Tote nach Krebstherapie: Die Heilpraktiker und die Scharlatane

Von: Claudia Schweda
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Der Internetauftritt des „Biologischen Krebszentrums“ in Brüggen: Unter den Patienten ist es zu drei Todesfällen gekommen. Foto: Screenshot: zva

Aachen. Die niederländische Homepage der Praxis ist gelöscht, die Facebook-Seite des Betreibers Klaus R. nicht mehr auffindbar. Nach drei Todesfällen unter seinen Patienten in der vorigen Woche versucht der Heilpraktiker aus Brüggen, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden.

Doch einer seiner Sätze ist seit voriger Woche in der Welt und wirft ein Schlaglicht auf den liberalen Umgang in Deutschland mit Heilkunde: In den Niederlanden, hieß es auf seiner Homepage, die sich an niederländische Krebskranke richtete, werde die alternative Heilkunde strenger reguliert.

Die „Heilmeister“ der Klinik dürften dort nicht arbeiten. Deswegen würde die Praxis jenseits der Grenze in Deutschland behandeln. Ob nun in Deutschland für Heilpraktiker alles so bleibt, wie es ist, darf bezweifelt werden. Die politische Debatte hat jedenfalls längst begonnen.

Bislang hat hierzulande jeder einen Rechtsanspruch auf eine Heilpraktikererlaubnis, der mindestens 25 Jahre alt ist, einen Hauptschulabschluss hat, gesundheitlich geeignet ist, ein amtliches Führungszeugnis vorlegen kann und dann einer Überprüfung standhält, dass es durch ihn „nicht zu einer Gefährdung der menschlichen Gesundheit“ kommen kann.

So steht es in der Durchführungsverordnung des Heilpraktikergesetzes von 1939. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte jeder fahrende Händler medizinische Behandlungen anbieten. Mit dem Gesetz wollte man Scharlatanen das Handwerk legen und den Ämtern vor Ort die Sicherheit geben, dass jemand Grundlagenkenntnisse in Medizin besitzt. Es gilt bis heute.

Der Staat geht nur der Frage der Eignung nach, eine bestimmte Qualifikation ist mit dem Titel Heilpraktiker also nicht verbunden. Ein Schulbesuch vor dieser Überprüfung ist nicht vorgeschrieben. Eine staatliche Ausbildung gibt es nicht. Das heißt aber nicht, dass es den Bewerbern leicht gemacht wird. Gefragt wird in einem zweistündigen Multiple-Choice-Test etwa nicht nur nach Laborbefunden, die für eine Erkrankung der Niere sprechen, sondern auch nach Speziellerem wie dem Mitralklappenprolaps oder der ischämischen Attacke.

Durch die Überprüfung soll auch geklärt werden, ob ein Heilpraktiker erkennt, wo seine Grenzen liegen und wann ein Patient zum Arzt sollte. „Da haben wir schon hohe Ansprüche“, sagt Waltraud Müller, Sachgebietsleiterin Gesundheitsberufe bei der Stadt Köln, die im Auftrag aller Kreise und kreisfreien Städte im Regierungsbezirk Köln und Detmold die Überprüfung zentral durchführt; und das – inzwischen – mit bundesweit einheitlich entwickelten Fragen. Wer die schriftliche Überprüfung schafft, wird zu einer einstündigen Überprüfung durch einen Amtsarzt gebeten. 

Die Ansprüche sind so hoch, dass es immer wieder juristische Auseinandersetzungen darum gibt, ob die Fragen nicht doch einer Fachprüfung entsprechen – statt lediglich der Gefahrenabwehr für die Patienten zu dienen. Und die Durchfallquote ist extrem hoch. Nach Angaben des Dachverbands der Deutschen Heilpraktiker liegt sie bei über drei Vierteln der Bewerber. 

Wer dieser Überprüfung standhält, darf sich niederlassen. Dem örtlichen Gesundheitsamt muss er nur anzeigen, dass er eine Praxis eröffnet und, wie Klaus R. es getan hat, Infusionen legen wird.  Als Heilpraktiker darf er Heilkunde jeglicher Art ausüben. „Damit darf er alles, was ihm nicht verboten ist“, sagt Müller. Und diese Verbotsliste ist kurz: meldepflichtige Krankheiten stehen darauf, Zahnmedizin, Strahlentherapie, Leichenschau und Geburtshilfe. Die Grauzone ist entsprechend groß.

