Umgang mit Demenzkranken: Ein ganzer Ort „spricht“ Marte Meo

Von: Sabine Rother
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Karl Bellefroid begegnet in Haaren Demenzkranken auf Augenhöhe: Hilde Schlenter (73) lebt im Seniorenzen-trum. Wenn sie in dieses Geschäft geht, gibt es keine Kommunikationsprobleme. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Karl Bellefroid strahlt, wenn Hilde Schlenter ihn vertraut mit „Karlchen!“ begrüßt. Der Inhaber eines Lebensmittelmarktes im Aachener Stadtteil Haaren war noch ein Kind, als Hilde Schlenter bereits im Laden der Familie arbeitete – vor mehr als 42 Jahren. Jetzt lebt die alte Dame im Seniorenzentrum am Haarbach, und trotz ihres Alters klappt der Einkauf. „Wenn sie bei den Bananen steht, spreche ich über Bananen, das ist doch normal“, sagt Bellefroid.

Mit dieser Reaktion zeigt der Einzelhändler, dass er das Grundprinzip von Marte Meo verstanden hat – einem auf Respekt, Ruhe und Beobachtung basierenden Kommunikationssystem. In den 70er Jahren wurde Marte Meo von der Niederländerin Maria Aarts entwickelt. Sie hat es geschafft, das ursprünglich im Umgang mit Kindern eingesetzte System so zu modifizieren, dass damit Pflegekräfte und Angehörige einen neuen Zugang zu dementiell veränderten Menschen finden.

Die Marte-Meo-Erfinderin Aarts wird auch an einem Fachtag der AOK und der Stadtteilkonfe­renz Haaren/Verlautenheide am 10. kommen und über ihre Erkenntnisse sprechen. Für Fachkräfte wird zur Tagung eine Gebühr erhoben – für alle anderen, etwa Ehrenamtler oder Angehörige und Geschäftsleute, ist der Tag kostenfrei. „Das wird nur möglich durch Sponsoren wie die AOK“, sagt Christoph Venedey, Leiter des Seniorenzentrums.

Er bringt Marte Meo als lizenzierter Coach Profis und Laien bei. Venedey hat es zudem in den vergangenen Monaten geschafft, das aufklebbare Label „Demenzfreundlicher Ort“ zu kreieren: ein runder grüner Aufkleber mit einer stilisierten Vergissmeinnicht-Blüte. Venedey hat den gesamten Stadtteil Haaren-Verlautenheide auf die Kommunikationsform Marte Meo eingeschworen, das deutschlandweit erste Projekt dieser Art. Es funktioniert jedoch nur mit überzeugten Mitstreitern wie Bezirksbürgermeister Ferdinand Corsten (CDU) und Frank Prömpeler, dem Bezirksamtsleiter Aachen-Haaren. Unterstützt wird das Projekt auch von Vereinen, der Polizei, der Feuerwehr und den Geschäftsleuten rundum. Ob in der Apotheke, beim Optiker oder der Bibliothek – man „spricht“ hier Marte Meo.

Und wie kam es zur Idee „Demenzfreundliches Haaren“? Der Neujahrsempfang 2015 bescherte Venedey den zündenden Gedanken. „Da traf ich alle, Politiker, Geschäftsleute, Vertreter der Vereine, die ohnehin häufig im Seniorenzentrum aktiv sind, interessierte Bürger”, sagt der Heimleiter, der vor diesem Publikum seine Vision beschrieb, die nun Realität wird.

Inzwischen ist Venedey in Deutschland und der Schweiz als Referent und Buch-Koautor unterwegs und arbeitet mit am internationalen Netzwerk Marte Meo. In Haaren hat er es geschafft, dass Bürger einen neuen Blick auf Demente entwickelt haben, sagt er. „Die Betroffenen leben in einer eigenen Welt. Sie brauchen unsere Hilfe, aber auch wir brauchen Hilfe, um sie zu verstehen.“ Visualisieren und Ressourcen unterstützen, das Erhalten von Fähigkeiten – so lautet in der Fachsprache eine Aufforderung zum Umgang mit dem Gegenüber. „Wenn im Geschäft der Blick auf die Bananen gerichtet ist, sollte ich nicht von Käse oder Saft sprechen“, erklärt Venedey das Prinzip.

Konkret bedeutet es: 1. einen Impuls wahrnehmen, ihm folgen, 2. das Tun benennen, es 3. positiv begleiten und unterstützen, damit 4. bestätigen und so 5. eine Initiative des Dementen fördern. „Wir sind in unserem Denken oft viel zu schnell und denken nur an uns”, sagt Venedey. Sein Lebensprinzip: auf Augenhöhe bleiben. In Haaren-Verlautenheide ist der demografische Wandel kein leerer Begriff mehr. In Zukunft werde es mehr hochaltrige und von Demenz betroffene Menschen geben, 2050 sind es rund 1,5 Millionen in Deutschland, erklärt Bernd Claßen stellvertretender Regionaldirektor der AOK in Aachen. „Deshalb sind wir dabei.“

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