Überhöhte Prinzipien auf Kosten der Mitmenschlichkeit

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Aachen. „Ursachenforschung tut Not“, sagt Martin Pott, Geschäftsführer des Dialog-Prozesses im Bistum Aachen, zu Beginn des Seminars „Zwischen Ideal und Wirklichkeit – Zum Umgang der katholischen Kirche mit Phänomenen des Scheiterns“ in der Bischöflichen Akademie in Aachen.

Dass dieses Thema angesichts der jüngsten Entwicklungen (unter anderem Abweisung von Vergewaltigungsopfern in katholischen Krankenhäusern, Handhabung der Studienergebnisse zum Missbrauchsskandal) ungeahnte Aktualität bekommen würde, „war bei der Planung noch nicht klar“, sagt Pott. Umso spannender die Auswahl der Referenten: Dieter Funke aus Düsseldorf, Theologe und Psychoanalytiker, und Pastoraltheologe Ottmar Fuchs aus Tübingen.

Sie sparen nicht mit Kritik.Funke erklärt in seinem Vortrag „Täter als Opfer ihrer Ideale“, wie Dynamik von Entgrenzung und Missbrauch entsteht: „Anders als Werte halten Ideale keine Ambivalenzen aus. Es gibt nur gut oder nur böse.“ Täter nähmen die Grenze des anderen nicht wahr, weil ihnen selbst oft das Recht, Kind zu sein, abgesprochen wurde. „Sie mussten elterliche Aufgaben für die eigenen Eltern übernehmen oder wurden zum Ersatzpartner gemacht“, erläutert er Erfahrungen aus der Praxis.

In der Kirche fänden Missbrauchstäter genau diese Idealisierung von Familie wieder: „Die Heilige Familie ist ein verunglücktes Familiendreieck, denn der Vater Josef ist nur ein asexueller Ziehvater, der Sohn Partner der jungfräulichen Maria und letztlich sogar Erlöser.“ Heilung könne es geben, wenn der Täter lernt, scheitern zu dürfen. Konfrontation, Halt und Anerkennung des Erlebten seien die Aufgaben der anderen.

Fuchs legt seinen Schwerpunkt auf die Überhöhung von Prinzipien auf Kosten der Mitmenschlichkeit, die er zurzeit bei vielen Äußerungen, Regeln und Dogmen der katholischen Kirche ausmacht: „Die christliche Heilsgeschichte ist unwirksam, wenn sie über dem Leiden der Menschen steht. Sie bekommt einen falschen Zungenschlag, wenn Betroffene nur in zweiter Linie gesehen werden.“

Das sei so beim Umgang der Kirche mit Geschiedenen und Homosexuellen, beim erzwungenen Ausstieg aus der Schwangerschaftskonfliktberatung und lebensbedrohlich beim Festhalten am Kondomverbot in Afrika. „Wer sich in die Niederungen der Wirklichkeit begibt, kann nicht rein bleiben“, aber genau dort müsse christliche Pastoral sein. Fuchs: „Denn nichts fällt aus Gottes Gnade. Als Scheiternde sind wir von Gott geliebt.“

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