„Unpolitisch? Das ist die Lebenslüge der Hooligans.“

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Männlichkeitsrituale: Der Politologe Richard Gebhardt sieht Parallelen zwischen Hooligans (Bild von der Kölner Demo) und gewaltbereiten Salafisten, bei denen jeweils die Männer als Kämpfer stilisiert werden. Foto: dpa

Aachen. Eigentlich war Richard Gebhardt am vergangenen Sonntag auf dem Weg zu einer Veranstaltung in Hattingen. Der Aachener Politikwissenschaftler, Rechtsextremismusexperte und Alemanniafan war über die Kundgebung der „Hooligans gegen Salafisten“ in Köln informiert und merkte bereits auf der Hinfahrt an Einzelpersonen, die zustiegen, dass „da etwas passieren könnte“.

Er machte sich deshalb früher auf den Rückweg aus Hattingen und bekam beim Halt in Köln „den letzten Rauch der Demo“ mit. Er sprach mit Passanten und Hooligans und berichtet von einer sehr angespannten Stimmung. An der rechtsextremen Ausrichtung der Veranstaltung kann aus einer Sicht kein Zweifel bestehen. Im Gespräch mit unserem Redakteur Amien Idries erläutert Gebhardt die Hintergründe der aktuellen Entwicklung.

Die „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa) erhalten derzeit viel Applaus im Netz. Immer wieder wird von der „Lügenpresse“ geredet, die fälschlicherweise behaupte, die Veranstaltung in Köln sei rechtsextrem dominiert. Wie entsteht diese Einschätzung?

Gebhardt: Das hat zwei Gründe. Zum einen finden Hooligans ihr Selbstbild in der Berichterstattung nicht wieder. Nicht jeder Hooligan ist ein Neonazi – diese Subkultur ist doch viel heterogener. Deshalb erschallt der Ruf: „Deutsche Presse halt die Fresse“. Das hat sogar einen wahren Kern, weil es teilweise fachfremde Journalisten gibt, die Kategorienfehler begehen, indem sie etwa Ultras und Hooligans in einen Topf werfen. Diese Fehler liefern den Vorwand, um die Propaganda von der „Lügenpresse“ zu initiieren. Den zweiten Grund würde ich als die Lebenslüge der Hooligans bezeichnen, die am Sonntag in Köln wieder einmal aufgebrochen ist.

Die wäre?

Gebhardt: Die musikalische Personifizierung dieser Lebenslüge ist die Band Kategorie C, die in ihrem Lied „Ha Ho He“ singt: „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“. Das soll suggerieren, dass Hooligans unpolitisch sind. Das sind sie aber in den entscheidenden Fällen nicht, was man auch an der Band Kategorie C sehen kann, die eindeutig dem rechtsextremen Lager zuzurechnen ist.

Inwiefern sind Hooligans politisch?

Gebhardt: Wir müssen uns zunächst, wenn wir über Fußballfans im Allgemeinen reden, von einem verengten Politikbegriff verabschieden. Stadien sind per se politische Orte und auch viele Fans begreifen sich heute als politische Akteure. Allerdings nicht im Sinne einer parteipolitischen Verortung, sondern vor allem, um sich fußballpolitisch zu engagieren. Also gegen Stadionverbote, gegen Kommerzialisierung und zu großen Sponsoreneinfluss. Hooligans im Besonderen sehen sich trotz der Tatsache, dass sich die Mehrheit von ihnen im sogenannten rechtsoffenen Bereich bewegt, als politisch neutral, weil die Vereinszugehörigkeit über allem steht. Das auch vorhandene Braune wird mit den Vereinsfarben übertüncht. Dabei agieren sie in mehrfacher Hinsicht höchst politisch.

Zum Beispiel?

Gebhardt: Zum ersten führen Hooligans Hegemoniepolitik durch. Es geht darum, Macht zu demonstrieren. Die Hooligans sind zwar durch das Aufkommen der Ultrabewegung ein wenig in das zweite Glied gerückt, haben sich aber als elder statesmen der Szene inszeniert, die die Schlachten der 80er und 90er Jahre geschlagen haben. Wenn Sie an die Auseinandersetzung zwischen der zumindest vormals rechtsoffenen Ultragruppierung Karlsbande und den antirassistischen Aachen Ultras denken, dann war es nicht die Karlsbande, von der die erste Aggression ausging, sondern die Alemannia Supporters, also die alten Hooligans. Die Karlsbande hat dazu applaudiert. Das ist Hegemoniepolitik: Abweichler abstrafen, Dominanz durchsetzen.

