Aachen - Unterwasserrugby: Einmal tief Luft holen, Augen zu und durch!

Unterwasserrugby: Einmal tief Luft holen, Augen zu und durch!

Von: André Schaefer
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Wer den Ball in der Hand hält, ist sofort der Gejagte. Die Unterwasserrugby-Mannschaft der Öcher Otter weiß mit dieser Schwierigkeit umzugehen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten spielt das Team in der 2. Bundesliga. Foto: Öcher Otter
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Vor der Praxis erfolgt zunächst die Theorie: Andreas Trzuskowsky (rechts) gibt André Schaefer eine kleine Einführung in die Sportart. Foto: Kreutz

Aachen. Es dauert exakt fünf Minuten, da verspüre ich die ersten Schmerzen. Es knackt im Ohr, ein heftiger Druck breitet sich aus in meinem Kopf, und ich habe den Drang, aufzutauchen, Luft zu holen, am Beckenrand eine Pause zu machen.

Während ich nach oben gleite, und zeitgleich bereits Taucherbrille und Schnorchel von mir reiße, geht es fünf Meter unter mir am Boden des Wasserbeckens gerade erst richtig zur Sache. Schnell wird mir klar: Unterwasserrugby ist kein Hallenschach. 

Für unsere Serie „Wir unterwegs“ bin ich zu Gast in der Ulla-Klinger-Halle, wo eine kleine Gruppe des Aachener Tauchclubs (ATC) jeden Donnerstagabend einer Sportart nachgeht, mit der der Laie im ersten Moment nur wenig anfangen kann. Und zugegeben: Beim Namen Unterwasserrugby schießen mir im Vorfeld meines ersten Trainings mehr Fragen als Antworten durch den Kopf. Rugby, ja, haben wir alle schon mal irgendwo gesehen. Aber unter Wasser? Ohne Sauerstoffflasche? Mit einem Ball? Je mehr Gedanken ich mir vor meinem Besuch mache, desto größer wird mein Interesse geweckt für das, was das Team der Öcher Otter seit mehr als zwei Jahrzehnten mit Leidenschaft in der 2. Bundesliga ausübt.  1987 formierten sich einige Mitglieder des ATC, um die offiziell in den 1960er Jahren in Mülheim an der Ruhr ins Leben gerufene Wassersportart auch nach Aachen zu holen. Den Namen Öcher Otter gaben sie sich damals spontan. „Bis heute gefällt uns dieser Team-Name ganz gut“, sagt Andreas Trzuskowsky, Spieler und Pressewart der 21-köpfigen Mannschaft, in der sowohl Frauen als auch Männer spielen.

Der 29-Jährige setzt an diesem Abend extra aus mit dem Training, um mir das Rangeln um den Ball unter Wasser beizubringen. Doch bevor ich so richtig ins Geschehen eingreifen kann, schaut er mir zunächst auf die Finger, genauer gesagt auf meine Fingernägel. „Die sehen okay aus“, sagt er, und blickt dabei in mein fragendes Gesicht. „Die dürfen nicht zu lang sein, sonst kratzt du deine Gegenspieler unter Wasser“, erklärt Andreas Trzuskowsky. Kratzen ist also nicht erlaubt. So hart kann Unterwasserrugby doch gar nicht sein, denke ich mir, während ich meine Badehose kurz nochmals enger schnüre. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahne: Unterwasserrugby ist noch viel härter. 

Nach kurzer Anweisung am Beckenrand geht es also endlich ins Wasser. Die Flossen sitzen, mein Helm mit Ohrenschutz ist angelegt und auch die Taucherbrille verrutscht nicht. Ich bin bereit, möchte loslegen, den Unterwasser-Kampf um den Ball beginnen. Doch zunächst geht Andreas Trzuskowsky mit mir das Einmal-eins des Tauchens durch. Und das sieht vor, einmal abzutauchen und beim Auftauchen den mit Wasser gefüllten Schnorchel auszublasen. Ich hole also tief Luft, tauche ab, komme wieder hoch, und puste das Wasser mit dem in meiner Lunge befindlichen Rest-Sauerstoff aus. Andreas Trzuskowskys Daumen geht hoch – ein Kinderspiel, denke ich mir.  Ich nehme erstmals das Spielgerät in die Hand und bin erstaunt, wie schwer die handballgroße Kugel tatsächlich ist, um die während eines Spiels insgesamt 24 Sportler kämpfen. Lässt man die mit Salzwasser gefüllte Kugel los, dauert es keine fünf Sekunden, ehe das Spielgerät am Boden des Beckens angekommen ist. Doch bevor ich meinen ersten Pass unter Wasser spielen darf, heißt es noch einmal abtauchen. Und zwar senkrecht. Bis zum Boden.

