Düsseldorf/Lüttich - Tour de France: Einmal im Begleitfahrzeug dabei sein

Tour de France: Einmal im Begleitfahrzeug dabei sein

Von: Tobias Kemberg
Letzte Aktualisierung:
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Begeisterung trotz des Regens: Auf dem nassen Kopfsteinpflaster geht es über den Aachener Markt in Richtung Jakobstraße. Foto: dpa
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Party und Anfeuerungsrufe: Viele Häuser und Wohnungen entlang der Strecke waren geschmückt. Foto: afp
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Kurz vor dem Start: Unser Reporter Tobias Kemberg begleitete die zweite Etappe in einem offiziellen Begleitfahrzeug. Foto: Benno Altrogge
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Mit viel Kreativität wird am Wegesrand die deutsch-französische Freundschaft gefeiert. Foto: afp
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Gute Stimmung im Würselener Stadtteil Linden-Neusen: Vater und Tochter verkleidet als Frankreich.
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Selfie am Wegesrand: Zwei Mädchen verfolgen die Tour in Belgien auf einer Holz-Kuh. Foto: afp
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Auch das ist die Tour: Drei Hunde im Bergtrikot an einem Straßenrand in Mettmann. Foto: dpa
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Der Werbetross kommt, hier an einem Streckenabschnitt bei Erkelenz. Foto: Günter Passage
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Früherer Toursieger am Streckenrand: Jan Ullrich am Sonntag in Korschenbroich. Foto: dpa
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Vorbei am Hexenturm: das Hauptfeld am Sonntag in Jülich. Foto: Nalini Dias
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Kopf runter: Der Regen begleitet die Fahrer die ganze Etappe. Foto: dpa
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Kurzerhand zum Tour-Fan gemacht: Kaiser Karl vor dem Aachener Rathaus.

Düsseldorf/Lüttich. Bonjour, Le Tour – endlich feiere ich mein Debüt bei der Tour de France. Mit 33 Jahren, wenn so mancher Profi bereits das Rad an den Nagel hängt. Ich aber bin natürlich nicht als Fahrer auf dem Rad am Start, denn dafür fehlt es mir schlicht an Talent und den körperlichen Voraussetzungen.

Aber im Begleitfahrzeug auf der zweiten Etappe der wichtigsten Rad-Rundfahrt der Welt, die die 196 Profis von Düsseldorf ins belgische Lüttich führt, dabei sein zu dürfen, vermittelt mir bereits vor dem Start das Gefühl, ein Teil des Grand Départs und ein Teil von „Le Tour“ zu sein. Einem Großereignis, das es in Deutschland zuletzt 1987 gab, als der Start in West-Berlin stattfand. Und in unserer Region war die Tour zuletzt 1992, als eine Etappe durch Aachen führte.

Sonntagmorgen. Am Rheinufer treffe ich Andy Flickinger, einst selbst Profi und Teamkollege des Düsseldorfers Sven Teutenberg. Für die anstehenden 203,5 Kilometer bis Lüttich ist Andy, der die Tour zu seiner aktiven Zeit selbst absolvierte, mein Fahrer auf vier Rädern – in einem der offiziellen Begleitfahrzeuge. Mir fällt schnell auf, dass Andy genau der Experte ist, der mir das Innenleben der Tour erklären kann. Alle drei Meter bleibt er stehen, begrüßt einen Offiziellen oder Fahrer. Er ist bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund.

Am Burgplatz bin ich wenig später bereits ganz nah dran, wenn sich die Profis auf der Bühne offiziell für die Etappe einschreiben. Ich treffe auf Marcus Burghardt, den aktuellen deutschen Meister. Er wirkt entspannt. Ich bin aufgeregt. Nicht wegen Burghardt, sondern weil ich mittendrin im Gewusel bin. Vor mir Burghardt, hinter mir der italienische Star Fabio Aru.

Viel aufgeregter bin ich eigentlich aber, weil es in den offiziellen Mitteilungen vorher die „Warnung“ gab, dass einem im Begleitfahrzeug schlecht werden kann, wenn die Autofahrer schnell anfahren und stark bremsen. Spätestens als ich über das offizielle Tour-Radio als Gast auf dieser Etappe begrüßt werde, fühle ich mich aber als Teil der großen Schleife. Etwaige Gedanken an Unpässlichkeit auf dem Rücksitz? Verschwunden.

