Tihange-Gegner: IHK nicht kritisch genug

Von: Madeleine Gullert
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Mit Schirmen und Plakaten protestierten am Donnerstag rund 90 Atomkraftgegner von dem Gebäude der Industrie- und Handelskammer Aachen (IHK). Sie finden, dass die IHK zu einseitig informiert.

Aachen. „Ist denn diese IHK nur für Strahlenbosse da?“ So lautete einer der Sprüche der rund 90 Demonstranten, die sich Donnerstagabend – ausgestattet mit gelben „Stop Tihange“-Schirmen und Plakaten – vor dem Gebäude der Industrie- und Handelskammer in Aachen versammelt hatten. Sogar aus Belgien waren Tihange-Gegner angereist.

Der harte Kern der Bewegung protestierte nicht nur grundsätzlich gegen den umstrittenen belgischen Atommeiler Tihange 2, sondern auch gegen das Unternehmerforum der IHK zu dem Thema. Der Vorwurf: Die IHK positioniere sich zu einseitig.

„Die IHK hat bislang nur Kernenergiebefürworter zu Wort kommen lassen“, kritisierte Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis für Atomenergie. Schellenberg räumte aber auch ein, dass die Kritik an der IHK nicht so leicht nachvollziehbar sei. Es gehe eben nicht nur um das Forum am Donnerstag, sondern die Geschichte zwischen der IHK und dem Tihange-Betreiber Engie-Electrabel.

Man könnte aber auch auf die Idee kommen, dass das Aktionsbündnis das Unternehmerforum schlichtweg als gute Gelegenheit für einen Protest nutzte. Und auch auf die Idee, dass die Atomkraft-Gegner pikiert sind, weil sie anders als bei ähnlichen Tihange-Foren Donnerstagabend nicht auf dem Podium vertreten waren.

„Das gleiche Ziel“

Man habe doch dasselbe Ziel wie die Atomkraft-Gegner, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Michael F. Bayer, als er die Unternehmer aus der Städteregion Aachen, den Kreisen Düren, Heinsberg und Euskirchen begrüßte. Es gehe um die Sicherheit der Region. Er persönlich begrüße Proteste, aber wenn die IHK als Stein des Anstoßes betrachtet werde, „halte ich das für eine äußerst abwegige Demonstration“.

„Die IHK und Engie-Electrabel setzen auf einen ,konstruktiven Austausch‘, sagte Thierry Saegeman, Chief Nuclear Officer bei Engie-Electrabel. Erst Ende Mai dieses Jahres hatten sich 22 Unternehmer aus dem Bezirk in Brüssel über Tihange informiert, weil sie sich Sorgen um die Zukunft ihres Standorts machten.

In einer Pressemitteilung hatte die IHK damals die Transparenz Engies gelobt. Die Tihange-Gegner monierten in diesem Zusammenhang, dass sich die IHK nicht kritisch genug äußere. Allerdings hatte die Vollversammlung der IHK sich schon im Januar in einer Resolution für eine Sanierung von Tihange 2 ausgesprochen. Bis dahin solle der Reaktor abgeschaltet werden, so die Forderung der Unternehmer.

„Restrisiken ausgeklammert“

Und auch Donnerstagabend war ein dezidierter Tihange-Kritiker eingeladen. Professor Wolfgang Renneberg vom Büro für Atomsicherheit aus Bonn, der für die Städteregion Aachen eine Studie für den Fall eines GAU erstellt hat. Er kritisierte, dass in dem Diskurs die Restrisiken ausgeklammert würden. Der Betreiber betone zwar, was er mache, aber die offenen Fragen würden ausgeklammert. Außerdem hätte es nie eine Genehmigung für die Reaktordruckbehälter mit den Fehlstellen geben dürfen.

Engie-Vertreter Saegeman sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass ihn die Sorge der Menschen in der Region überrasche. Doch gerade angesichts der Ängste sei es wichtig, transparent zu sein. „Es gibt kein Kraftwerk ohne Risiko“, sagte Saegeman in seinem Vortrag. „Aber wir haben nichts zu verstecken.“ Man investiere jährlich 200 Millionen Euro in die sieben belgischen Atommeiler in Tihange und Doel. Sie seien sicher, ja auch Tihange 2 und Doel 3, in deren Reaktordruckbehältern sich Tausende Haarrisse befinden. Das Unternehmen sei außerdem auf Angriffe von außen vorbereitet: Es gebe rund um die AKW Zäune, Kameras, Metalldetektoren, und 120 Wachleute und Soldaten schützten die Standorte.

Irrationale Sorgen?

Auch Jan Bens, Chef der belgischen Atomaufsichtsbehörde Fanc (Federaal Agentschap voor Nucleaire Controle), gab einen kurzen Überblick über die Geschichte der Wasserstoffeinschlüsse, die 2012 gefunden wurden, die Anforderungen, die Engie erfüllen musste für das Wiederanfahren der Meiler und die Ultraschall-Untersuchungen.

Bens betonte, dass Tihange 2 und Doel 3, die strenger als andere Meiler überwacht würden, sicher seien. „Ich habe Angst vor Schlangen. Das ist irrational, aber so ist es“, bemühte er sein Beispiel, das er stets nutzt, um die Sorge der Tihange-Gegner als irrational darzustellen. Bens als Techniker müsse aber rational sein, und rational betrachtet gebe es keinen Anlass, Tihange 2 und Doel 3 abzuschalten. Es waren die üblichen Argumente von belgischer Seite.

Kai Weidenbrück vom Bundesumweltministerium relativierte diese Einschätzung etwas. Deutsche Experten könnten die Sicherheit der Meiler nicht bewerten, weil ihnen zu wenige Informationen zur Verfügung stünden. Man habe allerdings die Plausibilität des Vorgehens auf belgischer Seite nachvollzogen. Es sei plausibel, dass im Betrieb keine Kraft auf die Wasserstoffflocken wirke. „Aber was bis heute nicht nachvollziehbar ist, ist die Argumentation von Engie, was einen Störfall angeht“, sagte Kai Weidenbrück. Und so bleibt wohl bei vielen schlichtweg Unsicherheit.

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