Aachen - Unter Dampf für Bus und Bahn: AVV-Chef Sistenich

Unter Dampf für Bus und Bahn: AVV-Chef Sistenich

Von: Udo Kals
Letzte Aktualisierung:
6745460.jpg
Der Bart? „Das ist kein absichtliches Zeichen, aber es passt schon!“: Hobby-Segler Hans Joachim Sistenich geht (fast) in Rente. Foto: A. Herrmann

Aachen. Bitte aussteigen? Nein! Jetzt noch nicht. Zwar gibt Hans Joachim Sistenich zum Jahresende sein Jobticket als Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes (AVV) ab. Doch statt ins Depot zu rollen, wechselt der langjährige Cheflenker des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in der Region zwischen Aachen, Düren und Heinsberg vom Steuer auf den Beifahrersitz.

Als Berater bleibt er dem AVV erhalten. Der 61-Jährige tritt also kürzer. Die Familie. Die Hobbys. Die Gesundheit. Natürlich. Doch da ist eben noch etwas: der Beruf. Die Welt von Bus und Bahn mit all den Baustellen, an denen der Bauingenieur seit Jahren tüftelt. „Man kann etwas bewegen“, sagt der Aachener FH-Absolvent aus Erfahrung.

Und das lässt ihn nicht so leicht los. Nachdem er die Gründung des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg (VRS) in Köln begleitet hatte, wechselte er 1994 wieder in die Heimat. Der AVV wurde ins Leben gerufen, dessen Geschäftsführer er seit 1996 ist. Dies bleibt er bis Ende 2013, noch wenige Tage. Dass er dann noch immer nicht seinen Haltepunkt erreicht hat, darüber sind nicht wenige froh.

„Er war ein Segen für die Region“, sagt der frühere Aachener Landrat Carl Meulenbergh (CDU) nicht nur mit Blick auf die Euregiobahn, die sehr eng mit dem Namen Sistenich verbunden ist. Mit fünf reaktivierten und einer Neubaustrecke sowie rund 30 neuen Haltepunkten ist die Bahn eine Erfolgsgeschichte. „Er hat zur richtigen Zeit die richtigen Konzepte aufgegriffen“, sagt der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne).

Auch in Zeiten, in denen „Bus und Bahn nicht en vogue“ waren, habe er für den ÖPNV und für einen Bewusstseinswandel gekämpft. Nicht immer mit Erfolg. Aber oft. So ist ein einheitliches Tarifsystem für Bus und Bahn eingeführt worden. Das auch in der Fläche gewachsene Bus-Angebot nutzen inzwischen jährlich fast 109 Millionen Fahrgäste, 86 Prozent der Kunden besitzen Dauerkarten. Heute wird Heinsberg wieder ans Bahnnetz angeschlossen. Das sind nur einige Beispiele. „Seine Bilanz ist beeindruckend“, sagt Krischer.

„Er weiß, welche Weiche im Kölner Hauptbahnhof wie stehen muss, damit im Aachener Hauptbahnhof der Thalys nach Paris rollen kann“, skizziert der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) Sistenichs Fachwissen, das er selber auch in „schwierigen Verhandlungen zum Semester- oder zum Jobticket“ hat schätzen lernen dürfen.

Nur ungern lassen die Verantwortlichen in Sistenich jemanden ziehen, der es oft genug geschafft hat, widerstrebende Interessen zusammenzuführen: zwischen Städten und ländlichen Kommunen, zwischen den Parteien, zwischen Landesregierung und Regionalchefs, zwischen Bus, Bahn und Individualverkehr. Ein schwieriges Geschäft. „Doch es ist ihm immer wieder gelungen“, sagt der Heinsberger Landrat Stephan Pusch (CDU). Auch dank seiner Beharrlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit.