Und weiter?

Gebhardt: Zum zweiten betreiben die Hooligans Körperpolitik. Der Mann als Kämpfer und Krieger. Bier, freier Oberkörper, Kategorie C hören und eine schöne Prügelei, das sind die alten Männlichkeitsinszenierungen. Meine These ist, dass die Hooligans in den gewaltbereiten Salafisten gewissermaßen ihre eigenen Wiedergänger entdecken, die sich über ähnliche Männlichkeitsrituale definieren. Die Hooligans betreiben also Machtpolitik sowohl in Richtung Stadion, wo sie spätestens mit der Veranstaltung am Sonntag ihre Stellung in der Fanszene gestärkt sehen, als auch mit Blick auf die deutschen Innenstädte, wo sie ihre Hegemonie durch gewaltbereite Salafisten gefährdet sahen.

Und ist die Hogesa nun rechtsextrem, oder nicht?

Gebhardt: Wie gesagt, nicht jeder Hooligan ist ein Nazi. Die Hogesa-Bewegung war aber von Anfang an von Kadern und Aktivisten der neonazistischen Szene dominiert. SS-Siggi von der Borussenfront ist da nur ein Beispiel. Dominik Roeseler, der Anmelder der Demo, kommt aus dem Mönchengladbacher Hooliganumfeld und ist stellvertretender Landesvorsitzender von ProNRW, deren Kernideologie antimuslimischer Rassismus ist. An der rechtsextremen Ausrichtung kann es keinen Zweifel geben.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

Gebhardt: Die alten Mobilisierungsformen wie Flugblätter, Fanzines oder Telefonketten verhalten sich zu dem Mobilisierungspotenzial des Internets wie Brieftauben zu Düsenjets. Der rechten Szene gelingt es, die Mobilisierungsmöglichkeiten trotz der Sperrung von Facebook-Seiten sehr gut auszuloten. Kollegen von mir, die näher an der Szene sind, haben schon vor Jahren vor der Rückkehr der Hooligans gewarnt. Interessanter als die Mobilisierung im Internet finde ich aber, dass ein mobilisierungsfähiges Thema gefunden wurde. Hätten die Hooligans zum Protest gegen die Kommerzialisierung des Fußballs aufgerufen, hätten wir weitaus weniger Teilnehmer gehabt und auch deutlich weniger mediale Beachtung. Die Frontstellung gegen die Salafisten ist das Kernthema. Die alten Differenzen zwischen den Gruppierungen werden durch ein neues Feindbild übertüncht. Außerdem ist das Thema anschlussfähig an die bürgerliche Mitte.

Die bürgerliche Mitte dürfte durch die Gewalt in Köln eher abgeschreckt sein.

Gebhardt: Fakt ist sicherlich, dass das was sich da versammelt hat, nichts mit dem Bürgertum zu tun hat. Das ist eine neu formierte Subkultur, die aus alten Kadern der Neonazis und der Hooliganszene besteht. ProNRW hat sich nach der Anmeldung der Demo von Roeseler distanziert. Die Gewalt unterläuft die bürgerliche Maskerade der Partei und erschwert das Anknüpfen an die Islamophobie, die es in Teilen des bürgerlichen Milieus gibt.

Wie schätzen Sie die Rolle von Medien ein?

Gebhardt: Die Bilder werden dann produziert, wenn es knallt. Das gilt sowohl für die Hooligandemo als auch für die Berichterstattung über die Salafisten. Natürlich hat das alles einen realen Kern. Salafisten, vor allem die gewaltbereiten, sind eine Herausforderung für unsere liberale Gesellschaft. Wir haben uns das Recht, ungestraft Kritik am ultrakonservativen ehemaligen Kardinal Joachim Meisner zu üben, hart erarbeitet und dürfen unsere Meinungs- und Kunstfreiheit nicht durch neue religiöse Gruppen gefährden lassen. Dennoch halte ich etwa die Berichterstattung über die Scharia-Polizei für eine gnadenlose Überhöhung und einen Marketingerfolg für die Gruppe um den Salafisten Sven Lau. Der Hype um die Scharia-Polizei hat übrigens maßgeblich zur Hogesa-Mobilisierung beigetragen.

