort neu. Dirk B. war dort seit 2014 Stammgast. Er kam freitagabends an und fuhr sonntagmittags wieder nach Hause, nach Waldfeucht. Die Wochenenden kosteten ihn im Schnitt 3000 Euro.

Seit 2001 ist Dirk B. in zweiter Ehe mit einer 15 Jahre jüngeren Brasilianerin verheiratet, und wenn es stimmt, was Dirk B. und seine Verteidiger am Dienstag dem Gericht erklärten, ist „Hölle“ noch ein verhältnismäßig milder Ausdruck für das, was Dirk B. in dieser Ehe zu erleiden hatte. Seine Frau wird als herrisch, dominant, manipulativ und fordernd beschrieben, B.s Verteidiger, Thomas Heitzer, sagt, er kenne sie aus zahllosen Verfahren. Ihre Streitsucht habe sie verschiedentlich in juristische Schwierigkeiten gebracht.

Wenn Dirk B. zu Hause Ruhe haben wollte, musste er seiner Frau etwas bieten, sagt er. Und obwohl er zwischen 8000 und 9000 Euro im Monat verdiente, reichte das nicht, um die materiellen Ansprüche seiner Frau befriedigen zu können. 2007 stellte er als Buchhalter der Aachener Firma erstmals eine Überweisung an sich selbst aus, und weil das nicht weiter auffiel, machte er einfach immer weiter.

Zunächst sei es darum gegangen, den Lebensstandard seiner Frau und der beiden Kinder zu erhöhen, während er selbst im Keller des gemeinsamen Hauses in Waldfeucht auf einer Matratze geschlafen habe, sagt Dirk B. Bis er 2014 schließlich den Massageclub in Mönchengladbach entdeckte, in dem er bald zum gern gesehenen Stammkunden wurde.

Wenn er freitagabends kam, verließen die anderen Kunden den Laden, alles drehte sich nur noch um ihn. Alkohol, Sex, gekaufte Liebe. Dirk B. sagt: „Da ging‘s mir gut, da konnte ich mich fallen lassen.“ Zu Hause habe er hingegen „in einer Scheinwelt gelebt“.

2012 überwies B. sich selbst Beträge vom Wareneinkaufskonto, die 2500 Euro nicht überstiegen. Sein früherer Chef sagte am Dienstag als Zeuge vor Gericht, die Beträge hätten weniger als einem Prozent des Kontostandes entsprochen. Und weil B. für jede der insgesamt 227 Überweisungen an sich selbst eine erfundene Rechnung erstellt habe, seien die Veruntreuungen dem Steuerberater auch bei der Erstellung des Jahresabschlusses nicht aufgefallen.

2014 wurde Dirk B. mutiger und erhöhte die Summe in den Überweisungen an sich selbst, auch die Frequenz nahm zu, er brauchte nun mehr Geld. Die jungen Thailänderinnen aus dem Massageclub standen B. auch für private Kontakte zur Verfügung, er zog in Waldfeucht aus und nahm sich eine Wohnung in Korschenbroich.

Er begann, nach Thailand in den Urlaub zu fliegen. Ob er mit den Frauen aus dem Club gemeinsam Urlaub machte oder sie im Urlaub in Thailand traf, blieb am Dienstag vor Gericht offen. Klar ist nur, dass B. bis März 2017 fünf Mal nach Thailand flog, insgesamt neun Wochen dort blieb und dafür fast 100.000 Euro ausgab.

Mit der Zeit hielt Dirk B. vier oder fünf Frauen aus dem Massageclub aus, wie viele es genau waren, weiß er nicht mehr. Wenn es danach geht, wem er das meiste Geld überwies, war Jui seine Lieblingsfreundin. 20.000 Euro für die Renovierung des Hauses von Juis Schwester hier, 6000 Euro für Medikamente für Juis Mutter da, die 47.000 Euro fürs Auto, dazu die Sausen jedes Wochenende.

Irgendwann stellte B. aber fest, dass Jui, die eigentlich Darica D. heißt, nur wegen des Geldes mit ihm zusammen war. Als die Häuser ihrer Schwester und ihres Bruders renoviert waren, habe Darica einen Polen geheiratet. B. sagt: „Ich habe der Falschen geholfen.“

Wirkliche Gefühle

Einer der Thailänderinnen schrieb Dirk B. per SMS, dass er sich nach einer Frau sehne, die ihn wirklich liebt. Die da ist, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, die zärtlich zu ihm ist, wirkliche Gefühle für ihn hat und nicht nur wegen des Geldes bei ihm bleibt.

Im August und September 2016 überwies Dirk B. sich insgesamt 150.000 Euro vom Firmenkonto des Möbelhauses. Die Frauen wollten immer mehr Geld, sagt Dirk B. Der Anwalt des Möbelhauses, für das Dirk B. bis zu seiner Festnahme am 6. März 2017 arbeitete und das das Geld natürlich wiederhaben will, möchte wissen, ob B. etwas beiseite geschafft, in Thailand vielleicht ein Geschäft oder ein Haus gekauft hat.

Auch Richter Görgen will wissen:„Haben Sie irgendwo Geld deponiert?“

Dirk B. sagt: „Das ist nicht so.“

Görgen: „Wirklich nicht?“

„Nein“, sagt Dirk B.

Er habe das meiste einfach verschenkt.

Richter Görgen fragt: „Und wenn eine Frau zu Ihnen sagte: ,Papa, ich brauch‘ Geld!‘, dann haben Sie gezahlt?“

B. sagt: „Ich weiß, es hört sich furchtbar an, aber so war‘s.“

Das Urteil soll am Donnerstag, 14. September, gesprochen werden. Dirk B. drohen zwischen sechs Monate und zehn Jahre Haft.

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