Navid Kermani liest aus „Ungläubiges Staunen“ im Aachener Dom

Und wenn Jesus heute am Kölner Bahnhof erschiene?

Von: Bernd Mathieu
Letzte Aktualisierung:
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Navid Kermani nähert sich dem Christentum auf originelle Weise: Mit seinem schon in zwölfter Auflage erschienenen Buch „Ungläubiges Staunen“ erreicht er sogar Menschen, die nicht besonders religiös sind. Foto: Arne Dedert/dpa
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„Ich blickte hoch, nicht bloß sprach-, sondern atemlos.“ Navid Kermani über das Gerhard-Richter-Fenster im Kölner Dom. Foto: dpa
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Im Aachener Dom: Navid Kermani (Mitte) diskutierte in der Reihe „Literatur zur Nacht“ mit dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, Moderator war unser Chefredakteur Bernd Mathieu. Foto: Andreas Herrmann
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Verleihung des NRW-Staatspreises im Kölner Gürzenich: Navid Kermani und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Foto: dpa

Region. Kann man staunen über dieses Christentum? Ja, natürlich kann man das. Darf man ungläubig staunen? Auch das. Gewiss auch gläubig. Das ist eine Frage, die jedes Individuum für sich beantworten muss.

Nehmen wir uns noch Zeit darüber ernsthaft nachzudenken, darüber zu sprechen, sich auszutauschen mit anderen – mit anderen, die glauben, mit anderen, die nicht mehr glauben, die noch nie geglaubt haben? Oder schwimmen wir längst im immerwährenden Fahrwasser eines Rituals, einer Selbstverständlichkeit, einer Oberflächlichkeit, einer Gleichgültigkeit? Welcher Christ kennt seine Religion denn noch so ganz genau? Wie wenig wissen wir? Und warum bemühen wir uns nicht um mehr?

Fragen. Immer nur Fragen. Noch eine: Gibt es Antworten?

Blicken wir zurück auf einen Freitagabend vor wenigen Wochen im Aachener Dom. 1100 Menschen, und für mehr gab es nun beim besten Willen keinen Platz mehr, hören dem Schriftsteller Navid Kermani zu. Sie verfolgen ein Gespräch zwischen ihm und Norbert Lammert, dem klugen ehemaligen Bundestagspräsidenten. Und ich, der Journalist, habe das Glück, diesen öffentlich ausgesprochenen Gedankenaustausch der beiden Intellektuellen moderieren, ach was: mit ein paar Fragen ergänzen zu dürfen.

Im Mittelpunkt steht Navid Kermanis so vorzügliches, so überraschendes, so einzigartiges und tatsächlich im besten Sinne des Wortes originelles Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Schon der Klappentext verrät ohne dramaturgische Verzögerung in den ersten Sätzen, was die Leserin und den Leser erwartet: „Es ist ein Wagnis: Offenen Herzens, mit einer geradezu kindlichen Neugier, aber auch mit all seinen eingestandenen Zweifeln versenkt sich Navid Kermani in die christliche Bildwelt. Und es wird zum Geschenk: Denn seine berückend geschriebenen Meditationen geben dem Christentum den Schrecken und die Schönheit zurück.“

Man stockt hier beim Lesen, zögert, einfach fortzufahren. Berückend. Schrecken und Schönheit. Etwas zurückgeben. Dann wird es konkreter: „Kermani hadert mit dem Kreuz, verliebt sich in den Blick der Maria, erlebt die orthodoxe Messe und ermisst die Größe des heiligen Franziskus.“

Eine Renaissance

Ja, es ist ein wundersames Buch eines wunderbaren Autors. Für Aachen hatte er drei Kapitel ausgewählt: El Grecos „Abschied Christi von seiner Mutter“, Caravaggios „Opferung Isaaks“, Giottos „Begegnung Joachims und Annas an der Goldenen Pforte“. Das Buch zeigt uns insgesamt 40 Bilder alter Meister. Kermani lässt sich in seiner schönen und inspirierenden Sprache nicht auf kunsthistorische oder theologische Interpretationen ein, sondern beschreibt sehr subjektiv und sehr sensibel seine persönlichen Empfindungen. Er verrät uns seine Entdeckungen wesentlicher Details, die wir bei oberflächlicher Betrachtung der Meisterwerke leichtsinnig und zuweilen respektlos übersehen.

