Düren - Tierquälerei-Vorwürfe gegen Schlachthof: Erste Konsequenzen

Tierquälerei-Vorwürfe gegen Schlachthof: Erste Konsequenzen

Von: pa/cro
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bolzenschussgerät
Szene aus dem von den Tierschützern vorgelegten Material: Ein Mitarbeiter setzt das Bolzenschutzgerät auf der Stirn einer Kuh an. Foto: Philipp Hörmann/SOKO Tierschutz
Schlachthof Düren
Der Schlachthof gab am Mittwoch bekannt, künftig sollten weniger Tiere geschlachtet werden, um potenzielle Schlampereien zu unterbinden. Foto: Franz Sistemich

Düren. Es ist ein Zufallsfund. Der Schlachthof Düren ist bislang nicht in Verruf geraten. Aber weil der Betrieb gerade Leute suchte, hat die „Soko Tierschutz“ dort im Oktober und November zwei Mitarbeiter als Metzger eingeschleust. Philipp Hörmann und ein weiterer Kollege, der anonym bleiben will, haben insgesamt nur sechs Tage auf dem Schlachthof Frenken gearbeitet und davon nur wenige Stunden im eigentlichen Schlachtbereich.

Die Bilder, die sie in dieser Zeit heimlich aufgenommen haben, sind nur schwer zu ertragen. Der Beitrag  lief am Dienstagabend bei „Report München“ in der ARD, die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Geschichte unter dem Titel „Stirb langsam“ Mittwoch veröffentlicht. Hörmann gibt an, dass die grausamsten Bilder sogar noch zurückgehalten wurden.

„Wir haben es noch nie erlebt, dass wir innerhalb so kurzer Zeit so unglaublich viele gesetzliche Verstöße, solche Quälereien, eine solche Inkompetenz und ein solches Hygienechaos dokumentiert wurden“, sagt Friedrich Mülln von der „Soko Tierschutz“. „Diese Zustände sind Alltag, obwohl der Schlachthof sogar die Bio-Zulassung hat und über ein bis zu sechsköpfiges Veterinärteam verfügt.“

Er hat den gemeinnützigen Verein vor vier Jahren gegründet, heute ist er der Geschäftsführer der „Soko Tierschutz“, die sich ausschließlich über Spenden finanziert. Die mehrfach ausgezeichnete Gruppe deckt nicht zum ersten Mal Missstände auf, zum sechsten Mal ermittelt die Gruppe verdeckt. Vor ein paar Monaten hat ein Schlachthof in Süddeutschland nach einer Undercover-Reportage schließen müssen. Mülln sagt, dass man die Täter anprangern wolle. Täter in seiner Definition sind aber „vor allem die Konsumenten, die erfahren sollen, welches Leid die Tiere ertragen müssen“.

In Düren wurden die beiden neuen Mitarbeiter nach eigener Auskunft nicht mal nach dem Nachnamen gefragt. Auch Gesundheitszeugnisse waren nicht erforderlich. Die Einarbeitung sei unerwartet schnell verlaufen. „Ich hätte schon nach einem Tag Tiere schießen dürfen“, sagt Hörmann, der darauf verzichtet hat. Der 34-Jährige ist gelernter Metzger, nachweisen musste er das nicht.

Hörmann hat umgeschult, ist nun Berufsfeuerwehrmann und Rettungssanitäter. Tiere will er nicht mehr töten, er kann sie auch nicht mehr essen. „Diese Arbeit ist schwer zu ertragen“, sagt er nach den vier Tagen in Düren. „Die Bilder lassen einen nicht mehr los. Unsere Mission ist es, die Leute aufzuwecken.“ Hörmann will auch aufräumen mit dem Irrglauben, dass es in einem bio-zertifizierten Hof tierfreundlicher zugehe. „Es gibt hinter diesen Mauern kein humanes Sterben.“

Es stank nach Schweiß

Hörmann weiß, wie Tiere getötet werden, er ist vorbereitet. Was er dann am ersten Tag erlebt, übersteigert seine Vorstellung. Seine Aufnahmen zeigen Bullen und abgemagerte Milchkühe, die wohl erst nach einigen Fehlschüssen in den Kopf betäubt wirken. Einige Tiere reagieren in dem Moment, als ihnen ein Schlachter das Messer zum Todesstich in die Brust rammt. Tiere erwachen blutend auf dem Schlachtband, immer wieder versagt der Bolzenschuss, Falltore werden krachend auf Rinderrücken geschlagen. 

