Thorsten Lindemann: Vom Anwalt zum Romanautor

Von: Marco Rose
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Jurist, Autor und Musiker: Thorsten Lindemann (45) ist in Berlin aufgewachsen, schätzt die überschaubare Aachener Grenzregion inzwischen aber sehr. Foto: Marco Rose
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Faszination Bühne: Als Student hoffte Thorsten Lindemann auf die große Karriere als Musiker. Foto: stock/Seeliger

Aachen. Es ist ein Schlüsselsatz – genauer: eine Frage. Und wie so oft im Leben kommt sie einigermaßen unerwartet. „Herr Dr. Lindemann, was packt Sie denn so emotional?“, will sein Gesprächspartner wissen.

Die Antwort sollte in einer solchen Situation natürlich sein: „Baurecht!“ Schließlich sitzt Thorsten Lindemann, der promovierte Jurist, im Jahr 2003 im schnieken Büro einer Großkanzlei am Potsdamer Platz in Berlin, bei der er sich um eine Stelle in der Abteilung für Baurecht beworben hat.

Die Frage ist richtig gut. Baurecht? In einer Großkanzlei? Lindemann schluckt, dann rettet er die Situation, spricht über seine Begeisterung für Architektur. Doch in ihm regt sich Widerstand. Nach dem Gespräch ruft der Anwalt seine Freundin an und sagt ihr, dass er den Job nicht machen kann. Dass er in dieser Großkanzlei kaputtgehen würde. Aber was packt ihn emotional? Lange Zeit gab es auf diese Frage nur eine Antwort: die Musik!

Auf der Bühne

Matthias enterte die Bühne mit einem Hechtsprung von links. Kein Applaus. Vielleicht später. Matthias wiederholte den Stunt gewöhnlich ohne Nachfrage. Dass er Pete diesmal beim Springen Zaziki ins Gesicht schleuderte, lag an mangelnder Übung. Bisher hatte Matthias den Stunt ausschließlich ohne Döner in der Hand gebracht. Aus der Tiefe seines glasigen Blicks zu schließen, war Matthias mindestens heftig angetrunken. Angewidert schnippte sich Pete das Zaziki von der Wange. Kein guter Anfang.  

Während seines Jurastudiums in Münster hat Lindemann tatsächlich eine Weile lang geglaubt, er könne einmal von der Musik leben. Schon seit der Schulzeit spielte der gebürtige Hamburger Gitarre – zunächst akustisch, später elektrisch. Über einen Aushang in der Mensa geriet er dann an eine Band. „They called them Pom2eroys“ nannte sich die, seitdem beim Druck eines Plakats das zweite M in „Pommeroys“ auf unerklärliche Weise verschwunden war und auf die Schnelle alle Plakate von Hand verschönert werden mussten. Sie spielten krachigen, melodiösen Alternative-Rock, und mit dem neuen Gitarristen und Sänger Lindemann nahm die Sache Fahrt auf. Zwei Tonträger wurden produziert, es folgte eine Promo-Tour durch das Ruhrgebiet. „Wir sind in den Randbereich des professionellen Arbeitens gekommen, so dass ich hoffte, es könnte tatsächlich mal etwas werden“, sagt der Jurist heute.

Aber es wurde nichts, auch wenn es zwischenzeitlich so aussah. „Es war wie bei vielen Bands: Sobald es etwas besser läuft, fängt man an, wie in einer Beziehung herumzuzicken.“ Alleine die Ausgaben für Instrumente und Verstärker überstiegen am Ende sämtliche Einnahmen bei weitem. Lindemann jobbte zusätzlich in Kneipen. Als er sein Studium beendete, stand fest: Von Musik würde er wohl nie leben können. Und weiter in Kneipen jobben wollte er natürlich auch nicht. „Irgendwann war mir klar, dass das Verfallsdatum für eine Boyband endgültig abgelaufen war.“

Das Ende einer Rockband

 

Eine Rockband ist keine Waschmaschinenvertretergemeinschaft, und aus enttäuschter Zuneigung wächst Hass. Drei Tage nach Hannover betrat ich den Probenraum zum letzten Mal. An der Wand hing ein Foto von unserem Auftritt im Hamburger Star-Club. Pete hatte sich vor Aufregung besinnungslos gesoffen und auf der Rückfahrt mangels anderer Möglichkeiten in das Schallloch meiner Akustikgitarre gekotzt.  
   

 

Der Juristerei also gehörte die Zukunft! Für den begeisterten Musiker sind die Rechtswissenschaften schon immer der praktische Teil von Philosophie gewesen. „Sie bieten einen fantastischen Aufbau von Lösungen für zwischenmenschliche Streitigkeiten. Das hat mich einfach fasziniert“, sagt er. Wie viele seiner Kommilitonen hat Lindemann bloß „zu viele falsche Filme geschaut“ und sich deshalb zunächst mit großen Enthusiasmus im Studium auf das Strafrecht gestürzt. Im anschließenden Referendariat, das er weitgehend in Düsseldorf absolviert, verlagert sich das Interesse mehr und mehr Richtung Zivilrecht. Seine Promotion widmet er aber noch einem strafrechtlichen Thema: den, so der Titel, „Ermittlungsbefugnissen der Staatsanwaltschaft nach Eröffnung des Hauptverfahrens“ – einer kontrovers diskutierten Frage aus dem Strafprozessrecht.

