Überfüllt, verspätet, defekt. Eine Bahnfahrt

Von: Sarah Maria Berners
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Geduldsprobe Bahnfahrt: Der NRW-Express verspätet sich - mal wieder - um zehn Minuten. Foto: imago

Aachen/Düsseldorf. 6.18 Uhr, Bahnhof Aachen Rothe Erde. Gut 20 Pendler stehen auf dem Bahnsteig. Unter dem Schild „Rauchfreier Bahnhof” steht eine junge Frau und zieht an ihrer Zigarette. Der Regionalexpress RE9 nach Siegen fährt pünktlich ein.

Wer im westlichsten Zipfel des Landes in den Zug steigt, hat eine Sitzplatzgarantie. Die Waggons sind leer, Aachen ist der erste Halt. Die Tür von Wagen drei ist defekt. „Auf dem Rückweg wird es voller”, sagt Jörg Langenbeck, der seit Jahren nach Köln pendelt. „Da würde ein weiterer Wagen nicht schaden.”

Es wird ihn freuen, dass es den Zusatzwagen nach Bahnangaben zum Fahrplanwechsel im Dezember geben soll. Im Laufe des nächsten Jahres werden die Kapazitäten schrittweise erhöht, verspricht die Bahn. „Beim RE1 und dem RE5 sind die Kapazitätsgrenzen längst erreicht”, sagt Hans Joachim Sistenich, Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes. Der NRW-Express RE1 ist eine der am besten ausgelasteten Linien in Deutschland. Er fährt im Stundentakt von Aachen nach Hamm. Erst vergangene Woche war ein Fahrgast in einem überfüllten Regionalexpress kollabiert.

Vom Laub überrascht

6.45 Uhr. Am Bahnsteig in Düren warten etliche Berufspendler auf den Rhein-Sieg-Express, den RE9. Bernd Schuhmacher ist einer von ihnen. Er pendelt seit zehn Jahren von Düren nach Köln. Schuhmacher ist überzeugter Bahn-Fahrer, das Auto ist für ihn keine Alternative. Die aktuelle Bahn-Diskussion hält er in weiten Teilen für „übertrieben”. Es könne viele Gründe geben, zu kollabieren, daran sei nicht die Bahn Schuld.

Kritik übt aber auch er. Er ärgert sich über die Verspätungen, den Informationsservice der Deutschen Bahn und das Laub auf der Strecke. „Es wirkt, als würde die Bahn jedes Jahr vom Herbst überrascht”, sagt er kopfschüttelnd. Die „Laubproblematik” bringt auch AVV-Chef Sistenich in Rage. „Seit Jahren diskutieren wir darüber”, klagt er. Er fordert, dass die Fahrzeuge zügig mit einer Besandungsanlage ausgestattet werden. Ein Bahnsprecher sagte auf Anfrage, dass dieser Ausbau stets vorangetrieben werde und dass die „Putzzüge” rund um die Uhr im Einsatz seien. Gegen Laub und Nieselregen könne man aber nichts ausrichten.

6.55 Uhr. Je mehr der Zug sich dem Knotenpunkt Köln nähert, desto mehr ärgern sich die Kunden über das Verkehrsunternehmen. Am Kölner Hauptbahnhof sieht man gleich, an welchem Gleis der nächste Zug nach Düsseldorf abfährt. Es ist proppenvoll. Als der RE5 aus Koblenz einfährt, drängen sich die Pendler dicht. Von „erst rauslassen, dann reingehen” haben noch nicht alle gehört. Überfüllt ist der Zug hier noch nicht. Aber in Köln-Deutz und Leverkusen wollen ja auch noch Menschen einsteigen.

„Der Knoten Köln ist eine Katastrophe. Die Zustände sind nicht akzeptabel”, kritisiert AVV-Chef Sistenich. Neben weiteren Kapazitäten fordert er, dass auch das Schienennetz in den Knotenpunkten ausgebaut wird. Von dem Plan der Bahn, den NRW-Express, den RE1, künftig bis Paderborn fahren zu lassen, hält er wenig. Dort seien ja viel weniger Menschen unterwegs. „Das Land muss seine Mittelverteilung in dieser Hinsicht prüfen.” Mehr Geld müsste ins Rheinland fließen.

7.49 Uhr. Raphael Schwendtner aus Euskirchen fährt mit dem RE1 nach Düsseldorf, er macht eine Ausbildung zum Bankkaufmann. „Angenehm ist Bahnfahren nicht gerade”, sagt er. In den dicken Winterjacken ist es warm, Sitzplätze gibt es keine mehr. Dann steht der NRW-Express still. Warum, weiß auch der Lokführer nicht.

Mehr Zuverlässigkeit, mehr Präzision - das fordern die Fahrgäste. Und die Verlagerung auf öffentliche Verkehrsmittel ist (umwelt)politisch gewollt. „Wenn die Leistung stimmt, dann kommen die Kunden”, sagt Sistenich.

7.52 Uhr. „Ich hasse die deutsche Bahn.” Kerstin Kanonenberg ist sauer. Ihre Wangen sind rot, sie ist zum Deutzer Bahnhof gerannt und dann hatte der Regionalexpress doch Verspätung. „Ich bin auch schon Mal am Bahnsteig stehengeblieben, weil der Zug zu voll war”, sagt die Studentin verärgert.

Heute müssen nur einige Passagiere stehen. „Das liegt an der Verspätung”, erklärt Alexander Minges. Weil der RE1 wieder zu spät sei, hätten viele Pendler einen anderen Zug genommen. „Und der war brechend voll”, sagt der Student. Ab Düsseldorf Hauptbahnhof hat Minges einen Sitzplatz. Auf dem Heimweg wird es, vermutet er, furchtbar eng. Bernd Schuhmacher aus Düren hat auch auf dem Heimweg immer einen Sitzplatz. „Wenn man regelmäßig Bahn fährt, dann weiß man, wo die Zugtür stehen bleibt”, erklärt er seinen Trick.

Infrastruktur ausbauen

Von Düsseldorf geht es mit dem RE5 zurück nach Köln. Der Zug kommt verspätet. In Leverkusen steht er still. Handys werden gezückt, die Verspätung auf Arbeitsplätzen und bei Freunden angekündigt. Ein ICE muss vorbei. Diese Vorbeifahrten sind ein Auslöser für Verspätungen. Ein anderes Mal ist es ein langsam voranfahrender Güterzug. Schnellzüge, Nahverkehrszüge und Güterzüge sind in Deutschland auf denselben Gleisen unterwegs sind.

Gerade wegen dieses Mischsystems ist ein Ausbau der Infrastruktur für Fachmann Sistenich unumgänglich. Im Bereich Aachen sind alle Züge auf zwei Gleisen unterwegs. „Die müssten wenigstens in beide Richtungen befahrbar sein. Das System müsste flexibler gestaltet werden”, sagt Sistenich. Wenn ein Zug wegen eines Defekts ausfällt, machen die Verkehrsverbünde so etwas wie eine „Mietminderung” geltend. Sie bestellen die Wagen bei der Bahn. Wenn Türen defekt oder die Züge zu spät sind, zahlen die Verbünde weniger. Sistenich spricht von „nennenswerten Beträgen im Millionenbereich” im Jahr.

Ausstieg am Bahnhof Köln, 35 Minuten zu spät.
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