Thomas Sternberg: Würde, Anstand und den Grundkonsens bewahren

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Warnung vor nationalem Denken: Thomas Sternberg. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er spricht als höchster Vertreter der katholischen Laien in Deutschland. Er will, dass sich seine Kirche politisch einmischt. Thomas Sternberg ist der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Er beklagt die „katastrophale pastorale Situation“ durch den Priestermangel und stellt den Pflichtzölibat infrage. Darüber, über die Zukunft des Gemeindelebens und die politische Verantwortung der Christen sprachen unsere Redakteure Bernd Mathieu und Peter Pappert mit Sternberg.

Sie haben wiederholt die Stimme erhoben gegen Vereinfacher und Scharfmacher in der politischen Debatte und dazu aufgerufen, dass Christen ihre Werte dagegen verteidigen. Was erwarten Sie von denen, die sich einmischen sollen?

Sternberg: Christen müssen sich dafür einsetzen, dass ethische Mindeststandards eingehalten werden, dass ganz einfach Anstand gewahrt wird. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass unser Grundgesetz nicht die Würde des Deutschen, sondern die Würde des Menschen unantastbar nennt. Wir müssen dazu beitragen, dass der demokratische Grundkonsens erhalten bleibt. Der künftige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vom Kitt der Gesellschaft gesprochen.

Wer kratzt am heftigsten am Kitt des Zusammenhalts?

Sternberg: Das sind meistens jene, die einen Satz beginnen mit: „Man muss doch mal sagen dürfen, dass . . .“ Wenn es so anfängt, können Sie oft das Schlimmste erwarten. Damit ist die Behauptung verbunden, bestimmte politische Ansichten würden von einer „political correctness“ unterdrückt. Diese Behauptung ist falsch. Sie wird aber genährt durch einseitige Informationssuche im Internet, durch den Glauben, das, was man bei Google sucht, sei eine objektive Nachricht.

Ist es unchristlich, in der AfD zu sein?

Sternberg: Die AfD ist keine gefestigte Partei, sondern eine Sammelbewegung aus ganz unterschiedlichen rechten Gruppierungen. Ich weiß nicht, wohin dieser Hase laufen wird. Als ich mit Alexander Gauland diskutiert habe, habe ich wirklich schreckliche Dinge zu hören bekommen. Wenn ich Briefe, E-Mails oder Anrufe von Leuten aus dieser Richtung erhalte, wird mir schon bange. Als ob man heute noch mit nationalen Vorhaben die Welt in Ordnung bringen könnte! Das sind Rezepte, die haben schon im 19. Jahrhundert nicht funktioniert und im 20. Jahrhundert die größten Katastrophen ausgelöst. Es gibt eine Renaissance des nationalen Denkens, die ganz gefährlich ist.

Das offenbart sich derzeit nicht zuletzt in der Flüchtlingspolitik.

Sternberg: Man kann über die Flüchtlingspolitik trefflich streiten. Aber über einen Punkt müssen sich Christen im Klaren sein: Der Fremde in Deinen Toren soll wie ein Einheimischer gelten, heißt es im Alten Testament. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Samariter hilft dem Fremden. Deshalb weigern wir uns, in Not geratene Menschen danach zu unterscheiden, ob sie Christen oder Muslime sind.

Ist die aktuelle EU-Politik, die auf Abschottung hinausläuft, mit Ihren Maßgaben vereinbar?

Sternberg: Die derzeitige Flüchtlingspolitik der EU wird nur vorübergehend zu einer Entschärfung des Problems beitragen. Europa wird die Zäune nicht hoch genug bauen können; Menschen, die aus welchen Gründen auch immer fliehen, werden sie eintreten, wenn wir ihnen nicht helfen, in ihrer Heimat menschenwürdig leben zu können.

Worauf kommt es – abseits der Flüchtlingspolitik – in Europa an?

