Aachen - Unterschätzte Gefahr von Alkohol: Jede vierte Schwangere trinkt

Unterschätzte Gefahr von Alkohol: Jede vierte Schwangere trinkt

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
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Schon ein Tropfen Alkohol während der Schwangerschaft reicht aus: Die Folgen für ein ungeborenes Kind können fatal sein. Foto: imago/STPP

Aachen. Wer Alkohol während der Schwangerschaft trinkt, kann seinem ungeborenen Kind erheblichen Schaden zufügen. Das weiß heutzutage eigentlich jeder – sollte man meinen. Doch dem ist offenbar nicht so: Denn die Zahl der Kinder, die durch den Alkoholkonsum der Mütter Schaden nehmen, steigt bundesweit.

An exakte Zahlen zu kommen, ist schwierig, die Dunkelziffer hoch. Flächendeckend erfasst werden die Fallzahlen zumindest bei Kindern, die in Pflegefamilien leben und vom Jugendamt betreut werden: Jedes vierte von ihnen ist laut dem Verein FASD Deutschland betroffen. Und auch in der Städteregion steigt die Zahl der Betroffenen kontinuierlich.

FASD: Das steht für fetale Alkoholspektrumstörungen. 1968 wies ein französischer Arzt erstmals eine solche Entwicklungsstörung bei einem Kind nach, die durch den Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ausgelöst wurde. Es dauerte noch fast ein halbes Jahrhundert, bis in Deutschland schließlich 2016 offizielle Leitlinien erlassen wurden, die den Ärzten bei der Stellung der Diagnose helfen sollten. Vor allem dann, wenn die Mutter ihren Alkoholkonsum nicht zugibt.

Messbar ist der Trend vor allem indirekt. In Stolberg beispielsweise ist nach Aussage der Stadt jedes dritte Kind, das vom Jugendamt aus seiner Familie geholt worden ist und nun bei Pflegeltern lebt, betroffen. Auch in Würselen ist laut Stadt eine Steigerung der Verdachtsdiagnosen zu beobachten. Das gleiche gilt für Baesweiler, Simmerath, Roetgen und Monschau, wie die Städteregion auf Anfrage mitteilt. Genaue Fallzahlen gebe es dazu zwar nicht. Es bestünde jedoch kein Zweifel daran, dass sich dieser Trend abzeichne.

Das FASD-Zentrum Berlin schätzt, dass in Deutschland jährlich bis zu 4000 Neugeborene betroffen sind. Der Verein FASD Deutschland geht davon aus, dass jährlich 10.000 Babys mit der Krankheit zur Welt kommen. Die Dunkelziffer dürfte allerdings weitaus höher liegen.

Die Gründe dafür sind vielseitig. „FASD war immer ein Thema, aber nie in der Öffentlichkeit“, sagt Ilona Krauspe-Stübecke, die das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) am Bethlehem-Gesundheitszentrum in Stolberg leitet. 1999 entstand in Deutschland eine Online-Selbsthilfegruppe, im Jahr 2002 gründete sich daraus der Verein FASD Deutschland, der seitdem aktive Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit betreibt.

Warum es so lange gedauert hat, bis das Thema öffentliches Interesse erlangte, weiß Dr. Uwe Heindrichs zwar nicht. Der Leiter der Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie am Bethlehem-Gesundheitszentrum vermutet aber, dass das an der gesellschaftlichen Veränderung liegt.

„Es war immer ein sehr schambesetztes Thema. Es wird erst seit einigen Jahren von den Medien aufgegriffen. Man nimmt es stärker wahr, aber es muss sich noch viel tun.“ Das sieht auch Bernd Krott so. Er ist Jugendamtsleiter in Herzogenrath und meint: „Ich würde mir noch umfassendere Präventionsangebote und Aufklärung seitens der Krankenkassen, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Gynäkologen wünschen.“

Eine Veränderung, die nicht nur in den Köpfen der werdenden Mütter, sondern auch in denen zahlreicher Gynäkologen stattfinden muss, meint Anja Bühl vom Pflegekinderdienst der Stadt Stolberg. „Es gibt leider noch immer Gynäkologen, die ihren Patientinnen ein Glas Sekt für den Kreislauf empfehlen. Das ist aber das falsche Zeichen. Es ist wichtig, dass die Gynäkologen mitziehen, denn das, was der Arzt sagt, ist für viele Frauen Gesetz.“

Jede vierte Schwangere trinkt

Nach einer europaweiten Studie trinken 26 Prozent der Frauen in Deutschland Alkohol während der Schwangerschaft. Die Konsequenzen, die das für den Nachwuchs haben kann, sind verheerend. Die Symptome reichen von Kleinwuchs, Untergewicht über Kleinköpfigkeit bis hin zu Störungen des zentralen Nervensystems. Verursacht werden sie vom Zellgift Alkohol. Dieses kann nicht von der Plazenta in der Gebärmutter aufgehalten werden.

