Turmspringer Sascha Klein und seine Suche nach Vollendung

Von: Helga Raue
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Schrauben, Salti, solche Sachen: Sascha Klein und Patrick Hausding springen bei der WM in Budapest noch ein letztes Mal zusammen ins Wasser. Jetzt ist Schluss. Was bleibt sind viele tolle Erlebnisse, Erfahrungen – und jede Menge Medaillen.Fotos: imago/Insidefoto /Andreas Steindl Foto: PUBLICATIONxNOTxINxITAxFRAxSUI GIORGIOXPEROTTINO
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Erfolgreicher Abgang: Sascha Klein hat seine Karriere inzwischen beendet. Foto: dpa
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Schrauben, Salti, solche Sachen: Sascha Klein und Patrick Hausding springen bei der WM in Budapest noch ein letztes Mal zusammen ins Wasser. Jetzt ist Schluss. Was bleibt sind viele tolle Erlebnisse, Erfahrungen – und jede Menge Medaillen. Fotos: imago/Insidefoto /Andreas Steindl Foto: PUBLICATIONxNOTxINxITAxFRAxSUI GIORGIOXPEROTTINO
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Schrauben, Salti, solche Sachen: Sascha Klein und Patrick Hausding springen bei der WM in Budapest noch ein letztes Mal zusammen ins Wasser. Jetzt ist Schluss. Was bleibt sind viele tolle Erlebnisse, Erfahrungen – und jede Menge Medaillen.Fotos: imago/Insidefoto /Andreas Steindl Foto: PUBLICATIONxNOTxINxITAxFRAxSUI GIORGIOXPEROTTINO
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Einer der erfolgreichsten Sportler unserer Region: Turmspringer Sascha Klein. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Sascha Klein ist der erfolgreichste Sportler der Region. Eigentlich wollte der Turmspringer nach den Olympischen Spielen in Rio aufgehört haben – eigentlich.

Draußen gießt es in Strömen, und das viele Wasser, das vom Himmel kommt, gefällt Sascha Klein gar nicht. Dabei sollte man meinen, dass es sein Element ist. Das Element, in dem er sich besonders wohl fühlt, schließlich verbrachte er in den vergangenen 24 Jahren einen Großteil seines Lebens darin. Klein lacht: „Ich mag Wasser, aber nicht in Form von Regen.“ Der 31-Jährige wirkt locker, ist entspannt, lacht viel, wirkt fast so, als sei eine Last von ihm abgefallen. Ringsum im Café sitzen Leute. Manch einer schaut während des Gesprächs neugierig herüber, doch niemand erkennt ihn. Dabei sitzt der wohl erfolgreichste Sportler der Region vor ihnen. Wasserspringen ist eben immer noch eine Randsportart, und Sascha Klein ist in Peking ganz eindeutig bekannter als in Aachen.

In der chinesischen Hauptstadt hatte der Wasserspringer Anfang 2008 den Weltcup gewonnen – vor den sonst in seiner Sportart so übermächtigen Chinesen. Und deren Landsleute feierten den jungen Deutschen, der ein paar Monate später unter großem Medien- und Faninteresse zu den Olympischen Spielen zurückkehrte. Im Einzel erlebte er zwar eine Enttäuschung, doch im Synchronspringen holte Klein an der Seite des Berliners Patrick Hausding Silber im Synchronspringen vom Turm. Hinter den Chinesen, die aber 2013 erneut den Hut vor ihm ziehen mussten, denn da triumphierte das Duo bei den Weltmeisterschaften in Barcelona und holte Gold, Klein fügte noch Einzel-Bronze hinzu.

Erfolgreich wie nie ein Paar zuvor

Neun Mal in Folge gewannen die beiden Gold vom Turm bei den Europameisterschaften – noch nie war ein Synchronpaar erfolgreicher. 20 Medaillen, davon zehn goldene, gewann Klein bei internationalen Wettbewerben, ebenso viele kommen national hinzu. Wohlgemerkt nur im Erwachsenenbereich.

Acht Jahre war Klein alt, als ihn ein Freund überredete, doch mal mit zum Wasserspringen zu gehen. Der Freund gab es schnell wieder auf, Klein blieb beim SV Neptun Aachen. Mit 14 Jahren sprang er sein erstes internationales Championat, bereits 2002 wurde er in Aachen an der Seite von Norman Becker Jugend-Europameister vom Drei-Meter-Brett und kurz darauf alleine Jugend-Weltmeister. „Der Russe Dimitri Sautin war mein Vorbild, und national natürlich Jan Hempel und Heiko Meyer“, sagt Klein rückblickend. Meyer, nach Hempel die Nummer 1 in Deutschland und unter anderem 2002 Turm-Europameister, wurde sein Partner auf dem Turm – und er dessen ärgster Konkurrent. 2006 holten sie gemeinsam EM-Silber in Budapest, da hatte der Kronprinz bei der DM – wieder in Aachen – den „König“ kurz zuvor vom (Einzel)-Thron gestürzt.

