Aachen - Und der Graf weint, als er Grönemeyer hört

Und der Graf weint, als er Grönemeyer hört

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
Ach was muss man oft von bösen
Ungewöhnlich erfolgreich: der Graf.

Aachen. Der Graf ist mit Herbert Grönemeyer groß geworden. Mit Alkohol. Mit Männer. Nun überragt er ihn. Denn der Graf sitzt mit seiner Band Unheilig und dem Album „Große Freiheit” seit 15 Wochen auf dem Thron der deutschen Albumhitparade und hat damit den Rekord von Herbert Grönemeyer, der noch vor Wochen für die Ewigkeit bestimmt schien, für deutsche Interpreten vergessen gemacht.

Der hatte 1988 mit „Ö” 14 Wochen an der Spitze rangiert. „Was soll das?” hatte Grönemeyer damals gefragt. „Was soll das?”, fragte sich der Graf immer wieder, wenn er Woche für Woche Unheilig auf Nummer 1 sah. „Meine Güte, was ist da los? Ich weiß doch gar nicht, wie mir geschieht”, sagt der Aachener. Es ist nicht mal mehr ausgeschlossen, dass Unheilig den 24-Wochen-Rekord der Genesis-Platte „We can’t dance” (1991/1992) brechen wird.

Unheilig und Grönemeyer - auf den ersten Blick sind sie so auffällig anders. Auf der einen Seite der bürgerliche Worteschmied aus dem Ruhrgebiet, ein bodenständiger Schöngeist, ein Massenpoet. Auf der anderen Seite die düstere Kunstfigur Graf, einer der aussieht, als käme er direkt aus der Hölle. Glatzköpfig, mit heller Haut, auffälligem Kinnbart und geheimnisvoller Aura. Doch der Unheilig-Graf und Grönemeyer stehen einander näher, als es der erste Blick vermuten lässt. „Ich kann nicht mehr sehn, trau nicht mehr meinen Augen. Kann kaum noch glauben, Gefühle haben sich gedreht. Ich bin viel zu träge um aufzugeben. Es wäre auch zu früh, weil immer was geht”, singt Grönemeyer in „Der Weg”.

Der Graf hat geweint, als er dieses Lied das erste Mal hörte. „Ich stell’ mir vor, dass Du zu mir stehst und jeden meiner Wege, an meiner Seite gehst. Ich denke an so vieles, seitdem Du nicht mehr bist, denn Du hast mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist”, singt der Graf in „Geboren um zu leben” und Hunderttausende haben bei seinen Konzerten dabei geweint. Es ist einer dieser Texte, in denen Kritiker die Worte gedreht und gewendet haben und bei dem schwarzen Mann nach satanischen Versen suchten. Gefunden haben sie grönemeyerhafte Zeilen.

Und der Graf sagt: „Ich finde Grönemeyer super, ich fand ihn immer super. Mit seinen Texten, seinen Wörtern war er immer Vorbild.” „Ö” steht bei ihm im Plattenregal. Grönemeyers „Ö” ist für den Grafen wenn man so will das „A” und „O” - in Sachen Texten. „Es ist die Art, wie er seine Themen in Lieder fasst. Welcher Künstler schreibt heute seine Songs noch selber? Aber darin liegt die Stärke seiner und meiner Musik. Ich singe nur Texte, die ich selber schreibe. Es ist immer schwerer, vom Traum eines anderen zu singen”, sagt der Graf.

Beider Texte berühren, das wird nach wenigen Worten deutlich. „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet. Hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt”, singt Grönemeyer. „Ich sehe einen Sinn, seitdem Du nicht mehr bist. Denn Du hast mir gezeigt, wie wertvoll Leben ist”, singt der Graf. Doch das Phänomen Unheilig beruht natürlich auf weit mehr als berührenden Texten. Damit alleine verkauft man 2010 keine 500.000 Platten mehr. Grönemeyers „Ö” wurde zwar etwa 1,75 Millionen Mal verkauft, aber Unheiligs Kassenerfolg, der fünffach Gold und Platin entspricht, ist dennoch ebenso hoch einzuschätzen, weil sich Tonträger eben nicht mehr so leicht verkaufen.

Warum also, ist der Graf der König der deutschen Musik? „Darüber denke ich auch oft nach und ich finde diese Ungewissheit spannend. Es befreit, nicht zu wissen, warum man erfolgreich ist”, sagt er selbst. Die eine Antwort auf seinen Erfolg kann er nicht geben. Andere Antwort will er nicht geben. Die auf die Fragen, wie er heißt, was er zum Frühstück ist, welches Auto er fährt oder wo er mit seinem Hund spazieren geht. Wir wissen, dass der Graf Aachener ist, dass seine Familie hier lebt, dass er Hörgeräteakkustiker gelernt und gerne Tischtennis gespielt hat und ein Kind der 80er - also mit Grönemeyer aufgewachsen - ist. Alles andere ist Spekulation.

„Ich habe ein normales Leben mit einem normalen Namen und will mein Privatleben genießen”, sagt der nur. Und unheilig sei er gewiss auch nicht. Seine Familie sei ihm heilig. Seine Freunde. Er glaube an das Paradies und an Engel. Und er bete und zahle seine Kirchensteuer. „Mich wundert, wie wichtig es den Menschen ist, mehr über mich zu erfahren. Manchmal amüsiert mich dieses Detektivspiel. Dabei verrate ich in meinen Texten sehr viel Privates.” Aber eben keine Fakten. „So, wie es ist, muss ich keine Angst haben, dass Kameras vor dem Haus meiner Eltern stehen. Sie können doch nichts dafür, dass ihr Junge Musiker geworden ist.”

Das ist bei Grönemeyer anders. Wir wissen, dass er eigentlich Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer heißt, am 12. April 1956 in Göttingen geboren wurde, in Bochum das humanistische Gymnasium am Ostring besuchte. Und vieles mehr. Beim Grafen müssen wir spekulieren, ob er Bernd Heinrich Graf heißt, verheiratet und seine Frau Beamtin ist. Aber ändert das etwas an der Unheilig-Musik? Und würde es etwas ändern, wenn der Graf seine Gäste nicht in einer Kölner Ruine zum Interview empfangen würde? Ist das schwarze Image der Band so bedeutsam? Wohl kaum, denn Klamotten und Gehabe allein halten Künstler nicht 15 Wochen an der Spitze der Albumcharts.

„Ich stelle mir jeden Tag die Frage, was ich anders mache. Und ich glaube, es ist die emotionale Bindung, die die Menschen zu meiner Musik haben”, sagt er. Seine Worte werden dabei von hymnisch-getragenem Synthie-Rock begleitet. Manchmal erinnert dies an Witt und Heppner, die 1998 mit „Flut” einen Hit hatten (Platz 2 der Single-Charts). Wenig später begann auch die Unheilig-Zeit.

Seit zehn Jahren ist die Band im Geschäft, sie sind keine Aufsteiger, kennen die Schattenseiten des Geschäftes, bevor sie mit Puppenspiel, ihrem immerhin siebten Album erstmals Licht sahen - Platz 13 in den Albumcharts. Mit „Große Freiheit” leuchten sie heller denn je. Die Liegestühle holt der Graf deswegen aber nicht raus. Im Gegenteil. „Ich will immer einen draufsetzen”, sagt er. Ideen für ein neues, neuntes Album gibt es bereits, das Konzept steht, nach der Herbsttour sollen die Aufnahmen beginnen. Der Graf sagt: „Ich habe noch so viele Geschichten zu erzählen.” Und Herbert Grönemeyer hatte auch Stoff für bislang zwölf Alben.
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