Ukrainischer Doktorand in Aachen: „Meine Familie hat Angst“

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Pavlo Nikolaienko stammt aus der Ukraine und studiert in Aachen.

Aachen. Er ist Ukrainer. Seit zwei Jahren lebt Pavlo Nikolaienko in Aachen und promoviert an der RWTH im Fach Chemie. Zurzeit kreisen die Gedanken des 26-Jährigen aber um die Situation in seinem Heimatland. In einem Gespräch mit unserer Zeitung einige Tage vor der Flugzeug-Katastrophe vom Donnerstag hat er seine Sicht auf die Situation in der Ukraine dargestellt.

Unsere Redakteurin Madeleine Gullert hat diese Schilderung aufgezeichnet und sich dabei an Nikolaienkos Wortlaut gehalten:

Meine Familie hat Angst. Meine Eltern leben in der Ostukraine – genau dort, wo die Unruhen sind. Sie empfinden es als Krieg. Es ist aber schwierig zu wissen, was dort tatsächlich passiert. Es gibt keine objektiven Informationen. Jede Seite will ihre Sicht transportieren. Ich kann nur den Eindrücken meiner Freunde und Verwandten vertrauen.

Meine Eltern fürchten sich sehr. Sie leben 15 Kilometer von Slawjansk entfernt. Dort gibt es keine offenen Kämpfe. Sie hören die Waffen aber in der Ferne. Außerdem fahren an ihnen täglich Panzer vorbei, Helikopter kreisen über der Stadt.

Ich wollte meine Mutter im Sommer besuchen, aber sie hat es mir verboten. Das sei Selbstmord, hat sie gesagt. Sie ist Lehrerin und macht sich auch Sorgen um ihre Schüler. Im Mai waren die Abschlussklausuren der Mittelschule. Die ganze Klasse ist mit dem Bus in die Hauptstadt zum Examen gefahren. Dabei ist der Bus von Unbekannten angeschossen worden. Der Bus war danach kaputt, aber glücklicherweise ist niemandem etwas passiert.

Meine anderen Verwandten haben ein kleines Gästehaus am Meer auf der Krim. Nun haben sie Probleme, weil sie Ukrainer sind; ohne russischen Pass dürfen sie aber nichts besitzen. Sie versuchen deshalb, die russische Nationalität zu beantragen, damit sie ihr Hotel behalten können. Die Ämter legen ihnen aber Steine in den Weg. Viele Menschen gehen davon aus, dass die Russen einfach den Besitz an sich reißen wollen; aber das sind Gerüchte. Manche haben Probleme, andere nicht. Meine Verwandten versuchen jetzt, eine Lösung zu finden.

Das vorrangige Problem aber ist, dass seit der Annexion durch Russland kaum noch Gäste in die Region kommen. Insbesondere Menschen aus EU-Ländern wie Estland oder Litauen, die ein Visum bräuchten, verzichten lieber auf einen Besuch. Dadurch bricht meinen Verwandten das Einkommen weg. Alle Menschen, die vom Tourismus leben wie Taxifahrer oder Restaurantbesitzer, haben dieses Problem. Freunde von mir waren kürzlich auf der Krim und berichteten auch, dass die Touristenzentren leer sind.

Russland versucht nun, den eigenen Landsleuten Urlaub auf der Krim schmackhaft zu machen. Flüge sind um einiges günstiger geworden. Ein Ticket von Moskau nach Simferopol kostete früher 150 Euro, jetzt nur noch 60 Euro. Wer aus der Ukraine zur Krim will, hat keine angenehme Reise. Die Züge werden lange angehalten; es dauert doppelt so lange wie vorher. Die Leute werden überprüft. Gerade Männer zwischen 18 und 45 Jahren sind im Visier der Grenzsoldaten.

Wahrscheinlich suchen die Kontrolleure nach Waffen, vielleicht ist es auch nur Schikane. Einer meiner Freunde wurde zurückgeschickt. Er habe keinen Grund für seine Reise, hieß es. Er hatte keine Verwandten auf der Krim und keine Hotelbuchung. Doch das ist für Ukrainer nichts Ungewöhnliches. In Deutschland mag es ja normal sein, alles vorher zu buchen. Aber das machen wir nicht.

Krimbewohner, die nicht von Komplikationen betroffen sind, sind ganz zufrieden. Schließlich ist die Situation relativ entspannt im Vergleich zu der in der Ostukraine. Putin habe schließlich Krieg verhindert, sagen viele. Ein Problem, das jeden betrifft: Alles wird teurer. Die Preise steigen schon allein, weil aus der Ukraine keine Waren mehr kommen. Und die Russen müssen alles über den Seeweg liefern.

Das Volk ist gespalten. Meine Verwandten etwa sind nicht zu der Abstimmung über die Annexion gegangen. Sie kennen aber viele Freunde, die dagegen gestimmt haben. Am Ende war ja die Mehrzahl dafür. Das kennt man von russischen Wahlen. Man begegnet dem mit Schwarzem Humor. Was soll man sonst machen?

Das Problem ist doch, dass die ukrainischen Politiker auch viele Fehler gemacht haben, viele sind korrupt. Das Volk hat darunter gelitten. Ginge es den Menschen besser, wäre es gar nicht so weit gekommen. Es ist nicht schön, dass Ukrainer gegen Ukrainer kämpfen. Ich weiß nicht, ob es jetzt nach der Wahl von Petro Poroschenko zum Staatspräsidenten besser wird. Wir Ukrainer möchten eine echte Demokratie. Ich würde mir wünschen, dass man meinem Land eine Pause gönnt – sowohl von Seiten Russlands als auch von Seiten der Europäischen Union.

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