„Unglaubliche Sprachverwirrung” selbst unter Experten

Von: Sabine Rother
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Im Einsatz für schwerstkranke
Im Einsatz für schwerstkranke und sterbende Menschen: Dr. Johannes Wüller (v. l.), Gerda Graf und Dr. Martin Franke. Foto: Roeger

Aachen/Düren/Jülich. „Es ist gar nicht mehr die Angst vor dem Schmerz, die bei Menschen mit einer unheilbaren Erkrankung im Vordergrund steht”, sagt Gerda Graf. „Es ist die Sorge in der letzten Lebensphase einsam und allein zu sein. Wer umsorgt wird, ist ruhig.”

Die Geschäftsführerin der Wohnanlage Sophienhof in Niederzier, zugleich Adresse des Ambulanten Hospiz- und Palliativzentrums Kreis Düren, war lange Jahre Bundesvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz, der Vorläuferorganisation des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes.

Ihm gehört Gerda Graf inzwischen als ehrenamtliche Vorsitzende an. Hospizidee und palliative Versorgung sind für die Expertin eine Lebensaufgabe - nicht zuletzt im Rahmen der Hospizbewegung Düren-Jülich, deren zweite Vorsitzende sie ist. Umso mehr haben sie sowie Dr. Martin Franke, erster Vorsitzender der Hospizbewegung, und Dr. Johannes Wüller, Ärztlicher Leiter von Home Care in der Städteregion Aachen, die Nachrichten von einer neuen Initiative der Niederländischen Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende (NVVE) bewegt, die mit mobilen Teams eine ambulante Beendung des Lebens anbietet. „Wir haben den Dialog mit niederländischen Kollegen gesucht und können vorurteilsfrei sprechen”, betont Wüller. „Wir sind auf ein hohes Ethos getroffen, aber in den Niederlanden hat man einen anderen Begriff von Autonomie, und nicht zuletzt unser geschichtlicher Hintergrund verlangt von uns besondere Verantwortung.”

„Euthanasie” oder „euthanasieren” - Begriffe, die in den Niederlanden sehr selbstverständlich verwendet werden. Wo angesichts schwerstkranker Patienten in Deutschland Stimmen laut werden, die ein ähnliches „Angebot” verlangen, sagt Wüller: „Wir brauchen das nicht, wir haben andere Möglichkeiten, und die können wir noch weit intensiver ausbauen.

„Leben im Sterben” lautet daher das Motto der Hospizbewegung Düren-Jülich. „In nächster Zeit wird es neben dem Kreis Düren ein weiteres Palliativnetzwerk im Kreis Heinsberg geben”, versichert Wüller. Und die Niederlande? „Nach der gesetzlichen Regelung werden dort im Jahr etwa 4000 Menschen euthanasiert, darunter 1000 demente oder behinderte Patienten, die keine unmittelbare Einwilligung gegeben haben”, sagt Franke. Können deutsche Hausärzte die Begleitung Sterbender überhaupt leisten? „Ja”, sagt der niedergelassene Hausarzt. „Wir begleiten etwa sieben oder acht sterbende Patienten im Jahr, das ist nicht zu viel.”

Hier fordert Wüller die Ärzte auf, deutlich früher als bisher einen qualifizierten Palliativmediziner hinzuzuziehen. Mit der Gewissheit einer Diagnose ist meist noch nicht der sofortige Einsatz einer Sterbebegleitung notwendig. „Früher legte sich der alte oder schwer kranke Mensch ins Bett und wartete ab, heute müssen Entscheidungen getroffen werden, etwa ob man noch eine Chemotherapie einleitet”, meint Graf. Der gesellschaftliche Wandel bietet Chancen, Patientenverfügungen oder Versorgungsvollmachten, die man gemeinschaftlich - Hausarzt, Palliativmediziner, Partner, Familie - hinterlegt, bevor die letzte Lebensphase beginnt.

Von einer „unglaublichen Sprachverwirrung” (selbst in Expertenkreisen) spricht Wüller. Stichwort Herzschrittmacher: Der Impulsgeber für das Herz kann im Sterbeprozess für quälerische Irritation sorgen. „Es ist keine aktive Sterbehilfe, wenn wir ihn mit Hilfe eines Magneten ausschalten”, versichert er. Oder die Beatmung: „Rechtlich ist es kein Unterschied, ob ich sie abschalte oder gar nicht erst damit beginne”, sagt Franke. Und Wüller ergänzt: „Luftnot können wir sehr gut medikamentös behandeln, Opiate einsetzen, Menschen die Angst nehmen. Das ist oft besser wirksam und zudem schonender als Sauerstoff und Sprays.” Patienten, die in dieser Hinsicht aufgeklärt werden, fühlen sich meist von einer schweren Angst-Last befreit. Informierte Angehörige entwickeln keine Schuldgefühle.

Kontakte und Anlaufstellen

Ambulantes Hospiz- und Palliativzentrum Kreis Düren, Am Weiherhof 23, 52382 Niederzier,02428/9570155, Internet: http://www.wohnanlage-sophienhof.de.

Hospizbewegung Düren-Jülich, Roonstraße 30, 52351 Düren, 02421/393220 und in Jülich ? 02461/9860073, Internet: http://www.hospizbewegung-dueren.de.

Home Care Städteregion Aachen, Auf der Hüls 120, 52068 Aachen, 0241/515624-0, Internet: http://www.homecare-aachen.de.

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