Und plötzlich werden Äpfel mit Äpfeln verglichen

Von: Christoph Classen
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„Stolz wäre das falsche Wort
„Stolz wäre das falsche Wort”: Christin Römer, Betreiberin des Café Apfelkind in Bonn, wurde von Apple aufgefordert, ihr Logo zu ändern. Ein bisschen hat sie sich über den Brief gefreut. Foto: dpa

Aachen/Bonn. Früher, als Apple in Christin Römer noch keine Bedrohung sah, passte sie irgendwie besser in dieses ruhige Wohnviertel. Jetzt aber vergehen keine zehn Minuten, in denen ihr Handy nicht klingelt, weil es immer irgendjemanden gibt, der wissen will, wie es denn nun aussieht mit ihr und dem Weltkonzern, und was da noch zu erwarten ist.

„Entschuldigung”, sagt Römer bevor sie an ihr Handy geht und mit Leuten spricht, die sie gar nicht kennt. Die meisten möchten einen Termin mit ihr, sie wollen Interviews, Fotos, Fernsehaufnahmen. Für den nächsten Tag haben sich neben einem Team von „Stern TV” auch Journalisten aus Japan angemeldet. Sie alle werden über die Frau berichten, die den Kampf mit Apple aufgenommen hat, dem Konzern, der in seinem jüngsten Geschäftsjahr knapp 26 Milliarden Dollar Gewinn ausweisen konnte. Der Konzern, der die Welt zu einem besseren Ort machen möchte.

Es ist nicht so, dass Christin Römer es auf diese Auseinandersetzung angelegt hätte. Eigentlich wollte sie nur ein Café aufmachen, sie hat es Apfelkind genannt. Und sie hat ihm ein Logo gegeben, einen roten Apfel mit der Silhouette eines Mädchens in der unteren linken Hälfte. Bei Apple sieht man in diesem Apfel ein Problem. In dem zweiseitigen Brief des Konzerns an Römer heißt es, ihr Apfelkind-Logo würde die Wertschätzung der Marke Apple beeinträchtigen, die beiden Äpfel sähen sich zu ähnlich. Beim Deutschen Patent- und Markenamt in München, wo Römer ihr Logo registrieren ließ, hat der Konzern Widerspruch eingelegt. Seitdem hat sich das Leben von Christin Römer verändert, es ist hektischer geworden. Und Hektik passt zum Café Apfelkind ungefähr so gut wie Hygienevorschriften zum Streichelzoo; es ist einfach der falsche Ort dafür.

Das Café Apfelkind liegt in der Bonner Südstadt, in einem Viertel, das denen, die Bonn beschaulich nennen, als Bestätigung dienen kann. Zum Café führen fast ausschließlich schmale Alleen, jetzt, im Herbst, türmen sich auf dem Boden rostbraune Blätter, an manchen Stellen kniehoch. Sollte es in diesem Viertel jemals so etwas wie eine Geräuschkulisse geben, wird sie nun vom Laub gedämpft.

Die Häuser sind hohe Altbauten mit Erkern und winzigen Balkonen, die meisten aufwendig restauriert. Bonn hat sicher Gegenden, in denen es sich günstiger wohnen lässt, aber die Südstadt ist begehrt, an fast jeder der grünen, gusseisernen Laternen hängt ein Din-A-4 Blatt mit dem jemand nach einer Wohnung sucht. Das „solvente Akademikerpaar” genau wie der „junge Akademiker, der sich als „freundlich, nett und zuverlässig” beschreibt. Die Zettel lesen sich wie Kontaktanzeigen.

Für ihr Café hat sich Christin Römer ein Eckhaus ausgesucht, unten grau verputzt, oben rote Steine, aber so sei das gar nicht richtig formuliert. Sie sagt: „Der Ort hat mir die Idee gegeben.”

Römer, 33, geboren in Aachen, sitzt an einem großen rechteckigen Tisch, er ist weiß, wie fast ihr gesamtes Café. Und dann sind da noch die roten Äpfel mit der Kindersilhouette, sie sind überall, auf Tassen, Kissen, Speisekarten, Lampenschirmen. Römer ist eine quirlige Frau, die einen duzt und selber geduzt werden möchte, und wenn man nur ein Wort hätte, um sie zu beschreiben, dann müsste man wohl „unbefangen” wählen. Römer erzählt jetzt, wie das mit dem Café Apfelkind begonnen hat, während sie spricht drehen ihre Hände Pirouetten in der Luft.