Der Schriftsteller schafft damit spezielle Blicke und Bezüge zur Gegenwart, und er schärft unser Bewusstsein für die Welten der Literatur und, natürlich, der Religionen, vor allem des Christentums und des Islams. Kermani betrachtet Bilder, nimmt ihre Wirkung auf, denkt darüber nach und schreibt darüber. Der Muslim nähert sich einer anderen Religion über die Kunst. Was für ein Weg!

Die Faszination für das Christentum und die sich daraus über die Jahrhunderte entwickelnde großartige Kunst von Dürer, Rembrandt, Botticelli bis zu Gerhard Richter ist uns, den von Zeitdruck und Digitalisierung fremdbestimmten Alltagsmenschen, zuweilen abhanden gekommen. Kermani entdeckt sie für uns wieder, es ist die Renaissance eines Gefühls, eines Gespürs für Religion(en).

Der 1967 in Siegen geborene feinsinnige und Dinge auf den Punkt bringende Autor öffnet uns die Augen. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat er auf die Frage, was er am Christentum bewundert, so geantwortet: „Ganz eindeutig ist es das Moment der Feindesliebe, das ist ein revolutionärer Gedanke gewesen, der ja auch in andere Religionen Eingang gefunden hat. Ein Gedanke, den Sie im Islam ganz dezidiert finden, innerhalb des sufischen Islams speziell, auch im Koran übrigens. Was die Sufis gesehen haben am Christentum, war vor allem dieses Moment der Liebe, die über das eigene Kollektiv hinausgeht.“

Navid Kermani feiert Weihnachten schon als Kind. Seine Eltern, beide Iraner, legen Wert darauf, dass sie und ihre Kinder in Deutschland teilhaben an der Kultur ihrer neuen Umgebung. Jesus ist für Muslime nicht der Sohn Gottes, sondern ein großer Prophet. Kermani sagt: „Jesus ist der Liebling der Sufis.“ Das habe eben viel zu tun mit Begriffen wie Nächstenliebe, Friedfertigkeit und Sanftmut. Und das sei doch ein Fest wie Weihnachten durchaus wert.

In Rom sei er nachhaltig aufmerksam geworden auf die christliche Bildwelt und formuliert es in seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ gleich im ersten Kapitel so: „In Rom wurde ich ohnehin neidisch aufs Christentum.“ Er empfinde eine „Faszination für die beispiellose Kontinuität einer Institution, die aus Gottes Angehörigen eine Gemeinschaft bildet. Nur ihr ist sie auf Dauer gelungen.“ Er spüre, warum das Christentum „eine Möglichkeit ist“. Norbert Lammert sagt über Kermani im Aachener Dom einen sehr zutreffenden Satz: „Wenn wir Christen annähernd so einen Überblick über die islamische Welt hätten wie Navid Kermani über die christliche Kultur!“ Er bürste dabei den Zeitgeist gegen den Strich.

Im Aachener Dom frage ich Kermani nicht nur nach seinem Buch, ich möchte von ihm wissen, was er der christlichen Kirche, die mit manchem Dilemma zu kämpfen hat, heute rät. „Gläubige gehen gerne in die Kirche, wenn es schön ist. Im Gottesdienst der Orthodoxen versteht man nichts, aber die Kirchen sind voll. Da gibt es einen Schatz, den die Kirche wenig nutzt.“ Navid Kermani nennt ein Beispiel, auch in seinem Buch: Er müsse in einer Stadt wie Berlin nur einen „gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst besuchen, um beizupflichten, wie sehr dem Christentum Schönheit heute fehlt. Armut allein macht keinen Gott groß“.

