Aachen - „Tom und Sonja”: Eltern leiden Höllenqualen

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„Tom und Sonja”: Eltern leiden Höllenqualen

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Sieben Monate nach den Morden an den Eschweiler Geschwistern Tom (11) und Sonja (9) sind einige Schüler aus der Klasse des erwürgten Jungen immer noch in psychologischer Behandlung.

„Wir bemühen uns sehr um die Kinder”, sagte Lehrerin Helga H. am Donnerstag vor dem Aachener Landgericht. Ein Kripobeamter schilderte die Höllenqualen beider Eltern, als die Todesnachricht eintraf: „Sie schwankten zwischen Fassungslosigkeit und Nicht-Glauben-Wollen. Es war schlimm.”

19 Zeugen hörte die Schwurgerichtskammer am fünften Verhandlungstag - vor allem, um die leidvollen Folgen der Morde zu beleuchten, die Einfluss auf das Strafmaß gegen Markus Wirtz (28) und Markus Lewendel (33) haben.

Jeden Morgen das gleiche Ritual: Wirtz kriecht gesenkten Hauptes auf die hintere Anklagebank. Lewendel marschiert mit Sonnenbrille und faustdickem Aktenordner direkt hinter das Panzerglas. Beide meiden jeden Blickkontakt.

Dann wechselt Lewendel die Brille - und hört am Donnerstag ungerührt zu, wie Lehrer, Nachbarn, Polizeibeamte unsagbares Leid vorsichtig in Worte kleiden - das Martyrium von Tom und Sonja, aber auch der Eltern.

Vater schmiegt sich an Foto des toten Sohnes

Kriminalhauptkommissar Norbert S. wird nie vergessen, als er ein Foto des toten Sohnes zur Identifizierung vorlegen musste. Tom sehe aus wie ein schlafendes Kind, habe er die Eltern auf den schrecklichen Moment vorbereitet.

Dann schaute die Mutter hin. „Das ist unser Baby”, habe sie gesagt. Weinkrämpfe, Ungläubigkeit, Verzweiflung. Der Vater drückte das Foto liebevoll an seine Wange. „Es war schlimm.”

Der Polizist betont, wie sehr die Eltern trotzdem mit der Fassung rangen, um weiter sachliche Hinweise geben zu können. Damals gab es noch Hoffnung für Sonja...

„Die Kinder waren der absolute Mittelpunkt der Eltern”, erklärt der Polizeibeamte. „Überall im Haus hingen Bilder. Die Eltern haben so viel von den Kindern erzählt, dass man das Gefühl hatte, man kannte sie.”

Seine Kollegin Iris G. betreut die Eltern bis heute, das letzte Treffen fand vor sechs Wochen statt. Während der Prozessdauer wohnen sie dem Vernehmen nach nicht in der Region, um nicht mit Einzelheiten konfrontiert zu werden. „Den Eltern geht es sehr, sehr schlecht”, bestätigt die Polizistin.

Peter P., der Kripobeamte, der Lewendel direkt nach der Festnahme befragte, musste die Details ertragen. Im Zeugenstand kämpft der 37-Jährige um jeden Satz, schildert sichtlich betroffen minutenlang den Tathergang, wie ihn der Angeklagte auf 27 Protokollseiten beschrieben hat.

„Die Vernehmung lief sehr ungewöhnlich ab. Diese Unmenschlichkeiten wurden flüssig runtererzählt - fast ohne Zwischenfragen. Emotionen waren nicht feststellbar.” - „Wie haben Sie die Vernehmung persönlich verarbeitet?”, fragt Richter Gerd Nohl. „Ich verdränge es. Sowas ist nicht geeignet, um es zu verarbeiten.”

Nohl ist bewusst, dass Prozess und Berichterstattung sehr kontrovers verfolgt werden - deutschlandweit. In einer Erklärung reagiert der erfahrene Jurist auf Vorwürfe eines Leserbriefschreibers, dem der Prozessverlauf zu lang erscheint, der eine Ladung von mehr als 30 Zeugen und die Einarbeitung von rund 15 Gutachten nicht nachvollziehen kann - und „Sensationslust” anprangert. „Wir beschränken uns hier auf unumgängliche Zeugen”, stellt Nohl klar.

Schon an den ersten Prozesstagen hatte Nohl auf das Verlesen grausamster Tatdetails verzichtet und den Prozessbeteiligten entsprechende Schriftstücke zur „Selbstlektüre” übergeben lassen.

Gerichtssprecher Holger Brantin fügt später hinzu, dass das „Verifizieren und Objektivieren” der Geständnisse - also die Abgleichung früherer Vernehmungen mit Zeugenaussagen bei der Hauptverhandlung - unabdingbar ist.

„Natürlich haben wir dabei Rücksicht genommen: Ganz bewusst wurden weder die Eltern noch andere Angehörige als Zeugen geladen.” Und natürlich wolle man nicht nur das frühere Leben der Täter vor Gericht aufrollen, sondern sich auch den Opfern widmen.

Die frühere Lehrerin von Sonja, Gabriele S., charakterisiert die Neunjährige als ruhiges, liebes Kind, das sehr hilfsbereit war. „Sie hatte beste Chancen, nach der Grundschule aufs Gymnasium zu gehen.”

Sie war sehr auf ihren Bruder fixiert. „Die beiden haben jeden Tag zusammen gespielt.” Toms Lehrerin Helga H. beschreibt den Elfjährigen als intelligent und charakterstark. „Er hätte nie jemanden mit Worten oder Taten verletzten können - aber er war kein Feigling.” Dann schaut sie zur Anklagebank hinüber.

Erhielt Wirtz zu spät anwaltlichen Beistand?

Am Freitag, 9 Uhr, beginnt der sechste Prozesstag. Dann muss das Gericht einen Antrag des Wirtz-Verteidigers Gottfried Reims behandeln.

Der will die Aussage eines Vernehmungsrichters verhindern, weil er Wirtz ohne anwaltlichen Beistand befragt hatte. „Ich möchte einen Anwalt”, habe Wirtz damals laut Protokoll gesagt. In diesem Moment hätte man die Vernehmung laut Reims abbrechen müssen.

Fotos vom Prozessauftakt

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