„Die Plazentaschranke kann sogar einige Stoffe aufhalten, die in Chemotherapien enthalten sind. Der Alkohol hingegen passiert die Schranke ungehindert und geht ungebremst zum Kind über“, sagt Dr. Uwe Heindrichs. Er erklärt: „Alkohol ist gut löslich und verteilt sich schnell im Kreislauf eines Erwachsenen. Ein ungeborenes Kind kann ihn selbst erst gar nicht und nach zwei Monaten nur sehr langsam abbauen, und so kommt es dazu, dass das Kind einen mindestens genauso hohen Alkoholspiegel hat wie die Mutter.“

Für Ärzte ist es schwierig, die Erkrankung eines Kindes in Folge eines Alkoholkonsums der Mutter nachzuweisen. Denn nicht jedes entdeckte Symptom sei auf die Krankheit FASD zurückzuführen. „Minderwachstum oder ein zu kleiner Kopf werden auch bei anderen Krankheiten diagnostiziert. Man muss vorsichtig sein. Schließlich möchte man auch niemanden voreilig stigmatisieren“, sagt Krauspe-Stübecke.

Diese Auffassung teilt auch Marianne Werden-Bergs von der Abteilung Soziale Dienste und Frühe Hilfen der Städteregion. „Letztlich ist eine Diagnose auch schwierig zu setzen, da verständlicherweise die Kindesmütter nur selten den Alkoholkonsum in der Schwangerschaft einräumen.“

In der Städteregion sei das Thema zunehmend im Fokus. Im Februar dieses Jahres veranstalteten die Jugendämter der Städteregion gemeinsam mit dem Gesundheitsamt eine große Präventionswoche. Eine solche ist auch für das kommende Jahr in Planung.

Mit entsprechenden Fortbildungen werden zudem die einzelnen Mitarbeiter in den Kommunen und auch die Pflegeeltern geschult. Das braucht viel Personal, mehr Betreuung und auch mehr Geld. „Je ausgeprägter der Behinderungsgrad eines Kindes ist, umso intensiver ist auch die Betreuung“, sagt Anja Bühl. Der genaue Bedarf lasse sich nicht aufschlüsseln.

Konkrete Zahlen gibt es dafür von Ulrike Kissels, Fachbereichsleiterin Pflege und Kinderbegutachterin des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung Nordrhein. Da zahlreiche FASD-Patienten oft nicht eigenständig leben können, haben sie Anspruch auf Pflegegeld. Begutachtet wird der Entwicklungsstand der Kinder – gemessen an verschiedenen Kriterien.

„Wir vergleichen unter anderem, wie ein Kind spielt oder schläft. Dafür werden Punkte vergeben, die zum Pflegegrad führen. Je höher die Abweichungen sind, umso höher ist auch der Pflegegrad“, sagt Kissels. Je nach Pflegegrad erhalten die Betroffenen zwischen 125 und 901 Euro im Monat, wenn sie zu Hause durch Angehörige gepflegt werden.

Betroffene leiden ein Leben lang

Das ist keine Seltenheit. Schließlich reichen die Folgen der Krankheit bis in das Erwachsenenalter. „FASD ist nicht vererblich, aber es ist nicht heilbar. Rund die Hälfte der Patienten entwickelt außerdem zusätzlich eine Suchterkrankung“, sagt Krauspe-Stübecke. Nur wenn die Krankheit früh diagnostiziert werde, könne man den Betroffenen früh Hilfestellung geben – am besten schon in der Kindheit. Dazu gehöre beispielsweise die Schulung der Eltern und der Dialog mit der Schule.

Noch schwerer als bei Kindern ist die Diagnose im Erwachsenenalter. „Auffälligkeiten im Gesicht sind bei Erwachsenen meistens nicht mehr vorhanden, und die Krankheit ist oft unter einer Schicht aus psychischen Erkrankungen oder Süchten vergraben“, sagt Krauspe-Stübecke.