Vor allem die NPD wollte lange Zeit das Bild vom prügelnden Rechtsextremen mit Springerstiefeln zerstreuen und stattdessen über die Parlamente die neonazistische Wende schaffen. Ist die Gewalt vom Sonntag ein Zeichen dafür, dass sich hier eine Kehrtwende abzeichnet?

Gebhardt: Da muss man aufpassen, dass man der NPD-Propaganda nicht auf den Leim geht. Die NPD hatte immer eine Allianz mit der Kameradschaftsszene. Die von Holger Apfel geforderte bürgerliche Seriosität war stets eine Verpackung. Der reale Kern war auch da die Gewalt. In NRW spielt die NPD allerdings kaum noch eine Rolle. Hier muss man eher die Partei Die Rechte im Blick haben, die nun wirklich nicht im Verdacht steht, die Nähe zum Bürgertum zu suchen.

Wie sehen Sie die Rolle der Fußballvereine?

Gebhardt: Sie müssen auf jeden Fall den Druck auf die Hooligans verstärken, die oft eine enge Bindung an die jeweiligen Vereine haben. Deshalb spreche ich bei den Hools gerne vom missratenen Teil der Fußballfamilie. Sie sind ein Teil der Familie, auch wenn das Vereinsoffizielle nach Vorfällen wie denen in Köln nicht so gerne hören. Viele Vereine machen zwar schon viel Antidiskriminierungsarbeit, dennoch gibt es in den Klubs auch Leute, die mit der archaischen Hooligankultur kokettieren. Auch da muss eine stärkere Abgrenzung stattfinden.

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) gibt die Zahl der rechtsmotivierten gewaltbereiten Hooligans mit 400 an. In Köln waren 4800 Demonstranten. Woher kommt die Fehleinschätzung der ZIS?

Gebhardt: Die ZIS klassifiziert falsch. Die 400 sind die relevanten Straftäter. Es fehlen aber alle potenziellen Gewalttäter, die sich in der Hooliganszene bewegen. Es müsste eher 400 plus X, zumindest, wenn wir ein realistisches Szenario entwickeln wolle.

Ist diese niedrige Zahl politisch gewollt?

Gebhardt: Ich sehe bei der Polizei niemanden, der bewusst versucht, das Problem zu vertuschen, es ist eher ein Stück weit strukturelle Blindheit. In Aachen sagte etwa der zuständige szenekundige Beamte, es gebe keine rechte Karlsbande. Und zwar unmittelbar, nachdem im Heft der Karlsbande ein Bericht aus einer alten Hooliganzeitschrift veröffentlicht wurde, in dem vom „Judenclub Münster“ die Rede ist. Da muss man doch staunen. Nur gegen die Polizei zu polemisieren, wäre allerdings etwas billig.

Es sind weitere Hogesa-Kundgebungen geplant. Befürworten Sie die Einschränkung des Demonstrationsrechts?

Gebhardt: Auf den Einzelfall bezogen muss man darüber auf jeden Fall nachdenken. Allerdings löst man das Problem dadurch natürlich nicht. Die Hogesa ist ein besonders schillerndes Beispiel für das, was ich die Krise der Repräsentation in Deutschland nenne. Wir werden uns damit abfinden müssen, dass es eine Minorität gibt, die sich mit dem Mehrheitsdiskurs nicht identifiziert. Die Alemannia-Fan-IG hat im vergangenen Jahr eine Initiative gegen Gewalt und Rassismus unter dem Titel „Wir sind die 99 Prozent“ gestartet. Daraufhin schrieb ein Mitglied der Hooliganszene auf Facebook: „Wir sind das eine Prozent und wir scheißen auf Euch.“ Dieses eine Prozent war am Sonntag in Köln auf der Straße.

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