Tierquälerei oder Pflegemangel? Händler vor Gericht

Von: Christoph Pauli
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Der Angeklagte und sein Anwalt: Dieter B. (rechts) wird vor dem Amtsgericht von Hans-Joachim Poick vertreten. Foto: Christoph Pauli

Monschau. Staatsanwalt Dennis Bäcker legt das Tierschutzgesetz auf seinen Arbeitsplatz. Denn darum geht es hier am Amtsgericht Monschau an vorerst drei Verhandlungstagen. Der Anklagevertreter listet 135 Verstöße gegen das Gesetz auf. Fast 30 Minuten geht er noch einmal virtuell über das Gelände eines 52 Jahre alten Mannes, von Raum zu Raum, von Box zu Box.

Der Tierhändler ist einschlägig bekannt. Am 12. April letzten Jahres tauchten Veterinäre auf seinem Anwesen in Monschau-Mützenich mit einem Durchsuchungsbefehl auf. Sie stuften die Zustände als „katastrophal“ für die Pferde, Esel, Schildkröten, Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen, Hunde oder Zebus ein. Tiere standen im eigenen Kot, ohne Wasser, die Hufe zu lang gewachsen, Wunden waren nicht behandelt, viele Stallungen waren zu eng und so dunkel, dass die Tierärzte fast ein Pony übersahen.

Der Ernährungszustand vieler Tiere war miserabel, verschiedene Krankheiten wurden festgestellt. Bei manchen Tieren war es schon zu Haltungsschäden gekommen. Die Zustände waren so schlecht, dass 82 Tiere abtransportiert wurden. Die Behörde sprach ein „Haltungs-, Betreuungs- und Umgangsverbot mit Tieren jeglicher Art und Rasse“ aus, der polizeibekannte Tierhändler darf keinerlei Kontakt mehr zu Tieren haben.

Später bestätigte das Verwaltungsgericht das unbefristete Verbot. Viele der Tiere seien „über einen langen Zeitraum derart mangelhaft ernährt, tierschutzwidrig untergebracht und tierärztlich versorgt worden“, dass ihnen „erhebliche Schmerzen, Leiden und Schäden zugefügt wurden“, heißt es im Urteil.

Im September 2016 schauten die Veterinäre noch einmal bei dem Tierhändler vorbei, und trotz des Verbots entdeckten sie wieder 53 Tiere, teilweise erneut wieder in einem sehr bedenklichen Zustand.

Vor dem Amtsgericht geht es nun um die strafrechtliche Komponente des Vorgangs. Das Gesetz sieht einen Strafrahmen von einer Geldstrafe bis hin zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren vor. Die Hürde ist hoch. Vor Gericht muss Staatsanwalt Bäcker den Nachweis erbringen, dass den Tieren über eine längere Zeit „erhebliche Schmerzen und Leid“ zugefügt worden sind, so dass die „Erheblichkeitsschwelle“ zur Tierquälerei überschritten wurde. Liegt nur ein Pflegemangel oder deutlich mehr vor? Das Problem in diesem Verfahren ist, dass die Veterinäre nur einen punktuellen Einblick bekommen haben, wie die Tiere untergebracht wurden.

Neben Dieter B. ist auch seine Lebensgefährtin Janine M. angeklagt. Die 29-Jährige ist gesundheitlich angeschlagen. Die vierfache Mutter sieht für die Beziehung – im Gegensatz zu ihrem 52-jährigen Partner – keine große Zukunft, obwohl die beiden erst vor ein paar Monaten gemeinsam Eltern wurden, teilte ihr Anwalt Gunnar Kleffmann mit. „Ihr Problem ist, dass sie aus der Sache nicht herausfindet. Sie hat die Augen verschlossen vor manchen Dingen“, sagt ihr Verteidiger. Zwischen den Partnern gab es offenbar eine Aufteilung, wer sich um welche Tiere kümmern sollte. „Zum Stall hatte sie keinen Zugang“, sagt Kleffmann.

Ihr Lebensgefährte bestätigte die Aussage. „Er übernimmt die Verantwortung für die Equiden“, teilt sein Anwalt Hans-Joachim Poick mit. Der Zustand der Esel und Pferde macht wohl den wichtigsten Teil der Anklageschrift aus. Und weil die Tiere schlecht in den Zeugenstand können, ist es ein Indizienprozess. Veterinäre treten als Sachverständige auf. Sie müssen dem Gericht schildern, wie groß das Leid der Tiere war, als der Hof zwei Mal durchsucht wurde.

Richterin Britta Güldenberg zeigt dutzende Bilder, die bei der zweiten Tierhaltungskontrolle gemacht wurden, als doch wieder Tiere angetroffen wurden. Die eingesetzte Tierärztin, auf deren Berichten weitgehend auch die Anklage fußt, sprach erneut von einem „desolaten Gesamteindruck“. Aber auch sie konnte sich nicht festlegen, wie lange die Tiere in den Boxen waren, wann sie zuletzt bewegt oder gefüttert wurden oder wie alt die festgestellten Erkrankungen und Verletzungen waren. Der Angeklagte behauptete, dass einige Tiere erst ein paar Tage zuvor bei ihm untergebracht wurden, anderen seien gar nicht in seinem Besitz.

Gegen den Tierhändler war bereits im Januar 2005 ein Verbot zum gewerbsmäßigen Pferde- und Viehhandel verhängt worden, das immer noch in Kraft ist. Doch in der Ordnungsverfügung des Veterinäramtes vom 6. Mai 2016 heißt es: „Die Anzahl der bei Ihnen vorgefundenen Pferde übersteigt das Maß einer privaten Pferdehaltung um ein Vielfaches und bestätigt den Verdacht, dass Sie entgegen des bestehenden Handelsverbotes weiterhin Pferde an- und verkaufen.“

Als Sachverständige wird eine Tierärztin aus Kerpen gehört. Sie berichtet, dass zum Beispiel das Geflügel oder Kaninchen wegen der nicht artgerechten Unterbringung „erheblichem Stress“ ausgesetzt waren. Alle Tiere seien über einen langen Zeitraum unterversorgt gewesen, vermutet sie. Nach ihrem Eindruck seien einige Pferde „erheblichen Schmerzen“ ausgesetzt, ein Besuch beim Tierarzt sei zwingend gewesen. Die Ärztin kritisierte, wie die Vierbeiner angeleint wurden in den häufig dunklen Boxen. Fortgesetzt wird der Prozess am 25. September.

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