Im Kapitel „Sendung“ beschreibt Kermani, wie er sich Jesus vorstellt, rein äußerlich. „Als Jugendlicher träumte ich öfters, Jesus erschiene heute, hier in Köln, am Bahnhof oder bei H & M, und sah jedes Mal einen Freak, der auf der Straße lebte oder ein übriggebliebener Hippie mit langen, ungepflegten Haaren sein konnte, Hemd und Hose aus bunten Lumpen und an den nackten Füßen selbst im Winter jene Latschen, die schließlich seinen Namen tragen. Ein Sonderling, durchgeknallt, warnte er in einer Fußgängerzone vom Weltende oder war ein politischer Aufrührer, aus Sicht seiner Mitmenschen ein Fanatiker, obschon friedlich und also harmlos, lächerlich mehr als gefährlich.“

Gleichwohl räumt der Schriftsteller dann ein, dass solche Beschreibungen mehr über seine eigene Zeit als junger Mensch erzählten als über Jesus. Und ergänzt: „So gut wie für einen Penner hätte man den Jesus, von dem ich träumte, für ein Gründungsmitglied der Grünen halten können.“

Das ist keine respektlose Wiedergabe eigener Gedanken, sondern eine sehr individuelle Gedankenwelt, die Kermani mit der Beschreibung von Veroneses Bild „Die Hochzeit zu Kana“ präzisiert: „Er ist auf Erden, er feiert mit allen Leuten, fällt nicht äußerlich auf – und ist doch im Inneren so tief berührt worden, von Gott durchdrungen, dass er leuchtet, mögen es auch nur die Jünger, Künstler und Kinder von sieben Jahren an sehen.“

Navid Kermani hat längst eine Fan-Gemeinde – salopp ausgedrückt. Er ist ein außergewöhnlicher Wissenschaftler, Schriftsteller, Orientalist, ein exzellenter Redner. Er schreibt Romane, Essays und Reportagen und hat dafür zahlreiche Auszeichnungen erhalten, jüngst den NRW-Staatspreis.

Den bekam der jetzige Kölner im Kölner Gürzenich, überreicht von Ministerpräsident Armin Laschet. Und dass er längst und wirklich ein Kölner ist, der im Eigelstein-Viertel wohnt, erkennt man leicht daran, dass er Heimspiele des 1. FC Köln besucht und nach langer Wartezeit nun endlich eine Dauerkarte in Aussicht hat, ausgerechnet wohl pünktlich zum Abstieg in die Zweite Liga.

Köln, das ist der Dom, das ist das Gerhard-Richter-Fenster, das sind diese 5184 farbigen Quadrate. Kermani lebte in Rom, als in seiner Heimat Köln über das Fenster heftig diskutiert, ja gestritten wurde. Kermani: „Mehr als die Huldigungen sprach für das Fenster der Einwand des Kardinals.“

Und was geschah, als er das berühmte Kunstwerk im Kölner Dom zum ersten Mal sah? „Ich blickte hoch, nicht bloß sprach-, sondern atemlos. Das Fenster ist riesig (113 Quadratmeter, wie ich nachgelesen habe), und es leuchtet. Es ist voller Selbstbewusstsein und negiert zugleich das Menschliche.“ Das Richter-Fenster vertreibe mit seinen Lichteinflüssen das Düstere, das Abgestandene. „Das Spiel, das Sonne und Wolken mit dem Südlicht erzeugen, ist spektakulär.“

Über den Dom meint er ehrlich: „Der Dom ist Menschheitsleistung. Er wirkt groß in seinem Protz, seiner Angeberei. Er preist nicht Gott, sondern die Kölner. Ich mag das, nicht nur als Kölner.“ Navid Kermani, und das zeigen die hier zitierten Beispiele, beschreibt auf so beeindruckende Weise die Schönheit und Rätselhaftigkeit von Religion, von Christentum, wie kein anderer Schriftsteller das in dieser Sprache tut und kann.

