Aachen - Unterrichtsfach Facebook: Die Angst der Lehrer vor den Neuen Medien

Unterrichtsfach Facebook: Die Angst der Lehrer vor den Neuen Medien

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
9224156.jpg
Klassiker Computerraum: Von diesem altbackenen Modell hält Sven Kommer gar nichts. Die Neuen Medien sollten in allen Schulfächern in den Unterricht integriert werden. Foto: stock/Westend61
9164422.jpg
Mehr Medien in der Schule: Das fordert RWTH-Forscher Sven Kommer.

Aachen. Kinder heute wachsen mit Smartphones, Tablets und dem Internet auf. Und sicher lag auch bei dem ein oder anderen ein neues Smartphone unter dem Weihnachtsbaum. Doch obwohl Kinder heutzutage mit den neuen Medien groß werden, hinken sie laut aktuellen Studien im Vergleich zu Gleichaltrigen in anderen Ländern hinterher und schnitten nur mittelmäßig ab.

Zuletzt hatte dies die internationale Studie ICILS (International Computer and Information Literacy Study) gezeigt. Warum deutsche Schüler schlecht abschneiden und wie Neue Medien in den Schulunterricht verankert werden können und müssen, erklärt Sven Kommer im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Geschäftsführer des Instituts für Erziehungswissenschaften an der RWTH Aachen ist zugleich Vorsitzender der bundesweiten Initiative „Keine Bildung ohne Medien“, die eine Verankerung der Medienpädagogik in allen Bildungsbereichen fordert.

Herr Kommer, 85 Prozent der Zwölfjährigen nutzen heutzutage ein Smartphone. Wie fit sind die sogenannten „digital Natives“?

Kommer: Wir sind eine Industriegesellschaft, in der die Kinder viel mitbekommen. Die Jugendlichen heute sind schnell bei WhatsApp, die nutzen Facebook, moderne Kommunikationsmittel insgesamt, viele spielen Computerspiele.

Aber bei anderen Anwendungen wird es eng, wie die ICILS-Studie jüngst zeigte...

Kommer: Die wachsen mit dem Smartphone auf, aber wenn man aus diesem Spaßbereich – Spiele, Kommunikation – rauskommt, wird es eng. Eine Studie hat Kenntnisse mit berufspraktischer Relevanz abgefragt. Das ist aber nicht das, was die Kids zu Hause mit ihren Computern machen. Ich war erstaunt, dass die Hälfte der Achtklässler keinen Link aus einer Mail kopieren konnten. Was ist da schiefgegangen? Komplexe Arbeiten mit Word, Excel und Powerpoint sind nicht drin. Serienbrieferstellung mit einem Textprogramm ist nun mal nicht wichtig für Kinder. Die Frage ist aber auch, ob es Sinn hat, etwas so explizit in der Schule zu lernen.

Was sollen Kinder denn lernen?

Kommer: Vieles. Es geht dabei um mehr als technische Fähigkeiten. Gerade die Debatte um Datensicherheit und auch um Edward Snowden zeigt uns, dass eine Welt entstanden ist, die wir in Teilen nicht mehr verstehen. Medienkompetenz ist deshalb besonders wichtig. Das heißt beispielsweise zu verstehen, wie Informationen ins Netz kommen. Bei Schülern wird es aber schon eng, wenn es um Recherche geht.

Inwiefern?

Kommer: Klar schaffen die Jugendlichen es, bei Google einen Begriff einzugeben. Aber es wird dann schon schwierig, wenn die jungen Menschen aus den 143 287 Treffern etwas herausfiltern sollen. Klicke ich nur die oberen drei Treffer an? Wie bewerte ich die Ergebnisse? Ist das ein Blog, wo jeder etwas veröffentlichen kann. Oder ist das eine seriöse Zeitung, hinter der Journalisten und ihre Recherche stecken? Wie finanzieren sich die Medien? Die Kompetenzen, die die Kinder in dem Bereich haben, erwerben sie meist zu Hause. Das reicht nicht aus, weil Medienkompetenz dann eine Frage des sozialen Status wird. Studien zeigen, dass die Startchancen für Kinder aus bildungsnahen Familien viel besser sind. Aber alle Kinder und Jugendlichen müssen lernen, das Netz zu hinterfragen

Können Sie mir da Beispiele nennen?

Kommer: Jugendliche sollten hinterfragen, was es bedeutet, wenn Facebook kostenlos ist und auch, was mit den eigenen Daten passiert. Natürlich sagen die Kids alle: „Ich weiß ja, dass die meine Daten verkaufen.“ Aber was wirklich dahintersteckt, müssen die Jugendlichen lernen. Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, dass sich Texte, Fotos oder Videos, die ich ins Netz stelle, nicht so schnell wieder entfernen lassen. Das hat auch eine ethische Komponente, Stichwort: Cybermobbing. Junge Menschen müssen wissen, dass auch virtuell abgesonderte dumme Sprüche Folgen haben. Auf der anderen Seite sollten Schüler lernen, Medien für sich zu nutzen. Mit Hilfe von Blogs und soziale Netzwerken kann ich mich ja auch sinnvoll vernetzen.

Einige Ihrer Kollegen fordern das Schulfach Medienbildung. Brauchen wir das?