Experten schätzen, dass rund 70 Prozent der Betroffenen nicht alleine leben können und eine Betreuung brauchen. Das Problem: „Menschen mit FASD sind meistens zu fit für die klassische Behindertenhilfe, aber trotzdem so eingeschränkt, dass sie nicht eigenständig leben und arbeiten können“, sagt Anja Bühl. Eine Ausbildung oder eine Wohnform für erkrankte Jugendliche zu finden, sei deshalb besonders schwierig. „Es gibt einen großen Bedarf. Die Angebote sind aber nicht so da, wie wir sie bräuchten“, sagt Bühl.

Soweit müsste es allerdings gar nicht erst kommen. „FASD ist eine Krankheit, die zu 100 Prozent vermieden werden kann. Die Hilfe muss schon vor der Schwangerschaft einsetzen. Wünschenswert wäre, wenn man schon vor einer Schwangerschaft wüsste, welche Patientinnen nicht vom Alkohol ablassen können“, sagt Heindrichs. Denn: Problematisch seien nicht nur die Frauen, die trinken, aber nicht wissen, dass sie schwanger sind.

„Das Problem sind insbesondere diejenigen, die trinken, obwohl sie wissen, dass sie schwanger sind“, sagt Heindrichs. Er warnt außerdem davor, zu leichtfertig mit dem Thema umzugehen und es nur Randgruppen zuzuordnen. Schließlich könne jeder davon betroffen sein. „Nur ein Gläschen kann die Krankheit verursachen und Studien zeigen, dass das Risiko auch für Menschen aus höheren sozialen Schichten gilt. Und vor allem: Hilfe holen bevor es zu spät ist.“ Warum Schwangere zum Alkohol geifen: aus Unwissenheit, weil sie nicht wissen, dass sie schwanger sind oder weil sie alkoholabhängig sind.

Dass die Krankheit durchweg in allen Gesellschaftsschichten vorkommt, weiß auch Bühl. Und: „Die Kinder, mit denen wir zu tun haben, sind ja nur die Spitze des Eisbergs.“ Sie ist sich sicher, dass das Thema in Zukunft nicht nur Ärzte, Jugendämter und Krankenkassen beschäftigen wird, sondern auch die Justiz. „Mittlerweile kommt das Thema auch im Strafvollzug auf. Wer an FASD leidet, hat kein Unrechtsbewusstsein. Es gibt zunehmend Juristen, die sich damit auseinandersetzen müssen.“

Kaum erforscht seien zudem die Auswirkungen des Alkoholkonsums von Vätern. „Es ist also eine Krankheit, die uns auch in Zukunft noch lange beschäftigen wird“, meint Bühl.

Was der Alkohol Ungeborenen antut, Diagnose und Prävention

Was versteht man unter fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD)? Der Begriff FASD umfasst mehrere Ausprägungen der Krankheit, die alle ähnliche Symptome haben. Diese reichen von Kleinwuchs und Untergewicht über Kleinköpfigkeit bis hin zu mangelhafter Muskelentwicklung und typischen Gesichtsveränderungen. Dazu gehören schmale Lidspalten, ein kurzer Nasenrücken, eine Hautfalte am inneren Augenwinkel sowie ein schmales und mangelhaft ausgeformtes Lippenrot.

Auch die Mittelrinnen zwischen Nase und Oberlippe – das so genannte Philtrum – ist kaum ausgebildet. Auffälligkeiten im zentralen Nervensystem wie beispielsweise Epilepsie, Störungen in der Sprachentwicklung, Feinmotorik und im Kurzzeitgedächtnis können ebenfalls auftreten und auch eine geistige Behinderung ist keine Seltenheit.

Wie wird FASD festgestellt?

Die Symptome werden in vier verschiedene Kriterien eingeteilt. Um die Krankheit diagnostizieren zu können, sollten in allen vier Bereichen Übereinstimmungen vorhanden sein. Bei älteren Kindern greifen die Ärzte meist auf Messwerte von der Geburt oder Baby-Fotos zurück. Je älter ein Kind wird, umso mehr verschwinden auch die Auffälligkeiten aus seinem Gesicht. Dass ältere Kinder an FASD leiden könnten, ist meist an ihrem Verhalten zu erkennen. Distanzlosigkeit und Neugierde sowie Impulsivität sind typisch.

Wie kann man vorbeugen? Schwangere Frauen sollten komplett auf Alkohol verzichten – auch während der Stillzeit. Nicht nur alkoholische Getränke, auch Pralinen mit Alkohol sollten tabu sein. Denn selbst die kleinsten Alkoholmengen können Kinder im Mutterleib bereits schädigen.

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