Es gibt keine bundesweite Vorgabe, keine Liste, keine Richtlinie, keine Expertenkommission, die regelt, was „Heilkunde“ umfasst. Im Zweifel muss jedes Gesundheitsamt entscheiden, was im Kreis oder in der kreisfreien Stadt erlaubt ist, denn die Ämter vor Ort haben die Aufsicht über die Heilpraktiker – und fühlen sich vom Gesetzgeber alleingelassen. „Ich würde mir schon wünschen, dass manche Berufsfelder strenger reglementiert würden“, sagt Müller.

Ein Beispiel zeigt das Problem: Ein Physiotherapeut, der jahrelange Fortbildungen in Osteopathie gemacht hat, darf diese Heilkunde nicht anwenden. Ein Heilpraktiker aber darf sich am ersten Tag nach der bestandenen Überprüfung Osteopath nennen. Scharlatane fallen erst auf, wenn sich jemand beim Gesundheitsamt meldet oder sie von den Patienten verklagt werden.

Aktiv kontrolliert werden Heilpraktiker bei ihrem Tun nicht. „Wir führen lediglich anlassbezogene Kontrollen durch“, heißt es nicht nur beim Gesundheitsamt des Kreises Viersen, das für den Brüggener Heilpraktiker zuständig war. Da es dort aber keine Klagen über die alternative Krebsklinik gegeben habe, habe es auch keinen Anlass für eine Kontrolle gegeben.

Weil der Gesetzgeber nichts verändert, verfolgen die Gesundheitsämter die aktuelle Rechtsprechung. So klären nicht die medizinischen Experten, was Heilkunde ist, sondern am Ende die Richter. „Es gibt viele Heilpraktiker, die verantwortungsvoll mit ihrem Beruf umgehen“, sagt Müller, „aber der Fall Brüggen zeigt die Lücke, die das ganze System hat.“

Die NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) fordert nach Angaben eines Sprechers seit Beginn ihrer Amtszeit 2010 „auf vielen Ebenen den dringenden Bedarf einer grundlegenden Novellierung des Heilpraktikergesetzes“. Grundlage ihrer Forderung ist eine Feststellung des Bundesverwaltungsgerichts von 2009.

Es bemängelt eine „systematische Unstimmigkeit“, die dadurch entsteht, dass der Gesetzgeber einerseits Berufsbilder mit erheblichen Qualifikationsanforderungen geschaffen habe, andererseits aber aufrechterhalten werde, dass Patienten nur nach einer Überprüfung durch das Gesundheitsamt behandelt werden dürften. Seit Juni hat Steffens die anderen Länder hinter sich.

Die Gesundheitsministerkonferenz stellte fest, „dass die Anforderungen an die Erlaubniserteilung nach dem Heilpraktikergesetz nicht den Qualitätserfordernissen genügen“, und bat das Bundesgesundheitsministerium um eine Überarbeitung. Auf Anfrage unserer Zeitung hieß es aus dem Berliner Ministerium, dass derzeit keine Änderungen geplant seien.

Doch Rudolf Henke, CDU-Bundestagsabgeordneter und Präsident der Ärztekammer Nordrhein, ist sich sicher, dass nach der Sommerpause – angestoßen durch die Vorfälle in Brüggen – eine politische Debatte beginnen wird. „Ich habe den Verdacht, dass das Heilpraktikergesetz nicht so bleiben wird, wie es jetzt ist“, sagte er.

Die Schweiz hat diese Debatte gerade hinter sich – und die Heilpraktikertätigkeit vereinheitlicht und zu einem Ausbildungsberuf gemacht: Seit dem vorigen Jahr ist dort der Heilpraktiker ein anerkannter und geschützter Titel mit vier spezifische Fachrichtungen: Ayurveda-Medizin, Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin und traditionelle europäische Naturheilkunde.

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