Hörmann sagt, er erinnere sich noch an den Geruch. Es stank nach Exkrementen und Schweiß der gestressten Tiere. Ein Mitarbeiter hätte die Schweine in die Schlachthalle in einen schmalen Gang getrieben, wer stehenblieb, wurde getreten. Sie wurden in eine Betäubungsbox geschoben, wo ein Mitarbeiter mit einer Art Schere Strom durch das Gehirn jagte. Die Tiere fielen stocksteif auf den Boden.

Ein paar Meter wurden die Schweine mit den Beinen am Schlachtband hochgezogen, sie sollten zuvor durch einen Messerstich getötet worden sein. „Da beginnt die Fehlerkette, weil bei manchem Halsstich zu wenig Blut austrat.“ Hörmann sah nach eigenen Angaben dutzende Male, wie zuckende Tiere in der Luft um ihr Leben kämpften. Erlöst wurde es nicht, sie fuhren minutenlang strampelnd in Richtung Brühbad, wo ihm die Borsten weggebrüht wurden, beschreibt der Tierschützer. 

„Dieses Schlachtsystem versagt an sich selbst, nicht nur bei dramatische Fehlern durch das  Personal, sondern allein schon durch die maximale Ausbeutung der Ware Tier“, reklamiert Mülln. In Düren beobachteten seine eingeschleusten Leute, dass das Tier von Leuten ohne Kompetenz getötet wurden. Der nicht genannte Ermittler hätten schon nach kurzer Zeit den Entblutungsstich ohne jeden Sachkundenachweis ansetzen dürfen.

Bei der Schlachtung muss ein amtlicher Tierarzt aufpassen, so schreibt es das Gesetz vor. In Düren wären dagegen manchmal nur Studenten der Veterinärmedizin vor Ort gewesen, sagt Mülln, was die Behörde dementiert. „Es ist nicht gut, wenn regionale Behörden, regionale Betriebe kontrollieren. Es entsteht manchmal ein merkwürdiger Corpsgeist“, findet Mülln.

Strafanzeigen gestellt

Sein Tierschutzverein hat Mittwoch bei der Staatsanwaltschaft Aachen Strafanzeigen gegen den Eigentümer des Betriebs, den Leiter der  Schlachterkolonne und dessen Vorarbeiter (Subunternehmer) sowie das Kreisveterinäramt Düren wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz und mögliche Strafvereitelung im Amt gestellt. Mülln sagt, dass er sowohl der Staatsanwaltschaft als auch dem Veterinäramt das Bildmaterial zur Beurteilung überlassen werde.

Der Dürener Schlachthof und das Veterinärsamt des Kreises Düren ziehen ebenfalls erste Konsequenzen. Unter anderem teilte die Firma Frenken am Mittwoch mit, dass es dem beauftragten Subunternehmen, das in Düren geschlachtet hat, umgehend gekündigt habe. 

Das Subunternehmen, die Rudolf Wingels GmbH aus Olzheim, war am Mittwoch nicht zu erreichen. Zudem setze Frenken ab sofort auf eine externe Firma, die „sämtliche Betäubungseinschüsse der Rinderköpfe kontrollieren und fotografisch protokollieren werde“, heißt es in einer Stellungnahme. Es sollen künftig auch weniger Tiere geschlachtet werden, um mögliche Schlampereien zu unterbinden: 25 anstatt 35 Tiere pro Stunde.

Überwacht werden die internen Schlachtkontrollen vom Veterinäramt des Kreises Düren, dem die Soko „Untätigkeit“ vorwirft. Jeden Tag sei einer von vier Tierärzten vor Ort, hinzukommen in der Regel drei Fleischkontrolleure, sagt Mounira Bishara-Rizk. Für die Leiterin des Amtes für Veterinärwesen und Verbraucherschutz des Kreises Düren kommen die Vorwürfe überraschend. „Es ist das erste Mal, dass wir von so etwas hören, und das schockiert uns natürlich.“

Bishara-Rizk betont, dass die amtliche Dokumentation bislang „ein anderes Bild des Unternehmens“ zeige. Das Amt werde nicht nur allen Vorwürfen nachgehen, sondern auch ab sofort mehr als gesetzlich gefordert tun.  Bislang haben die Amtsvertreter nur stichprobenartig kontrolliert, in allen Bereichen des Schlachthofes. „Und wir haben auch kein Recht auf eine verdeckte Ermittlung. Wir gehen davon aus, dass alles richtig läuft, wenn unsere Mitarbeiter danebenstehen.“

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