Tihange 2 und das deutsch-belgische Missverständnis

Von: Madeleine Gullert
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Sorgt für Aufregung: Umweltministerin Barbara Hendricks. Foto: dpa

Aachen/Brüssel. Die Verantwortlichen bei der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC sind am Mittwochmorgen mehr als überrascht gewesen. „Wir sind nicht glücklich darüber, dass die deutsche Umweltministerin unsere Arbeit diskreditiert“, sagte FANC-Sprecher Sébastien Berg im Gespräch mit unserer Zeitung. Barbara Hendricks (SPD) forderte am Morgen eine vorübergehende Abschaltung der umstrittenen Meiler Tihange 2 und Doel 3. Berg: „Das weisen wir zurück.“

In weiteren Untersuchungen müssten nun Sicherheitsbedenken der deutschen Experten ausgeräumt werden, hieß es vom Umweltministerium. Man habe sich bei einem Treffen Anfang April in Brüssel mit der FANC auf neue Untersuchungen geeinigt, sagte Staatssekretär Jochen Flasbarth am Mittwoch.

Die Experten der Reaktorsicherheitskommission (RSK) regten nicht nur analytische, sondern auch experimentelle Tests an. Flasbarth erklärte am Mittwoch, dass man in den USA Versuche bezüglich der Materialsicherheit an einem stillgelegten Reaktor durchführen könnte. Die FANC und die amerikanischen Atomaufsicht seien bereits in Kontakt getreten.

FANC will Grundlagenforschung

Die Frage hinter allem: Wie sicher und stabil sind die Reaktordruckbehälter, in denen es Tausende Risse oder Wasserstoffflocken gibt, bei einem Störfall? Für die Dauer der Tests, die laut Flasbarth natürlich die FANC vornimmt, müssten die Atommeiler vom Netz. Es gebe Unsicherheiten in dem Rechenmodell. Da man den Reaktordruckbehälter nicht aufschneiden kann, um ihn zu untersuchen, wird die Stabilität stets errechnet. Flasbarth: „Wir stimmen überein, dass Tests notwendig sind.“

Blöd nur, dass die FANC von dieser Vereinbarung überhaupt nichts weiß. Ja, man habe über Untersuchungen gesprochen, aber nicht im Zusammenhang mit Tihange 2 und Doel 3. Das berichtet FANC-Sprecher Berg von dem Treffen vor zwei Wochen.

Es habe lediglich erste Überlegungen gegeben, Grundlagenforschung zu betreiben. Als Partner in einem internationalen Projekt habe sich die FANC das durchaus vorstellen können. „Wir wollen die Wissenschaft immer voranbringen“, sagt Berg. Dass die Bundesregierung diese beiden Komplexe nun vermische, sei sehr ärgerlich.

Überhaupt wundere man sich über das Verhalten. Schließlich sei man den Deutschen immer entgegengekommen, habe alle Untersuchungen offengelegt und „die vielen Fragen der Deutschen“ beantwortet. Tatsächlich lobte auch das Bundesumweltministerium die Zusammenarbeit mit den Belgiern. Man hinterfrage auch das Vorgehen der FANC nicht. Die Atomaufsichtsbehörde sieht aber nicht nur seine, sondern auch die Arbeit der internationalen Wissenschaftler diskreditiert. Ihre wissenschaftliche Bewertung hatte den Ausschlag für das Wiederanfahren der beiden Meiler im November gegeben.

„Wir führen eine wissenschaftliche Debatte“, betonte Berg. Und die Gespräche mit den Experten der RSK seien sehr konstruktiv gewesen. Mit dem Umweltministerium habe man aber Probleme: „Hendricks führt eine politische, eine ideologische Debatte. Dafür sind wir nicht der richtige Ansprechpartner“, sagte Berg. Und vielleicht dachte sich das Hendricks auch und wandte sich deshalb mit ihrer Bitte an den belgischen Innenminister.

Die Klagen der Städteregion Aachen wollte das Bundesumweltministerium nicht bewerten. „Das ist nicht der Weg, den wir gehen wollen“, sagte Flasbarth. Es sei verständlich, dass die Bürger das von ihren ortsnahen Politikern erwarten. „Wir aber setzen auf Kooperation.“ Fraglich, ob dieses Ansinnen in Belgien jetzt noch ankommt.

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