Auf der Brücke im Düsseldorfer Medienhafen fällt der offizielle Startschuss für die Etappe. Entlang der Absperrgitter stehen die Zuschauer, in fünf oder sechs Reihen hintereinander. Sie jubeln, bejubeln auch die Begleitfahrzeuge und winken. Ich winke zurück, und bereits im Kreis Mettmann ist mir das Zurückwinken eigentlich schon fast zu anstrengend. Aber wenn die Radprofis jeden Tag auf die Zähne beißen, dann muss ein bisschen mehr Winken für den Reporter drin sein. Also winke ich weiter.

Früh bildet sich eine erste Gruppe von Ausreißern. Vier Fahrer haben sich ein Stück vom Peloton, dem Hauptfeld, abgesetzt. Andy bringt mich in unserem Auto nah ran an die Gruppe. Ich verfolge genau, wer die Tempoarbeit macht. Das Quartett möchte sich schnell weiter vom Peloton distanzieren. Mittendrin bei der Tour – schon 30 Minuten nach dem Start der Etappe hat mich das Fieber endgültig gepackt.

Erstaunt bin ich über die Menschenmengen, die entlang der Strecke ausharren. Verkleidet, mit Grill, mit Fahnen, auf Campingstühlen. Viele von ihnen sind seit Stunden an der Strecke und warten auf diese paar Sekunden, in denen die Fahrer an ihnen vorbei rauschen. Dass die Tour de France viele Zuschauer anlockt, damit habe ich gerechnet. Aber das hier sprengt meine Erwartungen. Die Atmosphäre ist ansteckend. Es ist überall enorm gut besucht. Und zwischendurch heißt es für mich immer wieder zu winken.

Im Rhein-Kreis Neuss sehe ich den einen oder anderen einsamen Streckenposten. Sie fallen mir aber nur auf, weil es kaum Passagen auf den 203,5 Kilometern gibt, an denen keine Menschen zuschauen oder überhaupt stehen können. Andy drückt derweil wieder aufs Gaspedal. Wir fahren einen Vorsprung auf die Radprofis heraus, wie ihn einst nur Marco Pantani, „Il Pirata“ aus dem italienischen Cesenatico, oder der große spanische Champion Miguel Indurain bei steilen Anstiegen, imstande waren herauszufahren. Rasant geht es durch Kreisverkehre und Kurven. In Kürze sind die Radfahrer und Motorräder im Rückspiegel nur noch kleine Punkte. Und irgendwann sind sie nicht mehr zu erkennen.

Als wir genug Vorsprung herausgefahren haben, machen wir Mittagspause. Das Menü aus dem Kofferraum ist typisch französisch: mit Ratatouille, Käse und einem süßen Kuchen. Die Ausreißergruppe rast an uns vorbei. „Allez“, ruft Andy. Es geht weiter.

Eine Stunde vor Lüttich ziehen wir erneut an allen vorbei. „Wir müssen vor den Radprofis im Ziel sein“, erklärt Andy. Und so geht es weiter, über Dutzende rote Ampeln, mit 70 Stundenkilometern durch 30er-Zonen und zwischen den Motorrädern und Team-Fahrzeugen hindurch. Vom Fahrerfeld habe ich nicht viel gesehen auf den 203,5 Kilometern. Aber dafür die Begeisterung der Menschen. Viel mehr wert.

Im Zielort verfolge ich den Massensprint vom Balkon eines Tour-de-France-Trucks. Die Ausreißer wurden kurz zuvor gestellt. Mit 60 Stundenkilometern donnern die Sprinter die lange Zielgerade entlang. Viel sehe ich nicht. Ich kann gerade noch ausmachen, dass es Marcel Kittel ist, der am Ende die Arme hochreißt. Ein deutscher Etappensieg am Ende eines Tages, der für den großen Radzirkus in Deutschland begann. Perfekter Abschluss, denke ich.

Ab morgen verfolge ich die Tour de France wieder am Fernseher, ganz bestimmt aber mit einem anderen Blick. Denn schließlich war ich heute ein Teil von ihr. Ein unbedeutender, aber doch ein Teil. Mittendrin eben. Zum Abschied winke ich Andy zu – was auch sonst.

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