Aachen - Unser Nachbar Belgien: Solidarisch und freundlich, aber kompliziert

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Unser Nachbar Belgien: Solidarisch und freundlich, aber kompliziert

Von: Peter Pappert
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Stand dem Publikum fast drei Stunden lang Rede und Antwort: Rüdiger Lüdeking (l.), deutscher Botschafter in Brüssel. Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, moderierte den Leserdialog. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Diplomatie trifft auf Bürgerschaft. So etwas kann eine heikle Angelegenheit werden; immerhin gilt kaum ein Metier als so abgehoben wie das der Diplomaten. Aber es kann auch gutgehen, wenn beide Seiten respektvoll und ohne Scheu miteinander sprechen.

Beim Leserdialog „Außenpolitik live“, einer gemeinsamen Veranstaltung von unserer Zeitung und dem Auswärtigen Amt, löcherte ein hoch interessiertes Publikum den Botschafter Rüdiger Lüdeking, der Deutschland seit zwei Jahren in Brüssel vertritt.

Was erwarten die Belgier von ihrem großen Nachbarn? Wie wird die deutsche Politik in Brüssel beurteilt? Welche Prioritäten setzt die belgische Politik? Fragen über Fragen, denen sich Lüdeking stellte. Diplomaten müssen von Berufs wegen gewandt und flexibel sein; Lüdeking erwies sich aber auch physisch als sehr beweglich. Ohne sich nur einmal hinzusetzen, stand er fast drei Stunden lang Rede und Antwort – zunächst im Dialog mit dem gesamten Publikum, der von Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, moderiert wurde, hernach in mehreren kleinen Diskussionsrunden. Schlaglichter vom belgischen Abend im Aachener Medienhaus:

Belgien: „Wenn ich glaubte, Belgien zu verstehen, hätte es mir irgendjemand falsch erklärt“, hat sich Lüdeking zu Beginn seiner Amtszeit an der deutschen Botschaft in Brüssel sagen lassen; Belgien gelte wegen seiner ungewöhnlichen Staatsstruktur als kompliziert. Die belgische Politik orientiere sich aber stark an Deutschland und „teilt unsere zentralen Überzeugungen“. Die Belgier stünden fest zu Europa – Flamen wie Wallonen, die deutschsprachigen Ostbelgier sowieso. Die Sorge, dass Belgien auseinanderfällt, teilt er nicht; es werde künftig aber womöglich noch mehr föderale Kompetenzen geben.

Europa: Wer wie Lüdeking im Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik tätig ist, hat das Faible für Europa mit der diplomatischen Muttermilch aufgesaugt. Voller Überzeugung vertritt er das europäische Einigungswerk als bewährtes und weltweit bewundertes Friedensprojekt. Der Botschafter zitiert Karlspreisträger (2006) und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: „Wer mit Europa Schwierigkeiten hat, sollte auf Soldatenfriedhöfe gehen.“ Das schlechte Image der Europäischen Union erklärt Lüdeking mit Blick auf die zahlreichen Verhandlungen und Kompromisse: „Erfolge in Brüssel werden national verbucht, Fehlschläge gelten als europäisch.“

Einsicht: „Alle europäischen Staaten sind kleine Staaten; manche haben das nur noch nicht begriffen.“ Mit diesem Zitat erinnert Lüdeking an einen weiteren Karlspreisträger (1957), an Paul-Henri Spaak, den früheren belgischen Regierungschef. Es sei im Interesse Deutschlands, Rücksicht zu nehmen auf die kleinen EU-Mitgliedsländer und sie ernstzunehmen.

Solidarität: Der Botschafter teilt das Unverständnis mehrerer Fragesteller an der mangelhaften Solidarität innerhalb der EU, wenn es darum geht, Flüchtlinge auf die einzelnen Mitgliedsländer zu verteilen. Es gebe großen Respekt für die deutsche Flüchtlingspolitik. Und dann wird der Diplomat ganz deutlich: „Ich habe nie ein Problem gehabt, die deutsche Haltung zu vertreten. Wir sind einer humanitären Aufgabe gerecht geworden. Darauf bin ich stolz.“

Tihange: Es gebe „krasse Unterschiede“; die Belgier machten sich „keine großen Sorgen wegen der Sicherheit des Kernkraftwerks, sondern mehr um ihre Stromversorgung“, sagt der Diplomat. Er müsse aber dafür sorgen, „dass man in Belgien deutsche Sorgen ernst nimmt“. Es gebe zudem erst seit vorigem Jahr einen regelmäßigen Austausch von Atomexperten beider Seiten. „Wir müssen aufpassen, nicht als Belehrende aufzutreten.“

Macron: Lüdeking würdigt die Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuel Macron für eine stärkere währungspolitische Kooperation in der EU. Während Juncker auch angesichts dessen stärker auf den Zusammenhalt aller EU-Mitgliedsländer setze, seien andere der Überzeugung, einzelne Staaten müssten mutig vorangehen. „Die Lösung liegt wohl dazwischen“, sagt der Botschafter.

Terror: Lüdeking wird nach der Terrorgefahr in der belgischen Hauptstadt gefragt. „In Teilen von Molenbeek fühlen Sie sich außerhalb Europas“, sagt er mit Blick auf jenen Stadtteil Brüssels, der vielen als Brutstätte des Terrorismus’ gilt. Es seien eindeutig Parallelgesellschaften entstanden. Aber das Problem sei mittlerweile erkannt.

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