Sternberg: Ich will zuerst etwas nennen, was mehr ist als bloße Dekoration: Wir haben keine Hymne, die nur für die EU gilt, wir haben nach wie vor keinen Präsidenten. Wir haben leider keine Verfassung; dass wir die damals nicht erreicht haben, ist einer der schlimmsten Rückschläge für die EU. All das brauchen wir aber, wenn wir die Herzen der Menschen erreichen wollen. Und die müssen wir erreichen, wenn das vereinte Europa Erfolg haben soll. Seit dem 16. Jahrhundert hat Europa die Welt europäisiert: in den Grundrechten, in der Kleidung, im Stil, in der Zählung der Jahre . . . Und heute fragen wir uns: Was macht uns als Europäer eigentlich aus?

Wer soll die Frage beantworten?

Sternberg: Papst Franziskus hat sie beantwortet, als er im vorigen Jahr den Aachener Karlspreis erhielt. Es hat mich tief bewegt, als der Papst sagte, wofür er Europa immer bewundert habe: Fähigkeit zum Dialog, zur Integration und zur Kreativität. Daraus müssen wir eine neue große Erzählung von Europa entwickeln.

„Europa – was ist los mit Dir?“, hat Franziskus im vorigen Mai gefragt.

Sternberg: Und da hat er Recht. Es ist nicht gut bestellt um Europa. Der europäische Gedanke war in der jüngeren Vergangenheit noch nie so gefährdet wie heute – sogar in Deutschland. Das Selbstverständnis, Souveränität abzugeben zugunsten der europäischen Einheit, hat Schaden genommen.

Gerade junge Menschen sagen aber häufig, sie ließen es sich nicht gefallen, dass wir in den Nationalismus zurückfallen; für die ist das vereinte Europa selbstverständlich.

Sternberg: Genau darin liegt aber auch eine Gefahr. Es ist so selbstverständlich, dass man die Vorteile der EU einfach hinnimmt. Wer Krieg erlebt, weiß sehr genau, was Frieden ist. Wer in Unfreiheit lebt, weiß sehr genau, was Freiheit ist. Wer – wie selbstverständlich – in Frieden und Freiheit lebt, kann deren Wert oftmals nicht angemessen einschätzen. Das ist ein Problem. Wir haben in der EU so große Errungenschaften, die uns aber so selbstverständlich sind, dass wir sie nicht für schützenswert und schutzbedürftig halten. Damit könnten wir sie aufs Spiel setzen.

Sie haben vor wenigen Tagen von einer „katastrophalen pastoralen Situation“ in Deutschland gesprochen. Was heißt das?

Sternberg: Grundsätzliche Probleme der Seelsorge häufen sich seit Jahren an. Das wird in eine Katastrophe führen, wenn wir nichts machen. Wenn wir uns nicht endlich etwas einschneidend Neues zu den Priesterberufungen überlegen, wird die Seelsorge vor die Wand fahren. Die Folgen des eklatanten Priestermangels werden wir auf keinen Fall dadurch aufheben, dass weiterhin pfarrliche Großräume geschaffen werden, die dann irgendwie funktionieren müssen. Das klappt nicht mehr; das wissen alle, die sich damit beschäftigen. Mehr als 60 Prozent der deutschen Priester sind älter als 60. Im vorigen Jahr hatten wir bundesweit gerade mal 58 Priesterweihen. Wir nähern uns einer Situation, in der uns der Klerus abhanden kommt.

Was ist dagegen zu tun?

Sternberg: Wir müssen vor allem erstmal von dem stereotypen Einwand weg kommen, über die Weihe verheirateter Männer, über den Zölibat oder die Diakonatsweihe von Frauen könne nur und müsse in Rom diskutiert werden. Wir dürfen doch wohl Meinungen haben und äußern auch zu solchen Themen, über die wir nicht entscheiden können.

Wäre die Aufgabe des Zölibats eine geeignete Maßnahme gegen den pastoralen Notstand?

