Tihange-Info-Broschüre: 24 Seiten für den atomaren Notfall

Von: Madeleine Gullert
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Tihange
In der Broschüre werden unter anderem Aufbau und Funktion von Kernkraftwerken und Eckdaten zum AKW Tihange, das bei Lüttich liegt, erklärt. Foto: dpa

Aachen. Am liebsten hätten die Verantwortlichen die Tihange-Broschüre nie gedruckt, sondern lieber den umstrittenen belgischen Atommeiler abgeschaltet. Doch der Riss-Reaktor Tihange 2 ist weiterhin am Netz, nun müssen die Kommunen in der Region damit leben und darauf reagieren.

Die 24 Din-A-4-Seiten starke Broschüre, die am Donnerstag auf der Euregio Wirtschaftsschau in Aachen vorgestellt wurde, ist Teil des Katastrophenschutz-Plans der Stadt und Städteregion Aachen, der Kreise Düren, Heinsberg und Euskirchen. Das NRW-Innenministerium hatte kürzlich das Okay gegeben, nun können die Broschüren ausgelegt und verteilt werden.

„Keine panische Stimmung“

„Wir wollen informieren, aber keine panische Stimmung erzeugen“, sagte Städteregionsrat Helmut Etschenberg. Es gehe darum, vorausschauend zu handeln. Etschenberg stellte die Broschüre vor, gemeinsam mit den Dezernenten aus den beteiligten Kommunen und allen voran Markus Kremer, Beigeordneter der Stadt Aachen und Vorsitzender der Koordinierungsgruppe der Kommunen, die unter anderem auch das Konzept zur Vorverteilung der Jodtabletten in unserer Region erarbeitet hat.

Auch die Broschüre hat er maßgeblich erarbeitet, „und ich muss sagen, dass sie wirklich sehr gut verständlich ist“, lobte Etschenberg. „Wir hoffen, dass wir alle Menschen abholen“, sagte Kremer. Simpel, aber fachlich akkurat, werden in der Broschüre unter anderem Aufbau und Funktion von Kernkraftwerken und Eckdaten zum AKW Tihange, das bei Lüttich liegt, erklärt.

Die Städteregion Aachen druckt in einer ersten Auflage 10.000 Exemplare, die auf der Messe verteilt werden sollen. Die Stadt Aachen druckt 15.000 Broschüren, die in öffentlichen Einrichtungen ausgelegt werden. So handhaben es auch die Kreise Heinsberg, Düren und Euskirchen. Außerdem ist die Broschüre auf den Internetpräsenzen der beteiligten Kommunen verfügbar.

Außerdem ist zu lesen, dass ständig an 21 Stellen Strahlenmessungen vorgenommen werden und dass die Gefahr einer äußeren Bestrahlung im Falle eines GAU durch die radioaktive Wolke und die einer inneren Bestrahlung etwa durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel droht. Die Broschüre klärt auch darüber auf, wie die Menschen im Falle eines GAU gewarnt werden und wie sie sich verhalten sollen. Nur im Notfall sollen die Menschen über das Handynetz telefonieren, um es nicht zu überlasten. Außerdem sollen die Notrufe auch wirklich nur im Notfall gewählt werden.

Dass im Falle eines Falles natürlich trotz aller Vorkehrungen Chaos eintreten würde, ist ziemlich sicher. „Eine Katastrophe können wir durch keine Planung ungeschehen machen“, sagte Kremer. Der Aufwand, den die Kommunen betreiben, müsse aber im Verhältnis zur Eintrittswahrscheinlichkeit eines atomaren Unglücks in Tihange stehen. In Aachen hatten die Linken beispielsweise gefordert, dass die Stadt für alle Hartz-IV-Empfänger den für den Katastrophenfall empfohlenen 14-Tage-Essensvorrat anlegt. Abgelehnt. Schließlich müssten die Vorräte immer ausgetauscht werden: Kosten in Millionenhöhe entstünden, die dann für anderes fehlten, erklärte Kremer. „Und wir machen schon viel mehr, als die Strahlenschutzkommission empfiehlt.“

Sicher, vieles haben die Kommunen in der Region schon geklärt, dass etwa ab Herbst die Jodtabletten, die vor Schilddrüsenkrebs schützen sollen, umsonst an die Haushalte verteilt werden können, andere Fragen bleiben aber noch offen. „Was die Schulen angeht, haben wir noch Aufgaben vor uns“, sagte Kremer ganz offen. Das gleiche gelte außerdem für Kitas, Altenheime und Krankenhäuser.

In vielen Schulen machen sich aber Eltern und Lehrer selbst Gedanken. Ziemlich weit ist beispielsweise die Grundschule Vaalserquartier in Aachen. Schulleiter Wilhelm Dewes hat in einer Schulleiter-Arbeitsgruppe einen Fragenkatalog zusammengestellt, den alle Schulleiter von Stadt und Städteregion Aachen erhalten haben. Er soll bei der Erstellung eines nuklearen Notfallplans an Schulen helfen. Für seine eigene Schule hat Dewes den ebenfalls erarbeitet. Geprobt haben die Grundschüler den Ernstfall auch schon – mit Einverständnis der Eltern. „Wir haben den Kindern erklärt, dass das eine Übung ist wie der regelmäßig geprobte Feueralarm, den sie schon kennen“, sagte Dewes. Unnötige Sorgen wolle er bei den Kindern vermeiden.

Behörden zurückhaltend

Bei einem GAU würden die Kinder in der Turnhalle betreut. „Sie sollen von den Eltern idealerweise innerhalb von 30 Minuten abgeholt werden, das haben wir auch geübt.“ An einem Eingang würden die Eltern vom Direktor empfangen, der die Kinder über schon angeschaffte Walkie-Talkie („weil das Netz sicher ausfällt“) aufrufen würde. Durch ein Raum, der als Schleuse dienen würde, kämen die Kinder im Schutzanzug zu den Eltern.

„Das funktioniert bei uns ganz gut, weil alle Gebäudeteile auch die Toiletten miteinander verbunden sind. An anderen Schulen wäre das komplizierter“, sagte Dewes. Trotzdem hat er noch einige Forderungen: Er würde die Jodtabletten gerne in der Schule verteilen, was zurzeit nicht vorgesehen ist, außerdem sollten Atemschutzmasken in der Schule zentral gelagert werden. „Aber leider sind verschiedene Behörden zuständig und klare Anweisungen fehlen bisher, sodass ich noch nicht weiß, was ich von meinen Mitarbeitern verlangen kann“, kritisierte er.

„Jodtabletten haben in der Schule nichts zu suchen“, sagte ein Sprecher der Bezirksregierung Köln auf Anfrage. Auch das Schulministerium pflichtet bei: Es gelte zu bedenken, dass für Lehrer im Dienst des Landes NRW weder eine beamtenrechtliche noch eine arbeitsvertragliche Verpflichtung besteht, Medikamente wie Jodtabletten an Schüler zu verteilen.

„Lehrkräfte sind auch nicht verpflichtet, die für die Vergabe der Jodtabletten erforderlichen Einverständniserklärungen der Eltern für ihre jeweiligen Kinder einzuholen und diese zu verwalten“, hieß es weiter aus dem NRW-Schulministerium. Wilhelm Drewes findet das ziemlich unbefriedigend. Nur für sich selbst hat er schon entschieden: „Im Falle des Falles passe ich hier auf, in meinem Alter macht mir das radioaktive Jod nicht mehr so viel aus.“

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