Trotz aller sich einstellenden Erfolge im Studium und dem Beruf bleibt tief in seinem Inneren ein merkwürdiges Gefühl von Leere. Lindemann beginnt zu schreiben – keine juristischen Aufsätze oder Streitschriften, sondern Geschichten. Seine Geschichten! Geschichten aus einem Leben, das er so nicht mehr führen würde. „Als mir klar wurde, dass die Musik ein Hobby bleiben würde, habe ich damit angefangen. Und ich hatte schon zu Beginn den Ehrgeiz, dass dies auch gelesen werden sollte.“

Von Beruf Porno-Untermaler

 

„Ich bin übrigens Pornomusiker“, wollte ich taktisch und sprachlich unklug mit der Tür ins Haus fallen. Doch nachdem ich Manuela das Tätigkeitsfeld meines zweiten Broterwerbs lange genug verschwiegen hatte, um damit nun weit Schlimmerem verdächtig zu sein, brauchte es vielleicht etwas Fingerspitzengefühl.  
   

 

In den folgenden Jahren lebt Lindemann zwei Leben. Jede freie Minute verbringt er am Computer und erschafft eine Welt voller Musik, Drogen undSex. Eine Welt, in der sein Protagonist Jan als Berufsmusiker für die Untermalung von Pornofilmen zuständig ist, sich in die Freundin eines anderen verliebt und auch sonst von einer Katastrophe in die nächste schliddert; eine Welt, die so gänzlich anders ist, als sein persönlicher Alltag als Anwalt, Ehemann und später auch Vater.

„Wir haben praktisch jeden Urlaub so verbracht, dass ich von morgens bis nachmittags geschrieben habe und ich meine Frau dann so gegen 16 Uhr getroffen habe – auch auf unserer Hochzeitsreise.“ Lindemann schreibt wie besessen. Er will etwas schaffen, das bleibt. „Meine Schriftsätze, die ich als Anwalt verfasse, werden ja nach wenigen Wochen bereits geschreddert“, sagt er lachend. Und fügt hinzu: „Für mich sind das nicht zwei Welten. Ich habe einen Job, den ich schätze und mit dem ich mein Geld verdiene. Gleichzeitig fühle ich mich in der Welt, die ich in meinem Buch beschreibe, durchaus heimisch.“

Drogenindizierter Flashback

 

Alex indes reinkarnierte außerhalb des Kleiderschranks zu voller Übergröße nach Nietzsche, zurückgeworfen auf nichts als die Reinform seines Selbst wie ein Mönch, der zwei Jahre ohne Teelichter in einer Holzhütte auf einem norwegischen Fjord zugebracht hat und jetzt die planlos vom Kurs abgekommene Queen Mary II unter maximaler Beleuchtung in die natürliche Langweilerbucht einbiegen sieht. Alex lebte, obwohl die Fortsetzung dieses zutiefst biologischen Umstands aus seiner streng persönlichen Sicht noch vor Kurzem mit nicht unerheblichen Rätseln besetzt gewesen war. Und er glühte vor Euphorie. Alex hatte überlebt. Nur das zählte.  
   

 

Was auch immer seinen Protagonisten an Übel widerfährt, das nicht fiktionale Leben des Thorsten Lindemann könnte schlechter laufen: Seine Aachener Kanzlei, die er nach der Entscheidung gegen eine Karriere in Berlin 2003 gründet, floriert. Er ist Vater zweier kleiner Kinder, spielt wieder in einer Band und hat sich mit dem Leben in der überschaubaren Grenzregion arrangiert. Über eine Literaturagentin findet er schließlich einen Verlag für sein Buch, so dass er inzwischen mit großer Euphorie an Buch Nummer zwei arbeitet. Manchen ist das allerdings immer noch ein bisschen suspekt. „Meine Schwiegermutter war nach der Lektüre von ‚Bäng’ so entsetzt, dass sie mir schrieb und mich fragte, ob wir ernste Probleme hätten“, sagt der Jurist. Ein Kanzleikollege weigere sich zudem hartnäckig, das Buch zu lesen – „weil er Angst hatte, zu viel von meiner Persönlichkeit kennenzulernen“. Tatsächlich habe er auch eigene Erlebnisse und Anekdoten in dem Buch verarbeitet. „Teile der Geschichte stammen also wirklich aus meinem Leben, wahrscheinlich sogar die schrägeren.“

Die Wanderungen der Seele

 

Die am späten Vormittag aufgestaute Hitze in der Dachgeschosswohnung hatte ihren Teil dazu beigetragen, unsere Körper mit Schweiß zu überziehen. Kleine Tropfen hatten in der Furche über Manuelas linkem Schulterblatt einen Pool gebildet und warteten auf Verstärkung. Ich lehnte meine Wange auf ein gestauchtes Kissen, knapp vor der nackten Haut. Falls wir eine Seele haben und wir schlafen oder halbschlafen, dann wandert die Seele hierhin, um sich auszuruhen, auf den Rücken zwischen die Schulterblätter.  

 

 

Am Rande der Leipziger Buchmesse gibt der Aachener Anwalt im März dem MDR sein erstes großes Interview. An seinem Handgelenk trägt Lindemann noch den Einlassstempel für die Abendveranstaltung, als er die Moderatorin für ein Vorgespräch trifft. Ob es stimme, dass er die Musik für Pornos gemacht habe, ist die einzige Frage, die sie ihm stellt. Dabei starrt die Journalistin unentwegt auf den verwischten Stempel an Lindemanns Hand. „Hinterher stellte sich heraus, dass sie dachte, es handle sich um die Male von Fesselspielen.“ Wie sie bloß darauf komme, will der Jurist wissen. Er sei „schließlich Musiker“, und da wisse man doch nie, antwortet sie. „Da habe ich nur gedacht: Wow! Ich lebe gerade eine ganz andere Person als die, die ich normalerweise bin. Das war wirklich cool. Für diese Frau war ich ein Mensch aus einer anderen Welt.“

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