Turboabitur: „G8 schränkt Jugendliche ein und macht krank“

Von: Madeleine Gullert
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G8 oder G9? Nicht nur in Nordrhein-Westfalen ist das verkürzte Abitur noch immer höchst umstritten. Einige Verbände und Lehrer wünschen sich den Schritt zurück. Foto: dpa

Hamm. Das verkürzte Abitur hat keinen guten Ruf. Erst in der vergangenen Woche hatte eine Umfrage von G8-Gegnern ergeben, dass sie wohl nicht allein sind. Laut der repräsentativen Befragung von 1310 Eltern sprechen sich 79 Prozent gegen den von ihnen als „Turbo-Abitur“ bezeichneten Abschluss aus.

Zu stressig sei es für die Kinder. Wie sehr belastet das Abitur nach acht Jahren Jugendliche? Darüber sprachen wir mit Martin Holtmann, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik in Hamm, der Montagabend einen Vortrag in Aachen hält.

Herr Holtmann, was halten Sie von G8?

Holtmann: Ich bin kein Freund von G8. Das verkürzte Abitur wurde meines Erachtens übereilt eingeführt – nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in anderen Bundesländern. Lehrpläne wurden nicht durchdacht und richtig neu geordnet. Alles wurde Holterdiepolter zusammengestaucht. Was ich besonders kritisiere, sind Vorstöße, an Gymnasien eine nullte Stunde einzuführen.

An einigen Schulen beispielsweise in Düsseldorf wird dann um 7.15Uhr unterrichtet. Das ist für den ganzen Biorhythmus der Jugendlichen schlecht. Wir wissen, dass sich besonders bei Jugendlichen das Schlafverhalten ändert. Selbst acht Uhr ist für Teenager noch mitten in der Nacht. Das Beispiel des Alsdorfer Gymnasiums, das seine Schüler eine Stunde später kommen lässt, wenn sie es wünschen, ist sehr positiv.

Inzwischen gibt es ja an allen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen Erleichterungen, Maßnahmen, die G8 verbessern sollen.

Holtmann: Ich bin natürlich kein Pädagoge, aber ich zweifele doch an der Sinnhaftigkeit, die Hausaufgaben abzuschaffen. Es gibt ja nun einmal Fächer, die das Pauken erfordern.

Wie sehr belastet G8 Jugendliche?

Holtmann: Ich habe in Hessen in der Ambulanz der Psychiatrie gearbeitet, als dort G8 eingeführt wurde. Ab diesem Zeitpunkt haben wir einen Anstieg der ambulanten Behandlungen verzeichnet. Begabte Schüler haben das hinbekommen, für die war die Umstellung kein Problem. Für die Schüler, die aber schon vorher an ihre Grenzen gestoßen sind, wurde die verkürzte Zeit und das Mehr an Inhalten zu einem Problem.

Woran leiden die betroffenen Kinder denn?

Holtmann: Sie leiden unter Ängsten und Sorgen. Körperlich leiden sie häufig unter Kopfschmerzen. Und es sind eben häufig gerade die Schüler, die es mit G9 noch gerade so hinbekommen haben.

Sollte man G8 wieder abschaffen?

Holtmann: Man muss sich doch fragen und prüfen, was denn der Nutzen von G8 ist. Natürlich spart man ein Jahr, und im Idealfall zahlen die jungen Leute schon ein Jahr früher in die Rentenkasse ein. Ansonsten sehe ich keinen Vorteil.

Wer zahlt denn den höchsten Preis?

Holtmann: Alle Schüler zahlen einen Preis, weil ihnen durch die Umverteilung der Stunden weniger Freizeit bleibt. Und somit bleibt weniger Zeit für andere Dinge. Das sehe ich eher als Nachteil. Schließlich gibt es neben der Schule noch andere Felder , die für die Entwicklung von Kindern wichtig sind.

Ihnen gefallen also auch Ganztagsschulen nicht, weil da weniger Freizeit für die Kinder bleibt?

Holtmann: Viele Familien sind auf eine Ganztagsbetreuung angewiesen, und es ist gut, dass die angeboten wird. Allerdings sollte es dann gut durchdachte Konzepte für den Nachmittag geben. In einigen Schulen werden ja die Vereine und somit Freizeit in die Schule geholt. Aber auch das ist eben Zeit und eine Aktivität, die den Kindern vorgegeben wird. Sie können sich außerdem nicht aussuchen, mit wem sie diese Zeit verbringen.

Finden Sie, dass Kinder heutzutage zu selten allein sind?

Holtmann: Ja, manchmal haben sie zu wenig frei verfügbare Zeit für sich allein. Es gibt gute Langeweile. Eine Langeweile, die stimuliert, die zum Nachdenken anregt und die einen dazu bringt, neue Dinge auszuprobieren. Aber bei all der Kritik muss man klarstellen, dass G8 keine Monster produziert. Ich bin kein Schwarz-Weiß-Maler. Ich denke aber, dass es mehr Wahlmöglichkeiten geben sollte. Und ich würde mir wünschen, dass sich das nordrhein-westfälische Schulministerium zumindest ernsthaft mit der Überlegung befasst, zu G9 zurückzukehren. In anderen Bundesländern geht es ja auch.

Sie sprechen am Montag auch über das Thema Inklusion. Wer zahlt denn da den Preis?

Holtmann: Für die Inklusion gilt ähnliches wie für G8: Es wurde übereilt eingeführt, und die Regelschulen waren darauf nicht oder schlecht vorbereitet. Die Inklusion ist handwerklich schlecht umgesetzt.

Halten Sie nichts von Inklusion?

Holtmann: Dass Teilhabe richtig und wichtig ist, bestreitet niemand. Teilhabe behinderter Kinder ist sinnvoll, wenn sie funktioniert. Es gibt Kinder mit Förderbedarf, die an Regelschulen gut zurechtkommen. Doch zurzeit sind etwa viele verhaltensauffällige Kinder an Regelschulen schlechter aufgehoben als an Förderschulen. Sie fallen in den normalen Klassen auf und werden so zum Außenseiter, haben keine Freunde.

Sind für diese Kinder Förderschulen letztendlich doch der bessere Lernort?

Holtmann: Es ist nachvollziehbar, dass Eltern behinderter Kinder teilweise Förderschulen bevorzugen. Weil viele Förderschulen geschlossen wurden, müssen sie aber mitunter sehr weit fahren. Manchmal fragt man sich dann, ob es der Politik beim Forcieren der Inklusion wirklich um Teilhabe ging – oder nicht eher darum, die teuren Förderschulen einzusparen.

Und wie bei G8 zahlen auch hier die Kinder den Preis?

Holtmann: Ja, die Kinder mit Förderbedarf, weil sie schulisch schlecht betreut werden. Und – auch wenn es nicht populär ist, das zu sagen – auch die anderen Kinder zahlen einen Preis. Es ist nämlich durchaus wahrscheinlich, dass sie nicht mehr ausreichend gefördert werden, weil der Lehrer durch die Spannweite der Fähigkeiten einfach nicht mehr allen Bedürfnissen gleichermaßen gerecht werden kann.

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