Unermüdlicher Einsatz für die Gesundheitsförderung

Von: Sabine Rother
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Regelmäßige Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen hilft dabei, Defizite zu entdecken, Impfungen dürfen nicht vernachlässigt werden. Alleinsein und Überforderung machen heute Kinder und Jugendliche immer öfter seelisch und körperlich krank. Foto: dpa
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Dr. Karl-Josef Eßer aus Düren ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Düren. „Von Anfang an gemeinsam für Prävention und Gesundheitsfördeung bei Kindern und Jugendlichen“ lautet das Motto bei der Tagung der Ärztekammer Nordrhein am kommenden Mittwoch, 26. März, im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft.

Es geht um neue Strategien und nicht zuletzt um die Diskussion im Vorfeld der Entwicklung eines Präventionsgesetzes sowie der anstehenden Erneuerung des Kinderschutzgesetzes. Neben Professor Norbert Wagner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (14.500 Mitglieder), zugleich Direktor der Klinik für Kinderheilkunde am Uniklinikum Aachen, ist Karl-Josef Eßer (66), bis 2012 Chefarzt der Kinderklinik im Dürener St. Marien-Hospital, als Generalsekretär im aktiven Einsatz für Verbesserungen. Wir sprachen mit ihm.

Wie hat sich die Gesetzgebung in den vergangenen Jahren entwickelt?

Eßer: 2012 wurde das Bundeskinderschutzgesetz verabschiedet. Das Präventionsgesetz, das wir seit vielen Jahren dringend brauchen, ist nicht installiert worden, das hat der Bundesrat abgelehnt. Das Kinderschutzgesetz wird 2015 revidiert. Wesentlichster Aspekt ist die Arbeit des „Nationalen Zen­trums Frühe Hilfen“. Es untersteht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Was kann das Gesetz leisten?

Eßer: Wichtigster Inhalt ist die Vorbeugung vor Misshandlung und Missbrauch von Kindern durch frühe Erkennung psychosozialer Probleme in den Familien und nachfolgende Unterstützung. Die aktuellen Möglichkeiten der Förderung basieren allerdings auf vier verschiedenen Sozialgesetzbüchern, keine günstige Situation. Eine Initiative der Grünen will dazu jetzt aktiv werden. Es wird eine Jahrhundertaufgabe, das alles zu bündeln. In einer Legislaturperiode kann man das nicht schaffen.

Wie ist die Ausrichtung dieses Gesetzes, wenn Sie es aus ärztlicher Sicht betrachten?

Eßer: Das Gesetz ist wichtig, aber das Gesundheitswesen kommt nicht vor.

Wie kann das sein?

Eßer: Das Gesetz wurde durch Gesundheitswissenschaftler, insbesondere aus dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, gestaltet. Das Gesundheitswesen als Bereich der „Frühen Hilfen“ wurde nicht integriert. Eine These von Public Health lautet: Nur maximal 20 Prozent der Gesundheitsförderung werden durch das Gesundheitswesen erbracht.

Was muss sich ändern, was kann sich jetzt schon ändern?

Eßer: Kinder- und Jugendärzte sind bereits jetzt zu etwa 30 Prozent ihrer Tätigkeit mit arztfremden, hier sozialen Problemen ihrer Patienten beschäftigt. Es gilt, die Abgrenzungen zwischen den Systemen aufzubrechen. Hinsichtlich der zukünftigen Strukturen und im Hinblick auf den Ärztemangel, den es geben wird, brauchen wir andere Professionen, die auf Augenhöhe mit den Ärzten zusammenarbeiten. Sozialwesen, Jugendhilfe, öffentlicher Gesundheitsdienst – diese Strukturen muss man zusammenführen, vernetzen.

Gibt es aktuelle Faktoren, die sich auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirken?

Eßer: Insbesondere Armut bedingt gehäuft Krankheit und schlechte Bildung. Wenn man Armut verringert, verbessert man die Gesundheit.

Wo setzt Prävention an?

Eßer: Bereits vor der Geburt. Zum Beispiel ist die Beratung der Schwangeren zur Ernährung extrem wichtig. Wenn Frauen in der Schwangerschaft stark zunehmen, tragen sie das Risiko, dass ihr Kind lebenslang mit Übergewicht zu kämpfen hat. Natürlich geht es auch um Alkohol und Nikotin.

Wo kann es nach der Geburt eines Kindes besonders kritisch werden?

Eßer: Risikofaktoren nach der Geburt sind unter anderem, wenn Mütter jünger als 18 Jahre sind, finanzielle Probleme haben, alleinerziehend oder depressiv sind.

Wie sieht es mit den regulären Vorsorgeuntersuchungen aus? Sind sie eine Hilfe?

Eßer: 98 Prozent aller Kinder sehen die Kinderärzte bei den Vorsorgeuntersuchungen im ersten Lebensjahr. Kinder- und Jugendärzte, Gynäkologen und Hebammen sammeln Informationen, aber was geschieht damit? Hilfssysteme müssen strukturiert werden. Viele der erkannten Probleme werden nicht nachverfolgt. Wir brauchen deshalb ein Kooperations- oder Lotsenmodell. In NRW gibt es bereits die Stiftung KinderZukunftNRW, die ein Lotsen-Modell betreut. Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin wird in diesem Jahr gemeinsam mit dem Düsseldorfer Gesundheitsministerium und den „Frühen Hilfen“ ein solches Projekt mit vier Kinderarztpraxen beginnen, eine davon ist in Düren.

Was kann eine Lotse für die jungen Patienten tun?

Eßer: Der Lotse sollte in der Kinderarztpraxis sitzen und Sprechstunden halten. Er könnte eine junge Mutter zum Sozialamt begleiten, damit sich ihre finanzielle Situation verbessert, oder schauen, dass ein Kind wirklich zur Krankengymnastik kommt, wenn sie der Arzt für wichtig hält.

Lotse wäre ein neues Berufsbild? Sie müssen die Politik überzeugen.

Eßer: Ja, wir wollen über die Gesetzgebung eine Finanzierung erreichen. Es gibt sogar schon Ausbildungsstrukturen. Qualifizierungskurse sind im Entstehen. Die Hausärzte wünschen sich das im übrigen auch schon.

Wie kann man Verbesserungen grundsätzlich erreichen?

Eßer: Es geht nur über Unterstützung und Beratung der Familien zum Beispiel bei finanziellen Problemen, schulischer Not, zur Ernährung, zur Förderung von Aktivitäten. Da gibt es keine leider strukturierten politischen Ideen.

Wie ist es mit den Frühgeborenen? Braucht man da andere Hilfen?

Eßer: Für die Frühgeborenen gibt es bereits erprobte Strukturen, den Bunten Kreis, der schon im Sozialgesetzbuch etabliert ist. Dort verfügt man über eigene Nachsorgestrukturen. Durch sozialpädiatrische Zentren werden Kinder weiter betreut.

Welche Erkrankungen waren früher bei Kindern nicht so verbreitet?

Eßer: 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden unter seelischen Krankheiten sowie körperlichen Störungen, die mit dem sozialen Status zusammenhängen, in Familien mit schwacher sozialer Struktur sind das tatsächlich über 30 Prozent.

Können Sie das noch etwas genauer ausführen?

Eßer: Wir sprechen von neuen Morbiditäten, von Krankheiten, die aufgrund unserer jetzigen sozialen Situation entstanden sind: Mediensucht, Adipositas, Pro-bleme, die durch Überforderung in der Schule entstehen, auch das Alleinsein zu Hause gehört dazu.

Die Aufmerksamkeitsstörung ADHS ist in der Diskussion?

Eßer: ADHS basiert auf einer Stoffwechselstörung. Und hat eine erbliche Komponente, man muss deshalb immer überlegen, ob einer der Eltern das auch hatte oder noch hat – häufiger Schulwechsel, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg sind Hinweise. ADHS ist keine Intelligenzstörung. Bei der Hälfte der Patienten ist nach dem 16. Lebensjahr ADHS nicht mehr da, dann hat eine Reifung des Stoffwechsels stattgefunden.

Muss diese Störung unbedingt mit Medikamenten behandelt werden?

Eßer: Drogenmissbrauch, Alkohol und gescheiterte Beziehungen werden durch ADHS befördert. Liebe, Geduld und professionelle Betreuung gehören zur Behandlung. Medikation sollte man nur dann einsetzen, wenn die schulische Laufbahn gefährdet ist. Das hieße nämlich, der Patient kann ein Leben lang nicht das machen, wozu er geistig in der Lage ist. Wir wissen, dass Zufriedenheit im Beruf wichtiger ist als in der Familie, dazu gibt es Untersuchungen.

Ein weiteres Diskussionsthema sind Impfungen. Wie ist Ihre Position?

Eßer: Wir hätten nicht diesen hervorragenden Gesundheitszustand, wenn wir Impfungen nicht konsequent durchgeführt hätten. Wir müssen impfen. Ein Arzt, der negativ im Bezug auf das Impfen berät, handelt nach nicht im Sinne der Patienten. Es gibt keinen Kompromiss. Gegen Masern, Röteln, Mumps, Windpocken, Diphterie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, HiB, Hepatitis B, Rota-Viren, Meningokokken muss im frühen Kindesalter geimpft werden.

Was sind die Ziele der Gesellschaft, wo sind Sie als Generalsekretär besonders aktiv?

Eßer: Die Kinder- und Jugendärzte müssen gemeinsam politischer werden. Es gibt in der Politik zu wenig Kinderbewußtsein, zum Beispiel keinen Lehrstuhl für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter. 70 Prozent aller Medikamente, die Frühgeborene erhalten, sind nicht für die Altersgruppe ausgetestet. In Deutschland haben wir kein Forschungszentrum für Kindergesundheit. Es gibt auch kaum geförderte Versorgungsforschung.

Was ist eine weitere große Sorgen?

Eßer: Die Transition. Chronisch kranke Kinder müssen irgendwann in den Erwachsenenbereich überführt werden. Da erarbeiten wir ein strukturiertes System.

Wie gestaltet sich die Situation an den Kliniken?

Eßer: Wir brauchen eine verbesserte Finanzierung der stationären Versorgung. Lukrative Bereiche in einem Krankenhaus sind Orthopädie, Chirugie oder Innere Medizin. Kinder-Jugendmedizin ist es nicht. Da werden schon mal schnell Betten weggegeben. Mit der Zeit wird die Kinderstation immer kleiner und ist wirtschaftlich nicht mehr zu halten. Wir fordern einen Sicherstellungszuschlag für Kinderkliniken, das bedeutet eine Pauschale von etwa 15 Prozent mehr als die anderen Abteilungen oder ein eigenes Budget. Ohne Kinderkliniken können wir keine Kinderärzte ausbilden.

Was hat sich verändert?

Eßer: Damals hatten wir viel mit Verwahrlosung durch Armut zu tun. Heute ist das eine seelische Verwahrlosung – und das in allen sozialen Schichten. Gewalt und ihre Auswirkungen haben wir früher kaum registriert, weil wir nicht wussten, dass es sie in dem Maße gab. Durch wichtige Initiativen haben wir als Ärzte lernen müssen, Gewalt und Missbrauch zu erkennen und waren erschreckt über das, was sich uns geboten hat.

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