Uniklinik Aachen: Grüner Tempel der Medizin wird 30

Von: Sabine Rother
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Ein echtes Markenzeichen: Die Aachener Uniklinik rollte zum Festakt den Gästen am Freitag den grünen Teppich aus, den niemand vergisst, der jemals im Innern des Hauses war. Foto: Harald Krömer
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NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze wird von Professor Thomas Ittel (Mi.), Ärztlicher Direktor den Klinikums, und Peter Asché, dem Kaufmännischen Direktor, begrüßt. Foto: Harald Krömer

Aachen. Als Mekka der Medizin gelobt, als monströses Bauwerk gescholten – das Universitätsklinikum muss von zwei Seiten beleuchtet werden: Lob gibt es für die medizinische Versorgung, Kritik immer wieder an der Architektur. Die Uniklinik der RWTH Aachen, die als medizinisches Forschungszentrum weit vorn liegt, hat am Freitag ihr 30-jähriges Bestehen gefeiert.

Das Gebäude hat die Gemüter bereits erhitzt, als noch kein einziger Bagger angerückt war, um sich in den lockeren Mergelboden im westlichen Aachen zu fressen. 2008 wird das Klinikum unter Denkmalschutz gestellt – inklusive des Teppichbodens, den niemand vergisst. Grün in gelblichen Abstufungen mit schwarzen Streifen: ein Markenzeichen.

Beim Festakt mit kurzweiligen Dokumentationsfilmen samt virtuellem Geburtstagsständchen vom Sinfonieorchester Aachen begrüßt Professor Thomas Ittel, Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor des Uniklinikums, NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze. Vergangenheit und Zukunft fasst er in klare und visionäre Worte, wobei er ganz besonders auf die grenzüberschreitende Kooperation mit der Universitätsklinik Maastricht eingeht, die weiterhin ausgebaut werden soll. Viele Entwicklungen, so Ittel, reiften im Zusammenwirken mit den Ingenieurwissenschaften – das Kunstherz ist darunter. Warmherzig und sehr sachkundig gratuliert Svenja Schulze im Namen der Landesregierung. „Die Aachener Hochschule nimmt nicht nur alphabetisch eine Spitzenstellung ein.“ Ein Klinikum, das schwarze Zahlen schreibt? Auch das eine Ausnahme. Dennoch: „Es gibt Bereiche, etwa die Notfallversorgung, die finanziell besser abgesichert werden müssen“, betont sie. Und dass man inzwischen an räumliche Grenzen stoße, verstehe sie. Das solle sich ändern.

Der futuristische Bau nach einem Entwurf der Aachener Architekten Weber & Brand sorgt seit Baubeginn 1971 für heftige Diskussionen. Die damals größte Baustelle Europas, auf der die „Neue Heimat Städtebau GmbH“ zunächst als Bauunternehmen agiert, verschlingt weit höhere Summen, als zunächst veranschlagt. Die Differenz bewegt sich in Schwindel erregender Höhe. Statt der veranschlagten 571 Millionen Mark (292 Millionen Euro) werden es schließlich 2,06 Milliarden Mark, also über eine Milliarde Euro sein. Bereits kurz nach Baubeginn senkt sich der lockere Untergrund, Rohrleitungen brechen, 64 Betonpfeiler müssen zusätzlich zur Verfestigung eingesetzt werden.

Der Bauskandal ist perfekt. Für den damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau, der zuvor als Wissenschaftsminister für die Bedarfsplanung Klinikum verantwortlich war, eine brisante Situation – schließlich sogar eine politische Affäre mit parlamentarischem Untersuchungsausschuss, Prüfungsbericht des Landesrechnungshofes und laufend verschobenen Terminen für die Fertigstellung – von 1976 auf 1979, 1982 und schließlich 1985. Der Bezug beginnt 1984. Zur Eröffnung 1985 steht der Ministerpräsident dann doch lächelnd vor dem Giganten mit seinen 257 Metern Länge, 134 Metern Breite und 24 Treppenhausschächten. Stahlbeton, sichtbares Röhrensystem, knalliges Rot. Was die einen als Zeugnis der High-Tech-Architektur in Deutschland feiern und mit dem Centre Georges Pompidou in Paris vergleichen, ist für andere ein Horror .

Dennoch nimmt der Gigant Fahrt auf. Die Kliniken verlassen nach und nach die Pavillons auf dem Gelände des alten Klinikums an der Aachener Goethestraße und richten sich im Uniklinikum (Pauwelsstraße 30, mit eigener Postleitzahl 52057) ein, das Ex-Ministerpräsident Johannes Rau gerne „Europa-Klinik“ getauft hätte. Lehre, Forschung und Patientenversorgung sind nun unter einem Dach vereint. Rau spricht nach 14 Jahren Bauzeit von der „Ambivalenz des Fortschritts“.

Und der Fortschritt lässt nicht auf sich warten. So wird bereits im Dezember 1985 der erste deutsche Lehrstuhl für Verbrennungs- und Plastische Wiederherstellungschirurgie an der Medizinischen Fakultät der RWTH etabliert. Professor Rolf Hettich, damals Inhaber des Lehrstuhls, erlangt mit dem von ihm entwickelten Verfahren der Mischhauttransplantation internationales Aufsehen.

Bereits zwei Jahre nach dem Einzug ins Uniklinikum gelingt 1987 Professor Bruno Messmer, Direktor der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie, die erste Herztransplantation in Nordrhein-Westfalen – ein 49-jähriger Kfz-Schlosser aus Bergheim ist der Patient. Er wird mit dem neuen Herzen neun Jahre lang weiterleben.

Medizingeschichte schreibt im selben Jahr Messmers Kollege Georg Schlöndorff, Leiter der Klinik für HNO-Krankheiten und Plastische Kopf- und Halschirurgie. Gemeinsam mit dem Audiologen Wolfgang Döring entwickelte er das Cochlea-Implantat. Schlöndorff implantiert es erstmals zwei Frauen, die vollständig taub sind, aber noch einen intakten Hörnerv haben. Mit Erfolg.

Vielbeachtet ist die Stiftung der Firma Grünenthal. Sie investiert 2002 über 5,9 Millionen Euro in einen der ersten deutschen Lehrstühle für Palliativmedizin, den 2003 Professor Lukas Radbruch übernimmt. Eine Palliativstation wird im Klinikum eingerichtet, Veränderungen in der Lehre folgen, die Linderung der Leiden schwerstkranker und sterbender Patienten sind inzwischen Teil des Medizinstudiums.

Forschung, Lehre und Patientenversorgung werden unter anderem durch die enge Zusammenarbeit mit zahlreichen Instituten an der RWTH gefördert. Gebündelte Kompetenz, die die Versorgung von Krebspatienten in der Euregio optimieren soll, verspricht seit 2010 das ECCA – das Euregionale Comprehensive Cancer Center Aachen. Alle an einer Diagnose, Therapie und Erforschung von Krebserkrankungen beteiligten Kliniken und Institute arbeiten zusammen, Professor Tim Brümmendorf, Direktor der Klinik für Onkologie, hält die Fäden in der Hand.

Nicht immer läuft im Großkrankenhaus alles glatt. Ein Großbrand, der 1995 bei Arbeiten an der Löschanlage ausbricht, verursacht einen Schaden von 25 Millionen Mark (12,7 Millionen Euro), Dioxin und Asbest werden freigesetzt, 300 Patienten verlegt.

Nach Jahrzehnten erfolgreicher Arbeit drohen einem Leitenden Arzt des Hauses ab 2001 Haft und Geldstrafe. Die Aachener Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, zwischen 1994 und 1998 zwölf Patienten mit dem Hepatitis-B-Virus infiziert zu haben. Er selbst hatte sich infiziert und das Virus weitergetragen, weil er weder an Kontrolluntersuchungen noch an einer Prophylaxe-Impfung teilgenommen hatte. Der Arzt wird vom Aachener Landgericht zur Zahlung von 230.000 Euro verurteilt. Der von seinen Anwälten angerufene Bundesgerichtshof in Karlsruhe bestätigt 2003 das Urteil. Kündigungen werden 2014 ausgesprochen, als herauskommt, dass mehrere Pfleger in der Notaufnahme entwürdigende Fotos von dementen oder anderweitig in ihrem Bewusstsein eingeschränkten Patienten aufgenommen und über den Kurznachrichtendienst WhatsApp verschickt haben.

Tele-Intensivmedizin

Gleichzeitig gibt es positive Schlagzeilen. Als deutschlandweit erstes telemedizinisches Projekt wird die Tele-Intensivmedizin-Zentrale (TIM) von telemed.AC im Klinikum eingerichtet und mit 2,3 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung gefördert. Patienten können rund um die Uhr durch audiovisuelle Kommunikationstechnologie von Fachärzten überwacht werden. Die Diskussionen gehen selbst nach 30 Jahren Klinikum weiter – unter anderem um den neuen Hubschrauberlandeplatz, ein utopisch anmutendes Konstrukt, 15 Meter über dem Boden. Sieben Millionen Euro hat er gekostet, der, so heißt es, die Architektur des Gebäudes fortführt. Ob das wünschenswert ist, darüber scheiden sich bis heute die Geister.

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