Merzenich/Köln - Unfallreiche A4: Von Wut, Schuldzuweisungen und Ursachensuche

Unfallreiche A4: Von Wut, Schuldzuweisungen und Ursachensuche

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Seit der Einweihung des neuen Abschnitts zwischen Merzenich und Elsdorf sind bereits neun Menschen ums Leben gekommen. Foto: M. Gego

Merzenich/Köln. Als der neue Abschnitt der A4 eingeweiht wurde, ahnte wahrscheinlich kaum jemand, welche Dramen sich in den darauffolgenden Jahren darauf abspielen würden. Damals, am 16. September 2014, muss die Stimmung unter den Gästen des kleinen Festaktes auf der Autobahn einigermaßen festlich gewesen sein, jedenfalls las sich die anschließend verbreitete Pressemitteilung damals so.

Michael Groschek (SPD), damals NRW-Verkehrsminister: „Die umfangreichen Schutzmaßnahmen werden zeigen, dass die öffentliche Hand gemeinsam mit der Energiewirtschaft hier Erfolgreiches leisten kann.“

Enak Ferlemann (CDU), Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium: „Das Geld für die A4 ist hervorragend angelegt. Mit der (...) Autobahnverbindung zwischen Aachen und Köln verbessern wir den Verkehrsfluss und erhöhen die Sicherheit.“

Drei Jahre ist das her. Und bis heute sind auf dem so weihevoll eingeweihten A4-Abschnitt bereits neun Menschen gestorben.

Die Verlegung der A 4, die wegen des Voranschreitens des Tagebaus Hambach nach Südosten erforderlich wurde, ist seit jeher ein emotionales Thema. Zum einen, weil mit der Erweiterung des Tagebaus bis kurz vor Kerpen-Buir die Zerstörung zweier weiterer Orte und der Reste des Hambacher Forsts verbunden ist. Zum anderen, weil die knapp 4000 Einwohner Buirs steigende Lärm- und Umweltbelastungen dadurch befürchten, dass die Abbruchkante des Tagebaus und die A4 bis an den Ortsrand rücken.

Vorstände, Minister, Staatssekretäre und andere wichtige Menschen wurden in Elektrobussen über das neu gebaute Teilstück zwischen Merzenich und Elsdorf gefahren, später dann die Reden:

Als der Kampf gegen die Verlegung der A4 verloren war, forderte die „Initiative Buirer für Buir“ schon vor Jahren ein Tempolimit auf dem neuen A4-Abschnitt, Autos sollten dort nicht schneller als 100 Kilometer pro Stunde fahren. Als die zuständige Unfallkommission der Bezirksregierung Köln vor knapp zwei Wochen entschied, das Tempo auf dem Abschnitt versuchsweise auf 130 zu begrenzen, teilte die Initiative Buirer für Buir mit: „Dass es für ein Umdenken der Bezirksregierung erst der schrecklichen Unfälle der letzten Zeit bedurfte, macht Andreas Büttgen (Sprecher „Buirer für Buir“, d. Red.) und seine Mitstreiter wütend.“

„Dieser Satz ist eine Unverschämtheit“, sagt Dirk Schneemann, der Sprecher der Bezirksregierung Köln ist.

Was in der emotional geführten Debatte um die A4 in der Tat etwas untergeht, ist die Tatsache, dass weder die Bezirksregierung noch der neue NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) noch irgendeine andere Behörde Tempolimits nach eigenem Dafürhalten einrichten kann. Denn Gesetz ist, dass es auf den Autobahnen in Deutschland kein Tempolimit gibt – es sei denn, es liegt ein Grund dafür vor. Lärmbelästigung, Unfallschwerpunkte, temporäre oder ständige Gefahrenstellen. Erst in diesen Fällen darf über eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen nachgedacht werden.

Bei der Bezirksregierung ist eine Unfallkommission eingerichtet, die sich mit genau solchen Fragen befasst. In der Kommission sind die Autobahnpolizei, der Landesbetrieb Straßenbau und die Bezirksregierung Köln vertreten, der Vorsitzende heißt Frank Bohlander und ist Verkehrsingenieur bei der Bezirksregierung.

Anders als der Aachener Verkehrswissenschaftler Bernhard Steinauer haben weder die Unfallkommission noch das nordrhein-westfälische Verkehrsministerium die Probleme auf dem neuen A4-Abschnitt kommen sehen. „Wir sind von den schweren Unfällen überrascht worden“, sagt Bohlander.

Das Problem der Unfallkommission war bislang, dass sie keine Handhabe hatte, irgendetwas am neuen A4-Abschnitt zu ändern. Die Strecke ist neu, gut ausgebaut, sie ist keine Unfallhäufungsstelle, die Lärmschutzwerte werden eingehalten. Und trotzdem stimmt etwas mit dem neuen Abschnitt nicht. Bohlander sagt: „Die Unfälle, die dort passieren, sind sehr verschieden, alle haben eine andere Ursache. Aber die Unfälle eint, dass sie auffallend schwer sind.“ Nach drei tödlichen Unfällen im laufenden Jahr hatte die Unfallkommission die Möglichkeit, versuchsweise ein Tempolimit einzurichten.

Und nun? Verkehrsunfälle sind in der Regel desto schwerer, je größer die Geschwindigkeitsdifferenz der beteiligten Fahrzeuge ist. Das Ziel des Tempolimits ist deswegen, die Geschwindigkeitsdifferenz der Fahrzeuge auf diesem Abschnitt der A4 zu reduzieren. Es ist aber fraglich, ob sich jeder an das neue Tempolimit halten wird.

Die Akzeptanz von Geschwindigkeitsbegrenzungen ist sehr unterschiedlich, manche Tempolimits werden relativ strikt befolgt, andere so gut wie gar nicht. In Baustellen etwa ist die Akzeptanz hoch, sagt Bohlander, ebenso bei Spurverengungen, fehlenden Standstreifen oder in schärferen Kurven. Ob das Tempolimit auf dem neuen A4-Abschnitt akzeptiert wird, hängt davon ab, ob den Fahrern die schweren Unfälle der jüngeren Zeit dort im Bewusstsein bleiben oder nicht. Denn dass man auf einem dreispurigen, auf mehr als sieben Kilometern schnurgerade verlaufenden Autobahnabschnitt nicht schneller als 130 fahren soll, würde sich ja nicht von selbst erschließen, sagt Bohlander.

Messungen der Verkehrsleitzentrale des Landesbetriebs Straßenbau haben ergeben, dass der neue A 4-Abschnitt in beide Richtungen durchschnittlich von insgesamt etwa 12.000 Lkw und 68.000 anderen Fahrzeugen pro Tag befahren wird. Von diesen 68.000 Autos, Motorrädern und Transportern fahren mehr als 10.000 eine Geschwindigkeit von mindestens 142 Kilometern pro Stunde. „Das ist ein hoher Anteil“, sagt Bohlander. Dieser Anteil soll durch das Tempolimit verringert werden.

Die Unfallkommission hat verabredet, sich monatlich zusammenzusetzen und über die neuesten Erhebungen zu beraten. Die Autobahnpolizei wird über Unfälle berichten, die sich auf dem Abschnitt ereignet haben, die Verkehrsleitzentrale fasst zusammen, wie sich die Geschwindigkeit der zwischen Elsdorf und Merzenich fahrenden Autos nach Einführung des Tempolimits entwickelt. Erst wenn nach einiger Zeit keine Veränderung der Situation eintritt, kann die Unfallkommission über weitere Schritte nachdenken. Über eine weitere Begrenzung der Geschwindigkeit, vielleicht auch über eine stationäre Radarmessanlage wie am Kreuz Jackerath auf der A44.

Trotzdem hat auch die Einführung der Geschwindigkeitsbegrenzung nicht dafür gesorgt, dass Ruhe einkehrt. Die Bezirksregierung wird mit Eingaben und Beschwerden von Städten, Gemeinden, Initiativen und Bürgern überzogen. Zuletzt hat Merzenichs Bürgermeister Georg Gelhausen (CDU) beantragt, an zwei A4-Brücken Transparente anbringen zu dürfen, auf denen entweder „Brems Dich – rette Leben!“ oder „Runter vom Gas!“ stehen soll. Bohlander sagt: „Der neue A4-Abschnitt ist ein hoch emotionales Thema, wir werden von außen stark unter Druck gesetzt.“

Und Bohlander persönlich auch. Immer, wenn zuletzt ein Unfall auf dem neuen A4-Abschnitt passierte, wurde Bohlander mit Anzeigen gedroht. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung. Begründung: Bohlander habe als Vorsitzender der Unfallkommission die Unfälle nicht durch die frühere Einführung eines Tempolimits und das Aufstellen stationärer Blitzanlagen verhindert. Dass auch Bohlander nicht tun und lassen kann, was er will, sondern sich an Gesetze und Verordnungen halten muss, scheint dabei vielen überhaupt nicht klar zu sein.

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