Irgendwann sind diese Räume frei geworden, es gab viele Menschen, die sie gern gemietet hätten, um eine Kanzlei oder Arztpraxis daraus zu machen. Und es gab Christin Römer. Sie hatte Pläne für ein kinderfreundliches Café, in dem es einen Spielraum, viele Bastelkisten, aber kein drahtloses Internet gibt. Ein Café, in dem der Cappuccino auf Wunsch mit Sojamilch aufgeschäumt wird. Römer behauptet nicht, dieses Konzept erfunden zu haben, kinderfreundliche Cafés gibt es in anderen Städten schon lange, nur in Bonn, da sei sie die erste gewesen. „Ich dachte, das wäre eine Lücke”, sagt Römer.

Sie erzählte den Vermietern von ihren Plänen, und die fanden sie ziemlich gut, besser jedenfalls als eine Kanzlei oder eine Praxis. So bekam Römer den Zuschlag, und weil ihre Vermieter, die eigentlich Landwirte sind, eine Wiese mit 4000 Apfelbäumen besitzen, bekam sie auch eine Idee, wie sie ihr Café nennen soll, Apfelkind. Und sie entwarf dieses Logo. Den Apfel wählte sie, weil er für Natürlichkeit und Gesundheit stehe, Dinge eben, die man auch mit ihrem Café verbinden soll. „Und ich finde”, sagt Römer, „Apple kann den Apfel nicht für sich einnehmen.”

Bei Apple wird das anders gesehen, zumindest kann man das aus dem Handeln des Konzerns schließen, kommentieren möchte er diesen Fall nicht. Beim Deutschen Patent- und Markenamt ist zu erfahren, dass das Apfelkind-Logo am 28. April ins Markenregister eingetragen wurde, am 3. Juni wurde der Eintrag veröffentlicht, ab diesem Zeitpunkt läuft eine dreimonatige Frist für alle, die gegen das neue Logo etwas einzuwenden haben.

Apple hat Widerspruch beim Deutschen Patent- und Markenamt eingelegt, und wenn man Eva Dzepina danach fragt, warum der Konzern das wohl gemacht habe, dann sagt sie, dass diese Option in jedem Fall günstiger sei als eine spätere Klage.

Dzepina arbeitet als Rechtsanwältin in Düsseldorf, spezialisiert hat sie sich unter anderem auf Markenrecht. Sie sagt, dass jedes große Unternehmen seine starken Marken überwachen lässt, weswegen die Neueintragungen beim Patent- und Markenamt stets aufmerksam verfolgt würden. Apple ist das, was Fachleute wie sie eine notorisch bekannte Marke nennen. „Man braucht nur den Apfel zu sehen und schon weiß man bescheid”, sagt Dzepina.

Fragt man sie nach ihrer Einschätzung, wie die ganze Sache wohl ausgehen wird, dann sagt die Rechtsanwältin, dass der Apfel im Café-Logo einen ganz anderen Charakter habe als der von Apple. Dzepina ist der Meinung, dass „der Widerspruch wohl nicht erfolgreich sein wird, weil die Apfelkind-Marke optisch und nicht technisch wirkt”.

Dass Apple auf das Café aufmerksam geworden ist, führt Dzepina auf die recht ambitionierte Anmeldung von Christin Römer beim Patent- und Markenamt zurück. Für 13 sogenannte Klassen wurde das Apfelkind-Logo eingetragen, unter anderem für Kinderspielzeug, Taschen, Getränke und Werbemittel. Darüber hinaus wollte Römer sich die Möglichkeit sichern, aus ihrem Geschäft eine Franchise zu machen, eine ganze Kette von Apfelkind-Cafés also.

Lydia Tilch, Römers Rechtsanwältin, empfindet den Widerspruch Apples als „weit hergeholt”, weil das Apfelkind-Logo nicht „für Computer oder etwas ähnliches” registriert worden sei. Die eigenen Erfolgsaussichten schätzt sie als sehr gut ein.

Es ist nicht das erste Mal, dass Apple die Auffassung vertritt, das Logo einer anderen Firma sehe dem eigenen zu ähnlich, vor Christin Römer gab es da Zhao Yi, Geschäftsführer einer Firma in der westchinesischen Provinz Sichuan, die vor allem mit Nudeln und Weizenmehl handelt. Fangguo heißt das Unternehmen, und als Markenzeichen hat es ebenfalls einen stilisierten Apfel, aber um in ihm eine Ähnlichkeit zum Apple-Logo zu erkennen, braucht es schon eine ganze Menge Fantasie. Das Fangguo-Logo ist rot, ein Dreiviertelkreis mit weißem Innenmuster, oben ein kurzer Stiel, an ihm hängt ein kleines Apfelblatt.