Nicht nur deshalb hat er zahlreiche Preise erhalten, renommierte, ehrenvolle, nicht irgendwelche. Zu diesen wirklichen Trophäen gehört der Marion-Dönhoff-Preis. In seiner Dankesrede, ungewöhnlich wie alle seine Reden, spricht er über die USA, kurz nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten: „Wer wie ich in den sechziger Jahren in Westdeutschland geboren wurde ... , der hat die Freiheit von Amerika gelernt. Die Lieder, mit denen wir aufwuchsen, das waren Lieder, die von der Gerechtigkeit handelten, von Liebe, die sich nicht an Konventionen hält, vom Kampf für eine bessere Welt. Wir haben nicht alles verstanden, so gut war unser Englisch nicht, dafür psalmodierten wir einzelne Zeilen, Strophen, Refrains, versenkten uns in die Booklets wie in heilige Schriften. So viel verstanden wir, dass man verantwortlich ist für die Welt, in der man lebt, die ganze Welt. Kommt Leute, versammelt euch, und seht ein, dass das Wasser ringsherum steigt.“

Das europäische Desaster

Und er wirft einen Blick auf das europäische Desaster: „David Cameron war als Führer nun einmal denkbar ungeeignet, um für Europa einzutreten, ein erwiesener Opportunist, der zeit seines politischen Lebens gegen Europa gewettert hatte und wie kein anderer für die Interessen der Finanzwirtschaft stand. Auch in Polen war es mehr die Auszehrung, Korrumpiertheit und arrogante Siegesgewissheit des Regierungslagers gewesen, die zum Sieg der nationalreligiösen Opposition geführt hat.

Die Polen sind nicht plötzlich nationalistisch geworden, im Gegenteil, Europa hat dort weiter die höchsten Zustimmungsraten. Und doch hat eine Ministerpräsidentin die Wahl gewonnen, die in ihrer ersten Amtshandlung die Europaflagge abgehängt hat.“ Eine politische Analyse, die alles sagt, was zu sagen ist.

Und Deutschland? „Ja, ich könnte auch von Deutschland sprechen, dessen Regierung fahrlässig die Flüchtlingsproblematik ignoriert und sich mit Verweis auf die Dublin-Regeln stets gegen eine gerechte Verteilung der Schutzsuchenden innerhalb der Europäischen Union gesperrt hat, nur um innerhalb eines Wochenendes mit einer dürren Erklärung eine Kehrtwende um 180 Grad zu vollziehen – wie hätte die Regierung da die Bürger mitziehen können oder die anderen EU-Länder?

Und wie kann eine Kanzlerin von Europa überzeugen, die selbst über viele Jahre das europäische Projekt auf den ökonomischen Mehrwert reduziert, die europäischen Institutionen bewusst schwach gehalten und in ihrer Rhetorik bis weit über den Beginn der Finanzkrise hinaus stets die Nation starkgeredet hat.“

Navid Kermani ist ein überzeugter, kritischer, leidenschaftlicher Europäer, er kämpft für diesen Kontinent mit kompromissloser Verve. „Die Gesellschaften, in denen wir im Westen leben, ihre Freiheit, ihre Vielfalt, ihre Rechtsstaatlichkeit, ihre sozialen Errungenschaften – sie sind es wert, verteidigt zu werden. Aber sie zu verteidigen bedeutet auch stets, sie weiterzuentwickeln, nicht stillzustehen oder sich gar mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Mehr Demokratie wagen, hieß das einmal ... Es ist möglich, Menschen für die Politik zu gewinnen, ob links oder rechts, wenn sie eine Alternative sehen. Und es ist unser eigenes Versagen, das Versagen der liberalen Öffentlichkeit, wenn die Alternativen derzeit, ob links oder rechts, nur national gedacht werden. Europa ist und bleibt die positive Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung, der Einwanderung, des religiösen und nationalen Extremismus.“

Und den Politikern unserer Zeit schreibt er etwas Relevantes ins parteipolitische Stammbuch, es ist die Erinnerung an klassische europäische Geschichte: „Vorausschauende Politiker können Umfragewerte durchaus ignorieren – weder das Grundgesetz noch die Römischen Verträge oder der Kniefall von Warschau wären seinerzeit in Volksabstimmungen gebilligt worden.“ Was für ein wichtiger Hinweis.

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