Aachen - Tihange: Viele Risse, fehlende Unterlagen, kein Test

Tihange: Viele Risse, fehlende Unterlagen, kein Test

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
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Unterschiedliche Zahlen: In Berichten der belgischen Atomaufsicht FANC fällt auf, dass sich die Risse an bestimmten Stellen der Reaktordruckbehälter der Kernkraftwerke Tihange 2 in der Nähe von Lüttich und Doel 3 in der Nähe von Antwerpen stark häufen. Allerdings weichen die Zahlen in unterschiedlichen Berichten auch voneinander ab. Anti-Atomenergie-Aktivisten kritisieren die Berichte deshalb als fehlerhaft. Foto: dpa

Aachen. Von einem Kartenhaus, das am Ende in sich zusammenfallen wird, redet Jörg Schellenberg. Als Sprecher des Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomenergie muss er sich solch einfacher Bilder bedienen. Jeder versteht dann sofort, was gemeint ist.

Dabei ist das, worum es geht, gar kein einfaches Thema. Und Schellenberg und seine Mitstreiter haben es sich auch nicht einfach gemacht. Sie wollen nämlich nicht einfach nur behaupten, dass es unverantwortlich wäre, die derzeit abgeschalteten Atomkraftwerke Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen wieder in Betrieb zu nehmen. Sie wollen es begründen. Und das nicht nur mit allgemeinen Aussagen etwa über die Unbeherrschbarkeit von Kernenergie, sondern mit technischen Details. Die haben sie am Freitag der Öffentlichkeit präsentiert.

Seit im vergangenen Sommer bekannt geworden ist, dass in den Druckbehältern der beiden Reaktoren Tausende von Rissen sind, ringen der Betreiber Electrabel, die belgische Atomaufsicht FANC, die Verantwortlichen in der Politik und die Anti-Atomkraft-Aktivisten um die Antwort auf die Frage, ob die Kraftwerke weiter betrieben werden können.

Schellenberg und seine Mitstreiter haben sich in mühevoller Kleinarbeit durch etliche Berichte geackert, die die FANC seit der vergangenen Woche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Zur Unterstützung konnten die Aktivisten einen ausgewiesenen Experten gewinnen: Dieter Majer, bis 2011 Leiter des Bereichs „Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen“ im Bundesumweltministerium und damit ranghöchster Beamter der deutschen Atomaufsicht. In dieser Funktion war Majer unter anderem auch ab 2001 Entsandter für Deutschland bei der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA).

Einer der Hauptkritikpunkte, die die Aktivisten anführen, ist die ungeklärte Herkunft der Risse. Demnach nimmt der Betreiber Electrabel „in Ermangelung einer anderen Erklärung zu diesem Zeitpunkt“ an, dass es sich um einen Herstellungsfehler handelt. Schellenberg hält das für eine leere Behauptung. Er meint, man müsse vielmehr davon ausgehen, dass die Risse im Betrieb entstanden sind, bis das Gegenteil bewiesen ist. Denn bereits beim Bau des Kraftwerks habe es alle notwendigen Untersuchungsmethoden gegeben. Wenn es also bereits bei der Herstellung zu den Rissen gekommen wäre, hätten sie spätestens bei den finalen Tests vor Inbetriebnahme auffallen müssen.

Eine Dokumentation solcher Tests fehlt jedoch – ein weiterer Kritikpunkt der Aktivisten. Ebenso fehlen Unterlagen über wichtige Herstellungsschritte. Letztlich, erklärt Majer, müsse Electrabel eine vollständige Herstellungsdokumentation vorlegen. „Sonst dürfte es keine Betriebsgenehmigung geben.“ Majer sagt aber auch: „Ich vermute, dass diese Herstellungsdokumentation nicht vorhanden ist. Sonst hätte Electrabel sie längst vorgelegt.“ Sind die Unterlagen verlorengegangen? Sind sie gar zerstört worden? Es ist nicht klar, was damit passiert ist.

Unabhängig davon, wie die Risse entstanden sind, fehlen nach Angaben der Aktivisten jedoch auch Details zu ihren Eigenschaften. Wie verhalten sie sich im Betrieb? Wie genau sehen sie aus? Die FANC spricht stets von „Blasen“, bekannt ist aber nur die Länge (bis zu 2,4 Zentimeter), nicht aber die Dicke der Risse in der 20 Zentimeter starken Druckbehälterwand. Und dann bemüht Schellenberg etwas kompliziert das Flächenträgheitsmoment, um zu sagen, dass die Stabilität des Reaktordruckbehälters durch die Risse beeinträchtigt ist – so oder so. „Was man machen müsste, ist eine bruchmechanische Betrachtung“, ergänzt Majer. Also überprüfen, ob der Druckbehälter für heutige Störfälle ausgelegt ist. Auch ohne die dürfte es keine Genehmigung geben.

Ungeklärte Herkunft und Eigenschaft der Risse, fehlende Dokumente, nicht gemachte Tests und eine möglicherweise beeinträchtigte Stabilität des Reaktordruckbehälters. „Letztlich“, sagt Schellenberg, „fällt das Kartenhaus in sich zusammen.“

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