Tihange/Brüssel - Tihange und eine fragwürdige Abstimmung: Belgien ringt um die Energie

Tihange und eine fragwürdige Abstimmung: Belgien ringt um die Energie

Von: Madeleine Gullert
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Statt gegen Windmühlen kämpfen sie gegen das AKW Tihange: Anwohner wie Serge Fontaine (r.) haben Sicherheitsbedenken. Foto: M. Gullert

Tihange/Brüssel. Manchmal fühlt sich Serge Fontaine wie der Kolibri aus der Fabel, der als Einziger gegen ein Waldfeuer ankämpfen wollte. In seinem kleinen Schnabel transportierte der Vogel Wassertropfen für Wassertropfen – während die anderen Tiere nur erstarrt warteten.

„Wie der Kolibri leiste ich meinen kleinen Teil und gebe einfach mein Bestes im Kampf gegen Tihange“, sagt der Belgier, der nur 30 Kilometer von dem umstrittenen Atomkraftwerk entfernt wohnt. Gemeinsam mit zwölf Freunden hat er die, wie er es nennt, „kleinste Initiative gegen Tihange“ gegründet.

Ihnen wäre es am liebsten, Tihange würde so schnell wie möglich abgeschaltet. Wie sich die Belgier, die künftige Stromversorgung vorstellen, konnten sie bis vergangenen Sonntag im Netz angeben.

Nur im Netz zu klicken, reicht Fontaine aber nicht. Mit seiner Initiative „Colibris de l'environment“ nahm er an der Menschenkette im Juni teil, baute das AKW in Miniaturform als eine Art Mahnmal nach und stand schon in Aachen mit einem Transparent, mit dem er sich bei den Deutschen für ihr Engagement bedankte. „Aber der Kampf gegen Tihange wird in der Wallonie gewonnen, nicht in den Niederlanden oder in Deutschland“, sagt er anlässlich eines Treffens von Atomkraft-Gegnern in Tihange.

Die werden in Belgien zwar mehr, weil auch dort die Sicherheitsbedenken gegen die Meiler Tihange 2 und Doel 3 mit den Tausenden Wasserstoffflocken in den Reaktordruckbehältern größer werden. Die Deutschen seien aber viel weiter in der Energiefrage, sagt der belgische Atomkraft-Gegner Benoît Dupret. Doch ja, es ändere sich etwas.

Die Sorgen gehen zumindest so weit, dass der belgische Innenminister Jan Jambon im Oktober entschieden hat, dass alle Belgier Jodtabletten erhalten. Bislang bekamen nur Menschen im Umkreis von 30 Kilometern umsonst Jodtabletten, die im Falle eines nuklearen Unglücks vor Schilddrüsenkrebs schützen sollen. Nachdem in Deutschland und den Niederlanden Jodtabletten im Zuge der Sorgen vor Tihange und Doel verteilt werden, erhöhte sich der öffentliche Druck in Belgien. Der Verteilradius wird laut Medienberichten künftig auf 100 Kilometer erhöht, was de facto alle Belgier einschließt, weil das Land so klein ist.

Die Sorge vor den belgischen Atomkraftwerken sollte sich spätestens 2025 eigentlich erledigt haben. Für dann ist nämlich der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Doch abgesehen von diesem Beschluss ist noch nicht viel passiert. Eine Strategie für die Energieversorgung in dem Land fehlt noch völlig. Die belgische Energieministerin Marie-Christine Marghem hat deshalb im Rahmen des Energiepakts eine Volksbefragung gestartet, um den Atomausstieg vorzubereiten.

Seit 17. Oktober konnten alle rund elf Millionen Belgier an der nicht bindenden Volksbefragung teilnehmen – im Netz. Das hatte im Vorfeld für Ärger gesorgt. Der bekannte belgische Schauspieler Bouli Lanners, belgischer Schirmherr der Menschenketten gegen Tihange, der in diesem Monat eine eigene Anti-Atom-Initiative gründen will, kritisierte, dass etliche Menschen ausgeschlossen würden. Wer keinen Zugang zum Internet habe, könne sich nicht beteiligen. Außerdem monierten Umweltschutzorganisationen, dass die Befragung zu wenig beworben werde und deshalb kaum bekannt sei in der Bevölkerung.

„Ich bitte Sie! Wir leben im 21.Jahrhundert“, verteidigte Bernard van Hecke, Sprecher des belgischen Energieministeriums, den Modus der Befragung. Das Ergebnis sei zudem zufriedenstellend. Immerhin hätten 45.000 Belgier online abgestimmt. Es sei außerdem gar nicht so leicht gewesen, sich auf einen gemeinsamen Befragungsweg zu einigen, sagte Van hecke. Schließlich muss sich Marghem mit den drei regionalen Fachministern einigen.

Kritik hatte es auch an den Fragen gegeben. Der Fraktionschef der belgischen Grünen, Jean-Marc Nollet, sprach gegenüber unserer Zeitung von „Amateurhaftigkeit bei dieser falschen Befragung“. Die Fragen seien einseitig. Umweltschützer fürchteten gar, dass Belgien mit dem Ergebnis eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten begründen könnte.

Tatsächlich lautet die erste der 16 Fragen, wie wichtig Energiesicherheit sei und ob Menschen es in Kauf nehmen würden, dafür mehr Geld zu zahlen. „Sehr wichtig, ich kann keine Sekunde auf Strom verzichten, und ich bin auch bereit, dafür mehr zu zahlen“ ist eine Extremposition, die andere: „Nicht wichtig, der Strom darf ab und zu ausfallen, wenn dies billiger ist“.

In den vergangenen Wintern war häufig Sorge vor einem Blackout geschürt worden, unwahrscheinlich also, dass viele Befragte sich für diese Option entschieden haben. Mit Sicherheit lässt sich das erst in zwei Wochen sagen. „Wir werden die Antworten analysieren und zusammenfassen“, sagte Van Hecke. Das Ergebnis werde in die Strategie bezüglich des Energiemixes einfließen.

Damit auch ja nichts Falsches rauskommt, hatten Organisationen wie die „Fédération Inter-Environment“ Hilfestellungen im Netz gegeben, mit Tipps zum Ankreuzen. Sicher ist sicher.

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