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Tihange-Mitarbeiter gesperrt, Terroristen spähen Wissenschaftler aus

Von: Madeleine Gullert/dpa
Letzte Aktualisierung:
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Am Dienstag wurden die AKW teilweise evakuiert. Ab Mittwoch lief der Betrieb normal weiter. Foto: Jungmann

Lüttich/Brüssel. Mehrere Mitarbeiter des belgischen Atomkraftwerks Tihange bei Lüttich haben ihre Zugangsberechtigung für das Gelände verloren. Die Hintergründe sind unklar. Unterdessen wurde bekannt, dass die Brüsseler Terrorzelle atomare Anlagen in Belgien ausgespäht hat und einen Wissenschaftler per Video überwachte.

Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC bestätigte gegenüber unserer Zeitung, dass vier Mitarbeitern des Atomkraftwerks Tihange ihre Zugangsberechtigung verloren haben. Der belgische Rundfunk hatte zuvor berichtet, dass es sich um elf Personen handele.

Dass den Mitarbeitern der Zugang verwehrt wird, könnte in Zusammenhang mit der Festnahme Salah Abdeslams und dem Anschlag von Brüssel stehen, berichtete RTBF. Berg sagte. Es gebe unterschiedliche Gründe für diese Restriktionen. „Es heißt nicht, dass diese Menschen zwingend im Verdacht stehen, sich radikalisiert zu haben“, sagte Berg.

Jeder Mitarbeiter des AKW-Betreibers Electrabel erhält von der Nationalen Sicherheitsbehörde (Autorité Nationale de Sécurité) einen Sicherheitsbescheid (habilitation de sécurité). Nur mit diesem Bescheid dürfen Mitarbeiter in die gesicherten Zonen eines AKW, Zugang zu radioaktivem Material oder zu bestimmten Unterlagen erhalten. Die Berechtigung wurde den vier Mitarbeitern nun entzogen.

Das könne jederzeit passieren, erklärte Electrabel-Sprecherin Anne-Sophie Hugé. Dem Betreiber werde der Grund nie genannt. Die aktuellen Geschehnisse wollte Hugé aber nicht kommentieren. Nur so viel: Es gebe unterschiedliche Gründe für diese Restriktionen.

„Es heißt nicht, dass diese Menschen zwingend im Verdacht stehen, sich radikalisiert zu haben“, sagte auch FANC-Sprecher Sébastien Berg. Er widersprach zudem Medienberichten, wonach die Maßnahme mit der Festnahme des mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam in Zusammenhang steht. „Die Ermittlungen liefen schon seit einigen Wochen.“

Nach diesen Erkenntnissen und den Anschlägen von Brüssel werden die AKW und die  beiden anderen Nuklearanlagen in Belgien weiterhin streng von Soldaten und Polizei bewacht. Die Engie-Tochter Electrabel führt in Doel und Tihange zudem eigene Sicherheitskontrollen durch, wie Hugé sagte.

Terroristen hatten Nuklearwissenschaftler im Visier

Weitere beunruhigende Nachrichten gab es zu den Attentätern von Brüssel selbst. Laut der Tageszeitung „La Dernière Heure“ war das Brüderpaar, das sich am Dienstag in die Luft sprengte, an der Videoüberwachung eines Funktionärs der Nuklearindustrie beteiligt. Dass Atomanlagen ein mögliches Anschlagsziel der Terroristen waren, hat durch die Nähe des Kaftwerkes Tihange auch in der Region für Unruhe gesorgt.

Nach den Anschlägen in Brüssel waren die belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel teilweise evakuiert worden. Tihange liegt rund 65 Kilometer vor Aachen.

Die beiden Selbstmordattentäter Ibrahim und Khalid El Bakraoui wurden nach Informationen von „La Dernière Heure” als diejenigen Männer identifiziert, die eine heimlich vor dem Wohnhaus eines Wissenschaftlers angebrachte Überwachungskamera abmontierten.

Das Video zeigte den Tagesablauf eines hohen Verantwortlichen der belgischen Nuklearindustrie: Laut übereinstimmenden Medienberichten handelte es sich um eine zehnstündige Überwachung des Leiters des Studienzentrums für Kernenergie in Mol.

Bislang gilt als unklar, warum der belgische Nuklearspezialist ausspioniert wurde. Eine Theorie lautet, dass von ihm radioaktives Material für eine sogenannte schmutzigen Bombe erpresst werden sollte. Das belgische Nuklearforschungszentrum CEN in Mol ist einer der weltweit größten Hersteller von radioaktiven Isotopen für Krebstherapien.

Videomaterial „ziemlich heftig”

Die Wohnung, in der die verdächtigen Videoaufnahmen gefunden wurden, hatte ein Terrorverdächtiger mit dem Namen Mohamed Bakkali angemietet. Dieser war Ende November in Zusammenhang mit den Terroranschlägen von Paris in Belgien festgenommen worden und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. In der Wohnung in dem belgischen Ort Auvelais sollen auch Waffen und Sprengstoff gelagert worden sein.

Ein Sprecher der belgischen Atomaufsichtsbehörde AFCN hatte die Existenz der Überwachungsvideos am Mittwoch in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur als „ziemlich heftig” bezeichnet.

Seit vergangenem Freitag werden die AKW in Tihange und Doel, das Zentrum in Mol und das Institut für Radioelemente in Fleurus vom Militär bewacht. Nach den Anschlägen auf einen Flughafen und eine Metro-Station in Brüssel wurden am Dienstag außerdem die Sicherheitsvorkehrungen in den AKW Tihange und Doel verschärft: Mitarbeiter, die nicht für den Grundbetrieb der Meiler oder für die Sicherheit notwendig sind, waren abgezogen worden. Am Mittwoch lief der Betrieb normal an, am Eingang wurden aber weiter strenge Kontrollen durchgeführt.

Die Staatsanwaltschaft äußerte sich am Donnerstag zunächst nicht zu den laufenden Ermittlungen.

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