... und dann nur Platz vier

2012 in London blieben Klein und Hausding medaillenlos, Olympia in Rio sollte der Schlusspunkt für den damals 30-jährigen Klein werden. Doch statt auf dem Podest landeten die Wasserspringer auf Platz 4 da der sonst so zuverlässige Hausding nicht seinen besten Tag erwischte. „Vierter – keine Medaille. Das war ein Albtraum, ich konnte es gar nicht begreifen, habe mich immer gefragt, ob ich aufwache und noch springen darf. Das hat mich sehr beschäftigt.“ So sehr, dass es auch im Einzel nicht lief, weil der Kopf nicht frei war. Selbst zurück in der Heimat ließ sich der Gedanke nicht verdrängen. „Ich bin in ein tiefes Loch gefallen, habe ein, eineinhalb Monate gebraucht, damit abzuschließen und mir zu sagen, dass ich trotzdem eine tolle Karriere hatte“, gibt der Athlet, der sich in den letzten Jahren seiner Laufbahn auf den Turm konzentriert hatte, rückblickend ehrlich zu.

Das war das eher glanzlose Ende unter eine so glanzvolle Karriere – auch wenn das Wort Ende nie wirklich fiel. Nur: Ins Wasser und auf den Turm kehrte Klein nicht zurück, er kam aus Dresden zurück nach Aachen, wo Frau Franziska und der damals neun Monate alte Sohn Oskar bereits wieder lebten. Das Familienleben hatte er in den vergangenen Jahren seiner sportlichen Karriere unterordnen müssen. „So oft wie möglich bin ich von Dresden runtergekommen, doch jede Woche 1300 Kilometer zu fahren, ging einfach nicht. Und noch einmal ein Jahr Training in Dresden bis zur WM dranhängen, das wollte ich einfach nicht mehr.“

Doch irgendwie war seine Karriere unvollendet. „Und dann kamen die ersten Gedanken an die World Series.“ Der Gedanke begann zu nagen, Olympuia in Rio war immer noch päsent – nicht nur im Hinterkopf. Und dann Mitte Dezember die Entscheidung, an der Seite von Hausding bei den vier Stationen zu starten. „Na, ja, wir waren qualifiziert, und ich habe mich gefragt, ob es nicht besser sei, die Karriere dort und vielleicht dann doch noch mit einer Medaille zu beenden.“ Schon einen Tag später nahm er das Training wieder auf, in Aachen bei Neptun-Cheftrainer Alexander Neufeld, denn auch Sohn Oskar wollte betreut werden.

„Das war der Deal, dass ich in Aachen bleiben und mich neben dem – abgespeckten – Training auch um meinen Sohn kümmern kann“, so Klein, der in seinem langjährigen Partner Hausding, der seinerseits in dieser Phase nun von Berlin nach Aachen pendelte, einen verständnisvollen Partner hatte. Klein: „Zu Beginn war ich ehrlich nicht ganz sicher, ob ich das schaffe. Ich hatte mich zwar immer fit gehalten, ohne Sport geht es bei mir eh nicht. Aber ich war nicht auf dem Turm gewesen.“ Zwei Monate später sprang er zum Auftakt der lukrativen Serie, für die sich nur die besten der Welt qualifizieren, in Peking auf Platz 2. „Und dann hofft man von Station zu Station, dass man das noch einmal wiederholen kann“, gesteht Klein lachend. Konnte das Duo: Auch bei den anderen drei Stationen – Dubai, Kasan, und Windsor/Kanada – gab es Silber und somit neben 20.000 Dollar Preisgeld auch Silber in der Gesamtwertung, mal wieder hinter China.

„Vier Mal auf dem Treppchen, toll. Mit vier Medaillen kann man sich gut verabschieden. Ich habe gesagt, das war es jetzt“, zog Klein im April für sich dann den endgültigen Schlussstrich. Ins Wasser kehrte er nicht zurück, in die Springhalle schon. Ende Mai – Deutsche Meisterschaften in Aachen, mit Klein als Zuschauer – immer noch der Unvollendete, zumindest bei einem Großteil seines Umfeldes. Schließlich standen eine EM und die WM bevor. „Viele hatte Verständnis für meine Entscheidung, andere weniger, sagten, es sind doch nur noch ein paar Wochen Training – nach so vielen Jahren Sport. Der Druck auf mich wuchs.“ Und er weckte bei Klein selbst immer mehr Zweifel an seinem Abschied, zumal auch Bundestrainer Lutz Buschkow sein Zugpferd nicht so einfach gehen lassen wollte.