Dieses Blatt, so argumentierten die Anwälte in ihrem Schreiben an Zhao Yi, sei dem im Apple-Logo zu ähnlich, weswegen er aufgefordert wurde, es zu entfernen. Im Gegensatz zu Christin Römer hat Zhao Yi das Markenzeichen auch für den Bereich Computer und Software registrieren lassen, weil er die bald verkaufen wolle, wie er sagt. Zudem werden in China Apple-Produkte millionenfach kopiert, in der Bonner Südstadt eher nicht.

Es würde der Firma Apple aber nicht gerecht werden, sie als einen Konzern zu zeichnen, der rigoros gegen kleinere Unternehmen vorgeht. Das Bild wäre nicht vollständig, weil das Unternehmen auch gegen große Konkurrenten mit einigem Ehrgeiz zu Felde und meist auch vor Gericht zieht. So hatte das Düsseldorfer Landgericht Anfang September zu Gunsten von Apple entschieden, in der Folge darf die Firma Samsung ihren Tablet-PC „Galaxy Tab 10.1” in Deutschland weder verkaufen noch bewerben. Apple hatte argumentiert, dass Samsung mit seinem Gerät das eigene iPad kopiert habe, was sich unter anderem daran festmachen lasse, dass beide Geräte rechteckig seien, vier gleichmäßig abgerundete Kanten, eine flache Oberfläche und farbige Icons im Displays hätten. Die Frage, wie ein Tablet-PC aussehen kann, der nicht von Apple ist und überdies nicht dessen Markenrechte verletzt, ließ das Gericht offen.

Apple hat auch den Handy-Hersteller HTC verklagt, weil auch dessen Produkte angeblich nicht mehr als Kopien der eigenen Geräte seien. Dass die Begründung in diesem Fall nur vorgeschoben ist, gilt in der Branche als offenes Geheimnis. Apple möchte wohl vielmehr Google ausbremsen, dessen Handy-Betriebssystem „Android” der iPhone-Konkurrenz zu einer rasanten Aufholjagd verholfen hat.

Das alles will nicht so recht ins Bild eines Konzerns passen, der seinen immensen Erfolg dem Verkauf lässig-leichter Lifestyle-Produkte verdankt. Es scheint, als gelte der Anspruch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, nur, solange dies nach den eigenen Vorstellungen geschieht.

Bemerkenswert ist, dass Apples Vorgehen gegen die Konkurrenz der Beliebtheit der Marke bislang nie schaden konnte. Das Unternehmen hat im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2011 rund 17 Millionen iPhones, elf Millionen iPads und 4,89 Millionen Macs verkauft. Allein bei den iPads entspricht das im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr einem Zuwachs von 166 Prozent.

Christin Römer kann ganz gut verstehen, dass viele Menschen gerne Apple-Produkte kaufen, sie seien eben leicht zu bedienen, sogar von denen, die eigentlich gar keine Ahnung von Technik haben. Sie ist nicht wütend auf den Konzern, und wenn Römer von dem Tag spricht, an dem das Schreiben von Apple in ihrem Briefkasten landete, dann lächelt sie. Ob sie stolz ist? „Stolz ist das falsche Wort”, sagt Römer, den Brief jedenfalls habe sie mehrmals lesen müssen, um zu verstehen, wer da was von ihr will. Es bekommen nicht viele Menschen Post von Apple, aber wenn alles so weitergeht wie bisher, werden es in Zukunft ein paar mehr sein.

Das Café Apfelkind soll bleiben wie es ist, dafür wird die Inhaberin kämpfen, notfalls vor Gericht. Römer sagt, es sei ganz gut angelaufen, seit sie Ende April eröffnet hat, und die ganzen Berichte über sie hätten dazu geführt, dass noch ein paar mehr Leute kommen, sogar solche, mit denen sie nie gerechnet hätte. Junge Männer, Römer will sie nicht Nerds nennen, die unbedingt die kleinen Aufkleber mit dem Apfelkind-Logo kaufen wollen, um sie sich auf ihre Laptops zu kleben. Für manche ist Christin Römer mittlerweile so etwas wie eine moderne Jeanne dArc, nur dass der Gegner diesmal nicht England, sondern Apple heißt.

Als Christin Römers Handy dann mal wieder klingelt, entschuldigt sie sich und zieht es aus der Hosentasche. Es ist ein iPhone, ganz in weiß.
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