Sternberg: Ich will nicht über den Zölibat diskutieren. Er hat seinen Wert und seinen Sinn. Meine Frage ist: Komme ich durch eine Veränderung des Pflichtzölibats zu mehr Priesterberufungen? Ist das der Fall, hat das wichtigere Gut – nämlich die Feier der Eucharistie mit dem Priester – eindeutig Vorrang vor dem Reglement des Pflichtzölibats.

Ist das eine Frage, die vor allem in Deutschland diskutiert wird?

Sternberg: Nein, die wird weltweit diskutiert, weil es das Problem weltweit gibt. Die Behauptung, das sei ein rein deutsches Thema, stimmt einfach nicht.

Was hilft sonst gegen den pastoralen Notstand?

Sternberg: Wir müssen in den Gemeinden das religiöse Leben anders organisieren – und zwar mit selbst- und letztverantwortlichen Laien. Was die Gläubigen in den Gemeinden nicht selbst tun, passiert nicht. Mit Seelsorgeteams allein wird es auf Dauer nicht funktionieren. Dass der Kommunion- oder Firmunterricht gewährleistet wird, ist noch kein Beleg für funktionierende Seelsorge. Die braucht Ansprechpartner vor Ort, die wirklich präsent sind.

Was ist mit jungen Leuten? Auf Katholikentagen sind sie sehr präsent. Sind sie in den Gemeinden aktiv?

Sternberg: Ja, die gibt es auch in den Gemeinden; sie tun sich nur häufig schwer mit den normalen Gottesdiensten. Sie gehen nicht mehr so oft in die Kirche. Ich bedauere das; aber es ist ein Fakt. Wir müssen dem Heiligen Geist mehr zutrauen; er erreicht nicht nur diejenigen, die sonntags in den Gottesdienst gehen. Auch jene, die nur einmal im Monat oder einmal im Jahr oder noch seltener in die Kirche kommen, aber wie selbstverständlich ihre Kirchensteuer bezahlen und damit ihren Austritt eben nicht erklären, haben offensichtlich einen Bindungswunsch. Niemand gibt uns das Recht zu sagen, die gehörten nicht richtig dazu.

Dann ist die regelmäßige Zählung der Gottesdienstbesucher in jedem Bistum im Grunde Unsinn.

Sternberg: Das ist eine verhängnisvolle Zahl, mit der wir es in der Kirche zu tun haben. Diese Zählung sagt fast nichts aus über das gläubige Leben der Menschen. Es gibt seriöse Befragungen, nach denen rund zehn Prozent der Katholiken jeden Sonntag zur Kirche gehen. Zirka 23 Prozent sagen von sich, sie kämen einmal im Monat zur Messe, eine weitere größere Gruppe besucht selten den Gottesdienst. Es gibt überhaupt keinen Grund zu sagen, nur die zehn Prozent seien die Kerngemeinde.

Die deutschen Bischöfe haben zum päpstlichen Lehrschreiben „Amoris laetitia“ und zur Frage der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene erklärt, es gebe dafür keine allgemeine Regel und keinen Automatismus; erforderlich seien differenzierte Lösungen.

Sternberg: Ich habe mich darüber gefreut. Viele Initiativen in der Vergangenheit und während der Familiensynode 2015 in Rom kamen von deutscher Seite. Das Problem ist seit langem bekannt. Das Revolutionäre ist eigentlich gar nicht das Ergebnis, sondern die Tatsache, dass es endlich eine Annäherung gibt zwischen der Praxis, wie sie in den Gemeinden sowieso geübt wird, und der vatikanischen Lehre.

In außerordentlich vielen Gemeinden sind die Fragen des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen längst pastoral gelöst – und zwar im guten Einvernehmen aller Beteiligten. Das wird nun von der kirchlichen Lehre anerkannt. Der Papst hat nicht gefragt: Wie funktioniert das so, dass das vatikanische System gewahrt bleibt? Er hat gefragt: Wie funktioniert es für die Betroffenen?

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