Thränhardt-Brüder sind auf dem Weg zurück ins Leben

Von: Christoph Pauli
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Ein Leben für den Sport, geprägt von Leidenschaft und Ehrgeiz: Carlo Thränhardt in seiner aktiven Zeit als Hochspringer 1982 im Dress des ASV Köln, ... Foto: imago/Sven Simon
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... und in seiner heutigen Rolle als Mental- und Fitnessprofi des deutschen Tennis-Daviscup-Teams. Foto: imago/Hübner

Aachen/München. Seinen größten Sieg hat er vor ein paar Monaten gefeiert: Im März musste sich Carlo Thränhardt einer Notoperation unterziehen. „Ich hatte ein neun Zentimeter breites Aneurysma an meiner Herz-Hauptschlagader. Ein erweitertes Blutgefäß, das kurz davor war zu platzen.“ Der Deutsche Hochsprung-Hallenrekordler weiß, dass er viel Glück hatte, er war in Lebensgefahr, als er die Diag­nose bei einer Routineuntersuchung erhielt.

„Ab jetzt feiere ich jeden Tag meinen Geburtstag“, hat der ehemalige Leistungssportler festgehalten, der sich inzwischen gut erholt hat. Am Mittwoch ist ein guter Tag dafür, denn der wiedergenesene Thränhardt wird 60 Jahre alt.

Mit Frau Constanze und dem gemeinsamen Sohn Dion wohnt Thränhardt in München, zu den ersten telefonischen Gratulanten wird seine Mutter Rosemarie am Mittwochmorgen gehören. Die freundliche Frau lebt immer noch im Simmerather Ortsteil Rollesbroich. Die Familie verließ schon vor dem Mauerbau Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt), siedelte sich in der Nordeifel an, wo Carlo von 1972 bis 1980 seine Jugend verbrachte.

Rosemarie Thränhardt hat bange Monate hinter sich. Ein paar Wochen nach Carlo erkrankte auch ihr anderer Sohn Bernd ernsthaft. „Ich habe einen schweren Hirnstamminfarkt erlitten“, sagt der 61-Jährige, der gerade in Marmagen in der Reha ist. „Dass beide Söhne innerhalb kurzer Zeit so schwer krank werden, ist eine seltsame Ironie des Lebens“, sagt die Mutter. Zwei Menschen, die seit vielen Jahren sehr bewusst leben, geraten in Lebensgefahr.

Die Brüder telefonieren nahezu täglich. Es gibt viel zu besprechen über das Leben, das völlig unerwartete Wendungen genommen hat. Sie können sich am Geburtstag nicht sehen, die Reha geht vor. Bernd macht wieder die ersten Schritte – im Wortsinn – zurück in die Normalität. Es gab viele düstere Momente auf der Intensivstation, das verschweigt er nicht. „Aber es gibt kein Selbstmitleid, es geht immer darum, sich positiv den Dingen zu stellen.“

Der Ehrgeiz verbindet die Thränhardt-Brüder. Carlo hat eine imposante Sportlerkarriere hinter sich, Filmemacher Bernd hat mit viel Energie seine Alkoholsucht schon vor vielen Jahren besiegt. Jetzt kämpfen die Männer wieder täglich stundenlang um die Rückkehr in den Alltag. Bernd will in ein paar Tagen zur Media-Nacht beim CHIO-Reitturnier kommen. Es gibt neue Herausforderungen, denen sich die Brüder gerade stellen.

„Carlo ist ein sehr leidenschaftlicher Mensch. Wenn er sich ein Ziel setzt, verfolgt er es nahezu besessen“, sagt sein älterer Bruder. Der Sportler wurde zum Überflieger. Er ist ein Autodidakt, hat an seiner Technik immer wieder gefeilt. Der Sport hatte das Ziel, dem Leben durch Leistung „Sinn“ zu verschaffen. Nach einer eher lustlos abgeschlossenen Kaufmannslehre wurde der Leistungssport zum Korsett: „Also ehrlich, ich hatte damals echt null Bock auf nix; alles war mir scheißegal“; der Sport war eine Entscheidung „gegen die Öde“, hat er dem Spiegel vor vielen Jahren diktiert.

Am 26. Februar 1988 in Berlin segelte er über 2,42 Meter – Hallen-Weltrekord! Und bis heute Europarekord und die zweitbeste Höhe unterm Dach hinter Javier Sotomayors Weltrekord von 2,43. Die deutsche Freiluft-Bestenliste führt Thränhardt mit 2,37 Metern immer noch an – einen Zentimeter vor den Olympiasiegern Dietmar Mögenburg und Gerd Wessig und Ex-Weltmeister Martin Buß. „Wir Hochspringer waren alle Individualisten und liefen immer so ein bisschen außerhalb der Leichtathletik“, sagt er.

Die Grundlage für den sportlichen Erfolg wurde in Rollesbroich gelegt. Der Bewegungsdrang der beiden Jungen wurde früh gefördert. „Belohnungen hatten immer etwas mit Sport zu tun“, erinnert sich die Mutter. „Es gab Bälle, Turnschuhe, Boxhandschuhe oder auch Matten für den Hochsprung im Garten.“ Vater Fritz veranstaltete mit den Söhnen kleine „Olympische Spiele“. „Die Siegerehrung gab es immer für uns beide“, erinnert sich Bernd. In Rollesbroich muss es dann auch irgendwann passiert sein. „Vermutlich sind wir beide in einen riesiges Milchfass gefallen“, grinst Bernd. An Energie mangelt es den Thränhardts seitdem nicht mehr. Carlo wollte sich zum besten deutschen Hochspringer entwickeln. „Um außergewöhnlich gut zu werden, musst du außergewöhnliche Dinge tun.“

Heute ist der 60-Jährige Mental- und Fitnesscoach, auch für die Tennisprofis des deutschen Daviscup-Teams. Der Hochsprung-Elan ist nach 25-jähriger Pause zurückgekehrt. Im August will er im Rahmenprogramm des Traditionsmeetings von Eberstadt die 1,81 Meter knacken – den Alters-Weltrekord M60. „Er ist einfach zu niedrig“, sagt Thränhardt, der auch Weltrekordler (1,90) in der Altersklasse M55 ist. „Ich muss halt nur richtig fit werden.“

Für Mutter Rosemarie steht ein guter Tag an. „Es ist nur schön, dass beide Söhne sich so zurückgekämpft haben.“ Bernd bekommt heute in seiner Reha Besuch von Dietmar Mögenburg, dem Olympiasieger von 1984 im Hochsprung. Die beiden Freunde werden ein bisschen über Carlo reden und über das Leben, und darüber, „dass morgen schon alles anders sein kann“.

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