Tihange-Diskussion: Viele kleine Riss-Experten in der Region

Von: Madeleine Gullert
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Über die Gefahr von Tihange diskutierten Wilfried Duisberg vom IPPNW (v. l.), der Aachener Beigeordnete Markus Kremer, Städteregionsrat Helmut Etschenberg (CDU), Moderator Christian Rein, die EU-Abgeordnete Sabine Verheyen (Aachen) und Jörg Schellenberg vom Aktionsbündnis gegen Atomenergie Foto: Andreas Steindl

Aachen. Um beim Thema Tihange etwas zu erreichen, müsse man auch mal etwas Ungehorsam proben. Da ist sich Städteregionsrat Helmut Etschenberg (CDU) sicher. Ohne das stetige Aufbegehren auch gegen bürokratische Hürden, wäre man in der Region beispielsweise was die Vorverteilung der Jodtabletten angeht, nicht so weit gekommen.

Ungehorsam zeigte Etschenberg dann auch am Freitagabend bei einer Podiumsdiskussion der Bischöflichen Akademie in Aachen, in der es um den umstrittenen belgischen Pannenmeiler ging. „Ich halte die CDU für ok“, sagt er über seine eigene Partei. „Ich bin trotzdem enttäuscht von der Kanzlerin. Sie könnte zumindest etwas Betroffenheit zeigen oder das Thema mal als ein Thema erkennen“, sagte Etschenberg. Und auch die Aachener Europa-Parlamentarierin Sabine Verheyen (CDU) würde sich mehr Einsatz von mit ihrer Parteichefin Angela Merkel erhoffen.

Das Thema Tihange führt in unserer Region zu einem Aufbegehren, wie es Merkel wohl sonst innerparteilich nur in der Flüchtlingsfrage kennt. Und während die Flüchtlingsdebatte den Begriff des Wutbürgers hervorgebracht hat, könnte man bei Tihange vielleicht eher vom Betroffenheitsbürger sprechen.

Nicht wenige der rund 200 Gäste der Diskussion sind besorgt, quälen sich mit Fragen und fühlen sich dabei fast selbst als Atom-Experten. Das spürt man besonders in der Fragerunde, in der so manch ein Redner minutenlang aus Studien über die Risse in den Reaktordruckbehältern zitiert, über die Frage, ob jetzt „lecken oder bersten“ der richtige Terminus sei.

Nicht selten muss Moderator Christian Rein, Redakteur unserer Zeitung, die Gäste ermahnen, doch den Experten bitte eine Frage zu stellen. Und auch Etschenberg sagt irgendwann, dass das Dozieren über die Theorien, wann die Risse in den Reaktordruckbehältern von Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen entstanden sind, jetzt nicht weiter führt. Beim Katastrophenschutz könne man etwas tun.

Der Aachener Beigeordnete für Katastrophenschutz, Markus Kremer, erklärte unter anderem, dass am 23.März eine Informationsbroschüre veröffentlicht wird, in der es auch um die Einnahme der Jodtabletten geht.

Zu diesem Bereich klärte Wilfried Duisberg, Arzt aus Aachen und Mitglied der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs IPPNW), noch einmal auf: warum es die Jodtabletten, die Schilddrüsenkrebs verhindern sollen, nur für Menschen bis 45Jahren gibt. Ein paar Menschen in der Schulaula lachen. Es ist die typische Reaktion, wenn es um die Altersgrenze geht. Ich bin es denen wohl nicht mehr wert, ist der Gedanke, der dahintersteckt.

„Machen Sie sich doch ihr eigenes Jodtablettenprogramm“, gab Duisberg all jenen als Tipp. Denn natürlich sei die Grenze 45 festgelegt, weil man dann „eben schon ein bisschen alt ist und dann die Jodtabletten schaden können“. Jedem stehe aber frei, einen Termin beim Hausarzt zu machen, zu checken, ob die eigene Schilddrüse noch intakt ist – und dann sei es auch älteren Menschen möglich, Jodtabletten ohne Gefahren im Falle eines atomaren Unfalls zu nehmen.

Auf dem Podium wird über Atemschutzmasken, die man in der Region bald anschaffen will, Notfallpläne an Schulen für den GAU und die politische Möglichkeiten gesprochen. Nichts, was man nicht schon gehört hätte, und das gilt sicher auch für die Zuschauer. Diese kleinen Riss-Experten, gern Physiker oder Ingenieure, sind nach dem Vortrag sicher nicht schlauer als vorher. Vielleicht befördert die Hilflosigkeit – denn Belgien denkt gar nicht daran, die Meiler vom Netz zu nehmen – einfach das Bedürfnis, sich auszutauschen.

Was bleibt also? Die Möglichkeit, zu protestieren. Dazu rief auch Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie noch einmal vehement auf. „Sie müssen sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzen und sich engagieren“, forderte er. Die nächste Gelegenheit sei die vom Aktionsbündnis geplante Menschenkette gegen den Betrieb von Tihange im Juni.

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