„Sistenich hält die Region zusammen und kämpft für sie“, sagt Krischer: „Dies konnte auch unangenehm sein, wenn man auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzt.“ Das hat etwa Martin Husmann als Vorstand des großen Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) oft genug kennengelernt. „Wir haben uns schon gezofft“, sagt er. Zur Abschiedsfeier kam er trotzdem ins Alte Kurhaus nach Aachen.

Nicht nur über ihn freute sich Sistenich. Sondern auch darüber, dass so viele vorbeischauten. Vielleicht liegt dies daran, dass er „trotz kontroverser Positionen bei Verhandlungen sehr fair ist und sein Gegenüber trotz seiner Kompetenz nie bloßstellt“, wie der Würselener Bürgermeister Arno Nelles (SPD) feststellt. Der lag vor einigen Jahren im Clinch mit dem AVV und wehrte sich erfolgreich gegen eine Euregiobahn-Trasse quer über den Würselener Markt.

Eine Entscheidung, die Sistenich heute noch nicht versteht. Er schüttelt den Kopf, während er inzwischen mit einem Vollbart vor einem ungewohnt aufgeräumten Schreibtisch sitzt. Da, wo sich früher die Akten türmten, stapeln sie sich nur noch. „Die Kölner Jahre waren eine harte Zeit“, sagt er: „Da war ich nur auf Achse.“ Fünf Jahre lang war er nicht nur AVV-Chef, sondern auch Co-Geschäftsführer des Ende 2007 gegründeten Verkehrsverbundes Nahverkehr Rheinland (NVR) mit Sitz in Köln. Das, was der AVV für die Busse in der hiesigen Region ist, ist der NVR auf der Schiene für das Rheinland.

Für Sistenich bedeutete der zweite Job: noch mehr Termine, Kilometer, Vorlagen, Powerpoint-Präsentationen. Unter Volldampf für Bus und Bahn. „Ohne ihn“, sagt ein früherer Wegbegleiter, „hätten uns die Kölner damals schon überrollt.“ Sistenich hat Kante gezeigt, die Interessen der Aachener Region gegenüber den Zentren an Rhein und Ruhr vertreten, vor allem auch finanziell. Der Verteilungskampf ist hart, sagt Krischer. Der Investitionsstau auf der Straße ist in aller Munde, die Brücken, die Autobahnen, die Schlaglöcher. Und die Infrastruktur für Bus und Bahn? Da gibt es nur wenige Fürsprecher. Und noch weniger Stimmen werden gehört. „Da ist es gut, dass Sistenich noch nicht ganz aufhört“, sagt Nelles.

Zum Abschied zufrieden

Doch inzwischen hat der AVV-Chef einen Gang heruntergeschaltet. Zum Abschied ist er zufrieden. „Wir haben es geschafft, Bus und Bahn zu attraktiven Verkehrsmitteln zu machen. Das ist nur mit einem tollen Team und guten Partnern möglich“, sagt er und warnt zugleich: „Wir müssen uns weiterentwickeln.“ Das gilt besonders für Aachen, gerade auch nach dem Aus für die Campusbahn. „Das war die größte Enttäuschung meiner Karriere“, sagt er und sieht die Schuld vor allem im Aachener Stadtrat: „Bei allem Verständnis für direkte Demokratie. Die Politik trägt eine Gesamtverantwortung. Ich weiß nicht, ob bei solchen Fragen ein Bürgerentscheid der richtige Weg ist. Jetzt müssen wir intelligente Konzepte zur Verkehrssteuerung finden. In Aachen sind wir am Limit. Definitiv.“

Auch anderswo sieht er Bus und Bahn noch längst nicht am Ziel. Die Qualität des Busangebots gelte es weiter zu verbessern. Der ICE-Halt Aachen müsse gestärkt werden. Der Ausbau der Euregiobahn geht weiterhin nur schrittweise voran, und die grenzüberschreitenden Bahnverbindungen nur im Schneckentempo. Für Sistenich ein Graus.

Aber mit Verspätungen kennt er sich ja bestens aus. Sein Abschied gehört ja irgendwie dazu.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert