Unglückliche Mütter, die ihr Leben zurückwollen

Von: Madeleine Gullert
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Sie lieben ihre Kinder, aber nicht ihre Rolle als Mutter: Die Studie der israelischen Soziologin Orna Donath sorgt besonders im Internet für Wirbel. Es ist eine heftige Diskussion entbrannt, ob man es bereuen darf, Kinder bekommen zu haben – oder ob das egoistisch ist. Foto: stock/Westend 61

Aachen. Von wegen Mutterglück – nicht alle Frauen fühlen sich dazu berufen, Mutter zu sein. Bisher wurde darüber aber kaum gesprochen. Seit einigen Tagen aber sorgt die Studie „Regretting Motherhood“ (dt. Die Mutterschaft bereuen) der israelischen Wissenschaftlerin Orna Donath für Aufsehen.

„Es verletzt mich sehr, das zu sagen, aber ich würde auf alle drei verzichten – ohne mit der Wimper zu zucken“, beichtet Doreen (38) der Forscherin in einem Gespräch über ihre drei Kinder. Die 44-jährige Charlotte erklärt, dass sie es bereut, Mutter geworden zu sein, „aber ich bereue die Kinder nicht“. Es sind zwei von 23 Frauen, die in der Studie zu Wort kommen. Diese ambivalenten Gefühle über das Muttersein, darüber berichten Mütter jetzt auch im Internet unter dem Titel der Studie #regrettingmotherhood.

Warum die Studie für solch einen Wirbel gesorgt hat und wie das Mutterbild von heute ist – darüber sprachen wir mit der Expertin für Geschlechter- und Familienforschung, Christina Mundlos, die das Buch „Mütterterror“ geschrieben hat.

Frau Mundlos, warum schlägt die Studie von Orna Donath so hohe Wellen?

Christina Mundlos: Der Frust auf Seiten der Mütter ist schon länger relativ hoch. Es ist aber ein großes Tabu, darüber zu sprechen. Das war der Stich ins Wespennest. Jetzt trauen sich einige Frauen zumindest im Netz, wo die Anonymität gesichert ist, über ihre Probleme zu sprechen.

Warum ist das bislang ein Tabu?

Mundlos: Es scheint Konsens zu sein, dass Mutterschaft automatisch ein Glücksbringer für Frauen ist. Eigentlich ist es in unserer Gesellschaft ja nichts Ungewöhnliches, etwas zu bereuen. Aber offenbar haben wir in unseren Köpfen immer noch diesen Muttermythos, der sagt: Mutterschaft ist etwas, das für jede Frau sinnstiftend ist und jede Frau glücklich macht. Aber das ist nicht so.

Warum nicht?

Mundlos: Ich gehe davon aus, dass es auch Frauen und Männer gibt, die der Elternschaft generell nicht viel abgewinnen können. Die das nicht schön finden. Die diese Belastung nicht gern in Kauf nehmen wollen.

Ist das egoistisch?

Mundlos: Nein, wir können von Müttern nicht mehr Altruismus verlangen als von allen anderen Menschen in der Gesellschaft. Sie können nicht für Jahre eigene Bedürfnisse aufgeben. Das anzusprechen, ist nicht egoistisch. Ein gewisses Maß an Unzufriedenheit ist normal. Wenn Männer in der Lage der Frauen wären, würde es ihnen ganz genauso gehen. Die Frage ist, wo es bricht, wo aus Unzufriedenheit der Punkt kommt, an dem man sagt: Wenn es möglich wäre, würde ich die Zeit zurückdrehen und das Kind nicht bekommen.

In der Studie sagen die Mütter, dass sie es zwar bereuen, ein Kind bekommen zu haben, es aber trotzdem lieben. Geht das?

Mundlos: Ja, das ist kein Widerspruch. Die Frauen haben ganz ambivalente Gefühle. Sie lieben ihre Kinder, sonst käme man wohl auch auf die Idee, das Kind zur Adoption zu geben. Aber diese Mütter opfern sich für ihre Kinder, sind bereit, alles für sie zu tun, weil sie sie lieben. Sie merken aber auch, dass sie sich selbst verlieren und werden unglücklich.

Und das führt dann zu Reue?

Mundlos: Dass es zum Gefühl der Reue kommt, liegt auch daran, dass Frauen falsche positive Erwartungen an die Mutterschaft haben. Wenn man mit den falschen Erwartungen da rangeht, ist man hinterher schneller enttäuscht. Das andere ist, dass die Anforderung an Mütter in den vergangenen 20 bis 30 Jahren enorm gestiegen sind. Sie sind kaum zu erfüllen. Es macht natürlich unzufrieden, wenn man permanent einem Ideal hinterherhechelt, das man niemals erreichen kann. Im Alltag müssen die eigenen Bedürfnisse völlig ausgeblendet werden, weil die Ansprüche so hoch sind.

Warum sind die Ansprüche an Mütter gestiegen?

Mundlos: Den Grund, warum die Ansprüche gestiegen sind, sehe ich ganz klar in einer antifeministische Bewegung. Das ist der sogenannte Backlash, eine direkte Reaktion auf die Frauenbewegung der 70er Jahre und eine Reaktion auf die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen. Wenn Frauen beruflich erfolgreich sein wollen, können sie nicht 100 Prozent der Elternaufgaben 24 Stunden am Tag allein bewältigen und weiterhin all die Aufgaben erledigen, die vorher von Hausfrauen erledigt worden sind. Wenn man Frauen schon nicht mehr von der Berufstätigkeit fernhalten kann, indem man ihnen den Zugang zu Bildung verwehrt, wird das nun auf indirektem Wege erledigt, indem man ihnen die Anerkennung verweigert, wenn sie nicht 100 Prozent in der Erziehung geben.

Wer übt denn diesen Druck aus?

Mundlos: Das zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Das kommt aus den Medien, den Elternzeitschriften, von den Großeltern, den Urgroßeltern, aus Babykursen. Da hat sich in den letzten Jahren ohnehin ein Förderwahn entwickelt. Mittlerweile findet der reinste Kinderwagenwettlauf statt. Es hat aber auch mit bildungspolitischen Entscheidungen der letzten Jahre zu tun. Und auch in der Familienpolitik werden massiv Fehlanreize gesetzt. Frauen werden fürs Zuhausebleiben bezahlt, Kitaplätze sind schwer zu bekommen, so dass Frauen schwerer und vor allem erst später wieder in den Beruf zurückkommen. Es gibt Frauen, die es sich gar nicht leisten können, wieder arbeiten zu gehen. Und dann gibt es diese Politik, die Mütter dazu drängen will, zu stillen. All das sind Dinge, die noch mehr Druck in den Kessel bringen, der ohnehin unter Dampf steht. Frauen sind unzufrieden und unglücklich. Das kann dazu führen, dass sie ihre Mutterrolle bereuen.

Ist das ein deutsches Phänomen?

Mundlos: Das gibt es in anderen Ländern auch. In Deutschland gibt es aber eine kulturelle Komponente. Die zweite Welle der Frauenbewegung zu Beginn des 20.Jahrhunderts wurde durch die Nationalsozialisten extrem zurückgeworfen. An den Hochschulen gab es damals beispielsweise plötzlich eine Anti-Frauen-Quote. In den 30er Jahren durften nur noch weniger als zehn Prozent der Studenten weiblich sein. Gleichzeitig wurde der Muttermythos extrem wiederbelebt. Eigentlich wurde erst unter dem Nationalsozialismus das Mutterbild geschaffen, von dem wir nun annehmen, dass es schon immer so gewesen ist: dass die Frau für die Mutterschaft bestimmt ist und das ihr einziger Lebensinhalt sein soll. Die Frauen wurden mit Mutterkreuzen behängt. Das ist ein speziell deutsches Erbe, was die Sache hierzulande noch verstärkt.

Welche Gesetze sind denn besonders schlecht für Mütter?

Mundlos: Gerade in Bezug auf das Stillen hat die Politik Gesetze erlassen, die es für kein anderes Produkt gibt. Nur für Muttermilchersatznahrung ist vorgeschrieben, dass auf der Packung immer steht, dass man das Produkt nicht kaufen sollte und dass es etwas viel Besseres gibt, nämlich die Muttermilch. Das kennen wir sonst nur für Zigaretten, aber nicht einmal für Zigaretten gilt die Einschränkung, dass dafür gar keine Werbung gemacht werden darf und keine Proben verteilt werden dürfen. Das ist aber bei Babymilch, die man in den ersten Monaten füttern kann, der Fall. Das hat die Nationale Stillkommission als Gesetz durchgesetzt. Diese Atmosphäre bekommen die Frauen zu spüren. Das setzt Frauen zunehmend unter Druck.

Und die Betreuungsmöglichkeiten sind wohl in anderen Ländern auch besser.

Mundlos: Andere Länder haben deutlich bessere Lösungen. Da muss man sich nicht um die Betreuungsplätze prügeln. In Schweden werden Familien viel besser unterstützt. Dort zahlen Eltern für den Betreuungsplatz des ersten Kindes nur drei Prozent des Bruttoeinkommens, und der Betrag ist auch noch gedeckelt bei umgerechnet 137 Euro pro Monat. Für das zweite Kind zahlen sie zwei Prozent, für das dritte nur ein Prozent, ab dem vierten Kind ist der Betreuungsplatz kostenlos. Das sind Beträge, von denen wir hier nur träumen können. Wenn man sich anguckt, was eine Frau verdient, die Akademikerin ist, aber vielleicht nur in Teilzeit arbeiten kann, da liegt das Nettoeinkommen etwa bei 1200 Euro. Wenn man bedenkt, dass durch das Ehegattensplitting einige hundert Euro wegfallen, und das Betreuungsgeld wegfällt, das man zu Hause bekommen würde, und stattdessen Kita- und Fahrtkosten anfallen, ist es in vielen Fällen attraktiver, nicht arbeiten zu gehen.

Stürzen sich deshalb viele Frauen in das „Projekt Kind“?

Mundlos: Natürlich hat das auch psychologische Gründe. Wenn man merkt, dass man aufgrund der Bedingungen nicht so kann, wie man gern würde. Dann neigt man dazu, die Bedingungen zu verdrängen und versucht stattdessen, einen Schuldigen woanders zu finden. Diese Mütter neigen dazu, ihre Unzufriedenheit dahingehend zu kanalisieren, dass sie anderen Müttern, die diesen Kita-Platz haben oder arbeiten gehen, ein schlechtes Gewissen machen. Oder sie reden den anderen Müttern ein, dass es gar nicht so gut ist, wenn die Kinder in der Kita sind, dass die darunter leiden. Sie lassen andere Mütter die eigene Unzufriedenheit spüren.

Aber über ihre Probleme sprechen Mütter offensichtlich nicht?

Mundlos: Ganz wenige. Es muss in einer Gruppe immer eine Mutige geben, die sich traut, etwas zu sagen. Auch das ist aber keine Garantie dafür, dass die anderen Verständnis zeigen und zugeben, dass es ihnen genauso geht. Mir hat eine Hebamme mal aus einem Babymassagekurs berichtet. Da kam eine Mutter rein, knallte die Babyschale mitsamt Kind auf den Boden, fing an zu weinen und sagte: „Ich habe die ganze letzte Nacht nicht geschlafen. Ich bin total geladen.“ Da fingen die anderen Mütter teilweise auch an zu weinen, weil sie selbst völlig übermüdet waren. Statt Babymassage haben sie sich unterhalten, wie furchtbar die Anstrengungen und der Schlafentzug sind. In den meisten Fällen sitzen die Mütter in den Kursen und Krabbelgruppen aber nebeneinander und erzählen sich, wie toll alles ist. Dabei würde es zu mehr Zufriedenheit führen, wenn man mit den anderen offen und ehrlich darüber redet, wie man sich wirklich fühlt.

Waren wir, was das Mutterbild angeht, schon einmal weiter?

Mundlos: Es hat sich verlagert. Vor 20 Jahren war es in Deutschland noch deutlich schwerer, einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren zu bekommen. Da haben Frauen Druck verspürt, und da war es deutlich exotischer, sich eine Tagesmutter für ein acht Monate altes Kind zu nehmen. Aber in vielen anderen Bereichen hat der Druck enorm zugenommen. Das sieht man, wenn man sich Bilder von Einschulungen anguckt: Da sind kaum noch gekaufte Tüten, die sind alle aufwendig selbst gebastelt. Taufeinladungen oder Geburtstagseinladungen – das wird nicht gekauft, sondern alles selbst gebastelt. Babytagebücher werden angefertigt, es werden Handabdrücke und Schwangerschaftsbauchabdrücke gemacht. Da steckt sehr viel Zeit und Arbeit dahinter. Während früher die Mutter zum Geburtstag einen Marmorkuchen gebacken hat, werden jetzt Piratenschifftorten und Burgen aus Schokokeksen erstellt, die aussehen, als hätte ein Konditor sie gemacht. Da herrscht ein regelrechter Wettstreit: Wer ist die beste Mutter und kann am meisten leisten? Das hatten wir vor 20 Jahren nicht.

Und die Männer? Lehnen sich die Väter entspannt zurück?

Mundlos: Väter spüren die Anstrengungen, aber bei ihnen ist es noch viel akzeptierter, dass sie die Flucht antreten. Studien belegen, dass Väter nach der Geburt eines Kindes plötzlich deutlich mehr Überstunden machen und sich neue Hobbys suchen – um abends und am Wochenende möglichst wenig verfügbar zu sein. Das betrifft natürlich nicht alle. Aber sie spüren, wie anstrengend es ist, wenn da plötzlich ein Kind ist. Sie versuchen, sich selbst rauszunehmen. Das ist sozial akzeptiert. Wenn die Mutter hingegen sagt: „Ich mache heute Yoga, morgen gehe ich mit Freundinnen etwas trinken – da würde sich jeder wundern, was denn mit der los ist? Dadurch fühlen sich Frauen noch zusätzlich im Stich gelassen.

Was kann man dagegen tun?

Mundlos: Ich empfehle Müttern, sich mit anderen Frauen auszutauschen und sich gegenseitig wertzuschätzen, anstatt sich fertigzumachen. Frauen müssen den Partner zur Mitarbeit auffordern. Und am besten bereits vor der Geburt darüber sprechen, wie man alles aufteilt. Häufig funktioniert die Arbeitsteilung der Paare gar nicht mehr. Mütter müssen sich aber auch Auszeiten nehmen und einfordern, in denen sie Freunde treffen oder Sport machen. Alles andere ist fatal. Denn je mehr Druck man spürt, je mehr Unzufriedenheit, je schwieriger man es in seinem Umfeld hat, je weniger Unterstützung man von seinem Partner hat, je weniger sich die Last auf mehrere Schultern verteilt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau sagt: Ja, ich bereue es, ein Kind bekommen zu haben.

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