Kommer: Ein eigenständiges Fach Medienbildung lässt sich wohl schlecht durchsetzen. Außerdem läuft man Gefahr, dass andere Fächer sagen: Ach, das macht ja die Medienbildung. Das brauchen wir nicht machen. Die Lehrpläne in Nordrhein-Westfalen sehen aus Sicht eines Medienpädagogen gar nicht schlecht aus. Wenn das überall mit Inhalt gefüllt würde, wäre das schon toll.

Nimmt man das nicht ernst genug?

Kommer: Leider nein. Nicht in dem Sinne, wie es notwendig wäre. Dabei nehmen neue Medien eine so große Rolle in unserem Leben ein, dass die Schule darauf vorbereiten muss.

Warum geschieht das denn nicht überall?

Kommer: Das große Problem, das zeigt auch die ICILS-Studie, sind die deutschen Lehrer. Sie führen die Negativskala an, was Fortbildungen angeht. Wir glauben, dass eine sinnvolle Veränderung vom Einsatz neuer Medien in der Schule – vom Vokabeltrainer bis zum Filmemachen – nur dann funktioniert, wenn die Lehrkräfte die entsprechenden Kompetenzen mitbringen.

Aber das wird nicht umgesetzt?

Kommer: Großflächig nicht, in Einzelfällen läuft es aber fantastisch. Wir haben kürzlich einen Preis an einen Lehrer vergeben, der Tablets für Musik-AGs nutzt. Das Tablet kann ein komplettes Tonstudio ersetzen. Im ganzen kreativen Bereich kann man damit tolle Sachen machen.

Was ist denn das Problem an deutschen Schulen: die Ausstattung oder die Kompetenz der Lehrer?

Kommer: Das ist so ein Henne-Ei-Problem. Die Schulen, die tolle Sachen machen, haben auch eine gute Ausstattung. Oftmals waren aber zuerst die engagierten Lehrer da, und haben für die Ausstattung gekämpft. Wenn ich aber von vorneherein nur einen popeligen Rechner habe, der nicht richtig funktioniert, dann mache ich auch nichts. In Australien haben mehr als 60 Prozent der Kinder an der Schule jederzeit Zugriff auf Tablet-PCs. Das macht Schule nicht per se besser, aber es bedarf einer Ausstattung jenseits des typisch deutschen Computerraums – was ich übrigens für das schlechteste Modell von allen halte. Andererseits brauchen wir auch Lehrer, die bereit sind, das zu machen. Wir fordern deshalb eine medienpädagogische Ausbildung von allen Pädagogen. Eine Lehrkraft kann Schülern nicht sinnvoll gegenübertreten, wenn sie überhaupt kein Wissen dazu hat. Pädagogen sollten wissen, wie sie neue Medien sinnvoll nutzen können. Wie unterrichte ich denn Facebook?

Und diese kompetenten Lehrkräfte haben wir nicht?

Kommer: Nach wie vor sehe ich große Vorbehalte bei den Lehrern. 70 Prozent fürchten, dass digitale Medien zu Copy und Paste führen. Das mag ja sein, aber nur, wenn man kein pädagogisches Konzept hat. Es herrscht eine Angst vor neuen Medien.

Woher kommt die?

Kommer: Das ist wohl die berühmte „German Angst“. Schon am Anfang des 20. Jahrhunderts herrscht in Deutschland eine Furcht vor Technik etwa vor dem Kino. In den 20er Jahren konnte man von der Schule fliegen, wenn man im Kino erwischt wurde. Andere Nationen sind da viel offener. Die Angst vor Technik, die habe ich nirgends so stark erlebt, wie im deutschsprachigen Raum. Das ist auch so ein bildungsbürgerlicher Habitus, der da mitschwingt. Lehrer haben zwar privat meist ein Smartphone und nutzen Medien, aber sie haben den Eindruck, dass die Kinder sowieso schon zu viel mit dem Smartphone spielen oder am PC sitzen. Sie wünschen sich die Schule als medienfreie Zone. Es gibt auch eine Angst, sich irgendwo hinzubewegen, wo man noch nicht war. Kaum eine Lehrkraft hat eine Idee, was sie mit neuen Medien im Unterricht anfangen soll.

Was könnte man denn anfangen?

Kommer: Es gibt natürlich die ganz klassischen Dinge wie Vokabel- oder Mathetrainer. Das ist nicht das höchste der Gefühle, aber in Ordnung. Man sollte niemals Technik um der Technik willen nutzen, sondern fachliche Inhalte mit neuen Medien erfahren oder umsetzen. Warum nicht mal eine mathematische Auflösung als Comicstrip darstellen oder als Podcast? Man kann rausgehen: Fotografieren oder eine digitale Schnitzeljagd machen. Schön finde ich es auch, wenn man en passant während des Unterrichts beispielsweise etwas googelt oder bei Wikipedia nachsieht – wenn der Lehrer auch mal ratlos ist.

Aber an den meisten Schulen sind ja heutzutage Handys verboten. Was halten Sie davon?

Kommer: Generelle Verbote sind meist quatsch. So nach dem Motto: Ich verbiete etwas, dann gibt es keine Konflikte. Dabei sind Smartphones eine tolle Möglichkeit, neue Medien zu nutzen, weil die meisten Kinder sowieso eins besitzen. Natürlich muss es dafür Regeln geben. Und auch das Facebook- und Dropbox-Verbot für Lehrer in vielen Bundesländern ist problematisch. Nordrhein-Westfalen will jetzt an einer eigenen Cloud-Lösung arbeiten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert