Und zum Schluss nach Herstappe

Von: Udo Kals
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Die Liebe zur Fritte: Manfred
Die Liebe zur Fritte: Manfred Schauss. Foto: Marco Rose

Aachen. Zum Schluss also noch Herstappe. Mehr als 6000 Kilometer liegen hinter Jutta Melchers und Marco Rose, kreuz und quer durch die Euregio sind sie gekurvt: nach Bocholtz und Wijnandsrade, nach Kelmis und Eupen, nach Zweifall und Heinsberg. Und sonstwohin.

Jetzt also noch nach Herstappe, wo Dragan Markovic mit einer Geschichte auf Jutta Melchers wartet, „die auch ebstens in Don Camillo und Peppone hätte vorkommen können”, wie die Fotografin später sagt.

Mit 86 Seelen ist das Nest bei Hasselt die kleinste eigenständige Gemeinde in der Euregio. Mit einem gewählten Gemeinderat, einem Bürgermeister sowie einem Verwaltungschef, Gemeindesekretär Dragan Markovic eben. Weil Herstappe eine der wenigen zweisprachigen Gemeinden im Königreich ist, darf der Ort - das ist typisch belgisch -nicht mit den umliegenden Gemeinden zusammengelegt werden, weil diese entweder flämisch oder wallonisch sind. Und weil in Herstappe eben auch Politik gemacht wird, gibt es Knatsch - was nicht nur typisch belgisch ist.

Doch wegen der Geschichte war Melchers nicht die letzten Kilometer nach Belgisch-Limburg an der Grenze zur Provinz Lüttich gefahren. Sie hatte an einem dieser besonderen Orte in der Euregio nur eines im Sinn: ein Gesicht. Oder besser gesagt: das Motiv. „Es war der letzte Fototermin”, sagt Jutta Melchers. Und sie seufzt zufrieden. Endlich, soll das wohl heißen. Alle Fotos für die Ausstellung „52 Wochen”, die sie und Rose präsentieren, waren im Kasten.

Ein Jahr lang sind die 61-jährige Galeristin aus Herzogenrath und der 37-jährige Marco Rose aus Aachen, der Politik-Redakteur unserer Zeitung ist, durch das Dreiländereck gezogen. Haben Anekdoten gesammelt, kleine Dramen, Geschichten. Aber vor allem haben sie fotografiert. Menschen fotografiert. Wer ein Bild von der Euregio im Kopf hat, der muss es jetzt vielleicht ändern. Zumindest aber 104 Gesichter hinzufügen.

„Eigentlich wollte jeder von uns jede Woche exakt ein Foto machen. Ganz strikt. Doch es stellte sich schnell heraus, dass dies zeitlich und organisatorisch eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist”, sagt Rose. Und so wurde dieser Plan ein wenig aufgeweicht, doch am gemeinsamen Ziel festgehalten. In einem Jahr entstand nun dieser Porträtzyklus mit der Grundidee, die Gegensätze in der Euregio zu zeigen. „Die Euregio ist zwar ein fürchterlich technokratisches Gebilde. Zugleich ist es aber so schön, in so kurzer Zeit in ganz verschiedene Lebenswelten mit den großen Mentalitätsunterschieden von Wallonen, Deutsch-Belgiern oder auch Limburgern reisen zu können”, sagt Rose: „Dieses vielfältige, aber schon gemeinsame Lebensgefühl wollten wir einfangen.”

Und zwar nicht anhand von klischeehaften Stadtansichten oder Vorzeige-Promis. „Martin Schulz als Präsident des Europa-Parlaments ist da wohl die einzige Ausnahme”, sagt Rose, ohne den anderen zu nahe treten zu wollen. Vielmehr galt der Blick durch den Sucher den Menschen, „die im Alltäglichen besonders sind”, sagt Melchers: „Wir wollten auch nicht jeden x-beliebigen Menschen aus der Nachbarschaft, sondern haben uns die Menschen mit ihren Geschichten schon genau ausgesucht.” Rose sagt: „Wir wollten keine Langweiler.”

Das ist ihnen geglückt. Wie etwa mit Dragan Markovic, dem Gemeindesekretär von Herstappe, mit Verena, der Friseurin und dem Szene-Model aus Aachen, mit Claus Röhling, dem Bunker-Besitzer aus Urft oder Raja Moussaoui, der früheren TV-Moderatorin und jetzigen Kämmerin von Roermond. Mit diesen vier und den anderen 100 Gesichtern nähern sich Rose und Melchers demF facettenreichen Leben zwischen Rhein und Maas. Sie greifen das Leben in Farbe und in Schwarz-Weiß, halten es fest, präsentieren es.

Die Schönheit des Lebens

Es gab auch die Menschen, die sich zierten, die nicht wollten, die sich sperrten. „Doch das waren glücklicherweise nur wenige”, sagt Rose. Nur in den seltensten Fällen sind Schnappschüsse dabei. Wie etwa das Bild von Manfred Schauss, der in seinem Imbisswagen an Baraque Michel im Hohen Venn die Fritten mit so viel Verve durch die Luft wirbelt und dieses Schauspiel mit einer solchen durchdringenden Glückseligkeit beobachtet, als ob in jeder frittierten Kartoffelstange die Schönheit des Lebens steckt.

So vollkommen dieses Foto auch ist. „Manche Bilder würde ich heute nicht mehr so machen, wie wir sie im Buch und in der Ausstellung zeigen”, sagt Rose. „Während des Projekts lernt man unheimlich viel.” Über die Region, über die Menschen und über den Blick auf beides.

Jetzt ist diese spannende Entdeckungsreise zumindest für die Fotografen zu Ende. „Insgesamt sind Marco und ich 6100 Kilometer durch die Region gefahren, so ungefähr Luftlinie Aachen-New York”, schreibt Melchers in ihrem Blog: „Mit Jetlag und Zeitumstellung hatten wir aber nicht zu kämpfen.” Bis zum Schluss nicht, auch nicht in Herstappe.

Die Ausstellung beginnt am 16. November

Die Ausstellung ist vom 16. November bis zum 14. Dezember in Aachen zu sehen. Zum Auftakt präsentiert die Regio IT als Projekt-Sponsor die Fotos im Kulturwerk Aachen, Nadelfabrik, Reichsweg 19-42. Bei der Eröffnung am Freitag, 16. November, wird um 19 Uhr auch der begleitende Bildband vorgestellt. Öffnungszeiten: freitags und samstags von 10 bis 18 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Ab Montag, 12. November, werden die Fotos zudem für zwei Wochen als großformatige Leinwandpräsentation in der Aachener City-Kirche, An der Nikolauskirche 3, zu sehen sein. Weitere Stationen sind in Planung.

Jutta Melchers ist Galeristin und vertritt unter anderem die belgische Fotografin Alice Smeets, die 2008 für das Unicef-Foto des Jahres ausgezeichnet wurde. Bislang stand bei der 61-jährigen Herzogenratherin die dokumentarisch-künstlerische Streetfotografie im Vordergrund.

Marco Rose ist Politik-Redakteur unserer Zeitung. Der 37-Jährige stammt aus Aachen und widmet sich ganz unterschiedlichen fotografischen Sujets wie der Porträt- und der Landschaftsfotografie.

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