Tihange: Zu wenig Jodtabletten bei atomarem Störfall

Von: ela/mgu/cs/disch
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Jod Jodtabletten Tabletten Symbol Symbolbild: dpa/Emily Wabitsch
In einem Umkreis von hundert Kilometern sollen alle Einwohner Belgiens präventiv Jodtabletten erhalten.

Brüssel/Heinsberg. Die Ankündigung des belgischen Gesundheitsministeriums, für den Fall eines Unfalls in einem Atomkraftwerk vorsorglich Jodtabletten an die Bevölkerung auszugeben, schlägt auch hierzulande Wellen. Die Städteregion Aachen und der Kreis Heinsberg beantragten am Donnerstag, ebenfalls Hunderttausende von Jodtabletten verteilen zu können. Das Land, dem die Tabletten gehören, zeigte sich allerdings ablehnend.

Käme es zu einem Störfall im belgischen AKW Tihange, lägen in den zentralen Depots in unserer Region viel zu wenig Jodtabletten, die bei unter 45-Jährigen die Aufnahme von radioaktivem Jod behindern soll. In der Städteregion Aachen fehlen derzeit 84 Prozent der nötigen Menge, im Kreis Düren 39 Prozent und im Kreis Heinsberg 21 Prozent. Das teilte eine Sprecherin des Innenministeriums auf Anfrage unserer Zeitung mit. Grund dafür sind Beschaffungsprobleme. Das Land hatte beschlossen, die Jodtabletten in eigener Regie zu beschaffen. Die Ausschreibung dafür laufe aber noch, sagte die Sprecherin.

Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass die belgische Regierung beschlossen hat, an alle Belgier für den Fall eines Störfalls in einem Atomreaktor Jodtabletten zu verteilen. Sie stimmte nach einer Empfehlung der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC der Ausweitung des bisherigen Evakuierungs- und Verteilradiuses der Tabletten von 20 auf 100 Kilometer im Umkreis eines AKW zu – was de facto einer Verteilung an alle Bürger entspricht, weil nicht nur die umstrittenen belgischen AKW Tihange und Doel, sondern auch französische und niederländische AKW in der Nähe der belgischen Grenzen liegen. Deutschland hatte diese Ausweitung des Radius' nach Fukushima bereits 2014 beschlossen.

Das Land NRW besteht nach Angaben der Ministeriumssprecherin aber weiter auf der zentralen Lagerung der Jodtabletten in den Kommunen. Man werde den Behörden in der Region Aachen, Düren und Heinsberg, die im Radius von Tihange liegt, nicht erlauben, die Tabletten direkt an die Bevölkerung zu verteilen. Das widerspricht dem Wunsch der Spitzenpolitiker in Stadt und Städteregion und dem Kreis Heinsberg.

Nach der Entscheidung Belgiens, die Tabletten in Apotheken an eine größere Zahl von Menschen direkt auszugeben, hatte der Landrat des Kreises Heinsberg, Stephan Pusch (CDU) noch am Donnerstag einen Brief an den NRW-Innenminister geschickt. In ihm bittet er darum, die Jodtabletten, die bislang zentral gelagert werden, direkt an die Menschen verteilen zu dürfen. Auch Stadt und Städteregion Aachen teilten am Donnerstag mit, bei der Landesregierung diese Erlaubnis einholen zu wollen. Doch angesichts der tatsächlich vorhandenen Tabletten, kann man die schon lange laufende Debatte um eine Direktausgabe wohl nur eine Scheindebatte nennen.

Das Land NRW bleibt bei seinem Erlass, dass die Jodtabletten „zu keinem Zeitpunkt an Haushalte verteilt werden“. Befürchtet wird vor allem eine fehlerhafte Einnahme. Genau deswegen empfiehlt auch die Strahlenschutzkommission in Deutschland eine Lagerung in Depots: Experten fürchten, dass die Menschen die Jodtabletten präventiv nehmen könnten oder im Ernstfall nicht mehr wissen, wo sie sie deponiert haben.

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