Unter dem Eindruck des Londoner Feuers

Von: Eike Rüdebusch
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Räumung mit Hilfe der Polizei: Die Stadtverwaltung entschied, dieses Hochhaus in Wuppertal evakuieren zu lassen. Auch dort soll, wie im Londoner Grenfell Tower, eine leichtentzündliche Fassadendämmung verbaut sein. Foto: dpa

Wuppertal. In Wuppertal wird ein Hochhaus evakuiert – vorsorglich, heißt es. Es soll dort ähnliche Baumaterialien geben wie im Grenfell Tower. Für die Anwohner, die aus ihren Fenstern auf die Heinrich-Böll-Straße blicken, muss es etwas Beunruhigendes haben.

Vor dem Haus stehen drei Polizeiwagen, das Ordnungsamt, ein Rettungswagen. Und dann fahren drei Busse der Stadtwerke vor. Dass diese die 72 Bewohner wegbringen sollen, wissen viele von ihnen da noch nicht.

Dann gehen die Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit ihrem Chef Carsten Vorsich um 17 Uhr ins Haus. Sie gehen von Tür zu Tür, sagen den Anwohnern, dass das Haus mit den 86 Wohnungen aus Brandschutzgründen geräumt wird, und dass sie 15 Minuten haben, um das Nötigste zu packen. Einen Koffer sollen sie mitnehmen. Andere Habseligkeiten können sie in den nächsten Tagen holen, unter Aufsicht.

Es dauert eine halbe Stunde, bis die ersten Menschen herauskommen. Einige mit Reisetaschen. Andere mit Einkaufstüten. Eine Familie bringt Müllbeutel und Reisetaschen – und einen Hamster. Marieke Schmidt bringt nur wenig aus dem Haus heraus. „Nur Handgepäck“, sagt die Frau, die bei ihrer Tochter unterkommen wird. Wie lange sie aus dem Haus muss? „Keine Ahnung. Ich bin schockiert“, sagt sie.

„Es ist eine einschneidende Maßnahme für die Menschen, die dort wohnen“, räumt Wuppertals Baudezernent Frank Meyer ein. „Das ist uns bewusst.“ Aber nach dem Londoner Brand (siehe Infobox) sei das Risiko im Wuppertaler Hochhaus neu bewertet worden. Bei der jüngsten Brandschau schlugen die Experten Alarm: Die Fassade bestehe aus brennbarem Isoliermaterial, es gebe eine Unterkonstruktion aus Holz, warnten sie. Außerdem seien die Flure des rund 50 Jahre alten Hauses zu eng und die Balkone zu kurz. Eine Brandmeldeanlage? Fehlanzeige.

„Wenn unmittelbare Gefahr für Leib und Leben besteht, müssen die Menschen in Sicherheit gebracht werden“, erklärt Meyer. Die Bewohner waren da, so scheint es, schon weiter. Sie haben nach eigenen Angaben wiederholt auf Brandschutzmängel hingewiesen. „Es ist immer wieder gesagt worden, es werde etwas unternommen“, sagt eine Bewohnerin des heruntergekommen wirkenden Wohnblocks, der wie ein elfstöckiger Leuchtturm aus dem Wohnquartier Hilgershöhe heraussticht. „Immer wurde etwas gesagt, nie wurde etwas gemacht. Beschissen ist das.“

Mohamed Isufi sagt, es sei nicht in Ordnung, dass der Hausbesitzer sich nicht um das Haus kümmere. „Der kassiert die Miete, sonst macht der nichts. Im Haus gibt es immer Probleme.“ Seine vierköpfige Familie kommt mit drei kleinen Taschen und einem Rucksack aus dem Haus. Sie wollen zur Cousine des Vaters, die nicht weit weg wohnt.

Magdalene Kostka hat zehn Jahre im zehnten Stock gewohnt. Sie habe aber immer Angst gehabt, dass es brennt und sei deswegen ausgezogen. Jetzt wollte sie nach einer 80 Jahre alten Bekannten sehen, helfen und ein Quartier anbieten. Falls sie nicht schon eines hat, wie so viele. Um 18.30 Uhr sitzen gerade einmal vier Menschen in den WSW-Bussen. Die Betroffenen sollen in ihre Wohnungen zurückkehren können, sobald die Fassadendämmung entfernt ist. Dies könne allerdings mehrere Wochen dauern.

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