Kein Thema war die EM. Ehrlich gibt der Wasserspringer zu: „Wir waren neun Mal in Folge Europameister, und ich wollte als Titelträger abtreten. Zudem war es zu spät, dafür noch zu trainieren.“ Und auch bis zur WM in Budapest waren es noch fünf Wochen – nur noch fünf Wochen. „Wir haben das in der Familie besprochen. Und meine Frau meinte wie schon bei der World Series, es sei meine Entscheidung, eine, die mich mein Leben lang begleiten würde“, fand Klein wie immer den nötigen Rückhalt. Seine Zweifel besiegte das nicht. „Ich hatte Angst, es könnte wieder nur Platz vier werden. Und dass ich wieder in so ein Loch fallen würde – meine Karriere ohne Medaille beenden würde.“

Trotzdem kehrte er für die WM in Budapest noch einmal ins Wasser zurück – fünf harte Wochen vor sich, in denen ihn stets die Zweifel an seiner eigenen Entscheidung begleiteten. „Es lief nicht so gut, das war schon demotivierend. Und die Frage, ob ich nicht doch hätte aufhören sollen, reiste mit mir nach Ungarn.“ Erst in den letzten drei Tagen vor dem Wettkampf lief es auf einmal. „Ich war nun wieder auf der höchsten Fitnessebene, auch die schwierigen Sprünge gelangen wieder.“

Alle Zweifel beseitigt? Klein lacht: „Nö, eher fifty, fifty wie auch unsere Chancen auf eine Medaille. An so einem Tag, bei so einem Wettkampf muss halt alles stimmen.“ Der Vorkampf mit Platz 5 war noch durchwachsen. „Wir wollten für das Finale am Abend noch ein paar Körner haben, fit sein.“ Und dort lief es gut. Ein Lachen huscht über Kleins Gesicht: „Patrick wollte nicht wissen, wie wir stehen, sonst schaut er immer hin, diesmal nicht. Ich aber wusste es. Es hat mir oft geholfen, wie in Barcelona, als ich vor dem letzten Sprung Sechster war und wusste, nun musst du noch mal einen raushauen.“ Das tat er, holte Bronze. Und Bronze winkte vor dem letzten Sprung – dem letzten der WM und dem letzten einer überragenden 24-jährigen Sportlerkarriere. „Wir mussten nur noch diesen sechste Finalsprung runterbringen – ausgerechnet den zweieinhalbfachen Salto mit zweieinhalbfacher Schraube, den hatte ich zuletzt im Training nicht ganz reingebracht. Der durfte nur ja nicht zu flach reinkommen.“

Bewusst überschlug Klein ganz leicht, rollte ihn ins Wasser rein. „Beim Auftauchen haben Patrick und ich uns wie immer angeschaut, sein Gefühl war so gut wie meins. Dann fragte Patrick, wo wir stünden. Und wir schauten auf die Anzeigetafel: Platz drei – Bronze.“ Klein atmet tief durch: „Damit ist ein Traum wahr geworden.“ Und auch Olympia in Rio war endlich ganz abgehakt.

Auf der Tribüne jubelten Franziska und Oskar, jetzt eineinhalb Jahre alt. Frau und Sohn waren nach Budapest nachgereist, um den letzten Wettkampf vor Ort zu sehen. „Das hat mir zusätzliche Motivation gegeben. Auch wenn Oskar sich vielleicht später nicht daran erinnert, er hat mich in Budapest beim Wettkampf erkannt, ,Papa‘ gesagt. Er war dabei, das kann ich ihm immer auf Fotos und Videos zeigen“, sagt Klein und schaut glücklich.

Und jetzt? Zeit für die Familie!

Das war es – und diesmal absolut endgültig. Nun hat erst einmal die Familie Vorrang, die so oft zurückstecken musste hinter dem Sport. Nun muss Klein an seiner privaten Zukunft basteln, eine Ausbildung neben dem Hochleistungssport zu machen, ist nahezu unmöglich. Noch bis Ende des Jahres steht der Sportsoldat in Diensten der Bundeswehr. „Danach kann ich im Rahmen des Berufsförderungsdienstes fünf Jahre lang eine Ausbildung machen. Es ist großartig, dass die Bundeswehr uns Sportler so unterstützt.“ Angedacht ist, zuerst das Fachabitur an der Bundeswehrfachschule nachholen, dann vielleicht studieren. Sozialpädagogik würde Klein interessieren, die Arbeit mit behinderten Kindern. Aber auch andere Dingen, ganz entschieden ist noch nichts.

Vielleicht wird er aber auch als Trainer arbeiten – im Wasserspringen selbstverständlich. „Ich würde gerne etwas weitergeben, gerne ein Vorbild sein“, sagt Klein, der im September 32 Jahre alt wird. „Der Sport hat mir so viel gegeben, ich bin schon im Kindesalter erwachsen geworden, der Sport hat mich diszipliniert, weil man sich jeden Tag neu motivieren muss, so hart zu trainieren.“

24 Jahre, drei Viertel seines Lebens, hat Klein auf dem Turm, dem Brett und im Wasser verbracht. „Es war eine tolle Zeit, ich würde es immer wieder so machen. Die ganzen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich bin viel rumgereist, habe viel gesehen. Immer wieder dieser Adrenalinkick bei den Sprüngen. Es war eine schöne und wichtige Zeit.“

Draußen regnet es immer noch in Strömen. Sascha Klein verabschiedet sich lächelnd, geht, locker, entspannt, wirkt irgendwie befreit – es ist vollendet!

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