Dass das Abtauchen fünf Meter in die Tiefe nicht spurlos an meinen Ohren vorbei geht, habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Schirm. Ebenso wenig, dass mir ein harmloser Schnupfen einen Strich durch die Rechnung macht. Zügig, aber vor allem naiv, bewege ich mich nach unten. Dabei verhalte ich mich so, als hätte ich noch nie etwas von Druckausgleich gehört. Prompt erhalte ich die Quittung. Tiefer als drei Meter kann ich nicht abtauchen. Der entstehende Druck im Kopf ist unerträglich. „Bei Erkältungen funktioniert der Druckausgleich nicht gut“, sagt mir Andreas Trzuskowsky, während ich fürchte, dass mein Training an dieser Stelle sein abruptes Ende gefunden hat. Als die restlichen Mannschaftsmitglieder erste Angriffe unter Wasser trainieren, sitze ich ziemlich deprimiert am Beckenrand. Schon jetzt steht fest: Fünf Meter kann ich an diesem Abend nicht mehr abtauchen. 

Dabei müsste ich das eigentlich, um ernsthaft mitspielen zu können. Denn am Boden des Beckens befinden sich die beiden Zielobjekte, um die es beim Unterwasserrugby geht: zwei Körbe, in die der Ball abgelegt werden muss. Zweimal 15 Minuten dauert ein Spiel, bei dem jeweils zwölf Spieler gegeneinander antreten, von denen sich allerdings immer nur sechs pro Team unter Wasser befinden. Im Schnitt bleibt ein Spieler zwischen 15 und 20 Sekunden unter Wasser. Dann taucht er auf, um Luft zu holen. Das Spiel ist daher ständig geprägt von fliegenden Wechseln: Taucht der eine auf, taucht ein anderer ab; ansonsten hätte der Gegner freie Bahn. „Deswegen auch der Schnorchel“, sagt Andreas Trzuskowsky. „Wenn du an der Wasseroberfläche bist, beobachtest du von oben das Spielgeschehen, um möglichst schnell eingreifen zu können.“ Richtig eingreifen, das kann ich an diesem Abend im Becken der Ulla-Klinger-Halle nicht mehr. Und es wurmt mich.

Abbrechen kommt für mich hingegen nicht in Frage. Ich will mitmachen, egal wie. Und so erhalte ich zumindest beim Anschwimmen, dem Start des Spiels, ein erstes Gefühl für diese exotische Sportart. Ich halte den Ball fest in meinen Armen, dann ertönt der Pfiff, und ich schwimme Seite an Seite mit den anderen fünf Teammitgliedern vom Beckenrand los, um nach wenigen Beinschlägen abzutauchen. Zumindest ein, zwei Meter tief. Mit dem Kopf bin ich gerade unter Wasser, da blicke ich schon meinem Gegenspieler in die Augen, der von der gegenüberliegenden Seite des Beckens angeschwommen ist. Von allen Seiten stürmen plötzlich die gegnerischen Spieler auf mich zu, wollen mir den Ball mit aller Macht aus der Hand reißen. So gerade gelingt es mir noch, das Spielgerät über eine Entfernung von rund einem Meter meinem Mitspieler zuzuwerfen. Es dauert eine Sekunde, da wird er von sechs Gegnern gleichzeitig attackiert. Viel Zeit zum Überlegen gibt es beim Unterwasserrugby nicht. 

Es ist die Dreidimensionalität, von der das Spiel geprägt ist. „Du kannst jederzeit von vorne, hinten, von der Seite sowie unten und oben angegriffen werden. Das macht es so spannend“, sagt Ulla Galia. Die 41-Jährige ist Spielertrainerin der Öcher Otter und ganz nebenbei noch ehemalige deutsche Frauen-Nationalspielerin. Denn auch weibliche und männliche Nationalmannschaften hat dieser Sport vorzuweisen. 2001 wurde Ulla Galia Europameisterin, 2013 sogar Weltmeisterin. „Unterwasserrugby mag keine große Popularität haben, Leistungssport üben wir trotzdem aus“, sagt sie.

Tatsächlich fange ich an diesem Abend an, ihr das zu glauben. Eine Stunde dauert das Training im Wasser, die letzten 20 Minuten schaue ich mir nur noch aus der Ferne an. Und ich bin fasziniert, mit welcher Schnelligkeit der überwiegende Teil des Teams in fünf Metern Tiefe unterwegs ist. Es wird gedrückt, gezerrt, attackiert – alles unter voller Belastung und ohne eine Möglichkeit, tief Luft zu holen. Es wundert mich nicht, dass die Öcher Otter sichtlich ausgelaugt nach 60 Minuten aus dem Wasser steigen. Bei der Abschlussbesprechung von Trainerin Ulla Galia stelle ich mich zur Gruppe dazu. „Das war ein gutes Training“, lobt sie die ein wenig schwer atmenden Teammitglieder. Einer atmet in diesem Moment nicht schwer: ich. Ein gutes Training war das an diesem Abend von mir leider nicht. Einiges mitnehmen konnte ich trotzdem: Ohrenschmerzen und einen positiven Eindruck einer ganz besonderen Sportart.

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