Theaterart „Shadowland“: Schatten gegen Werteverfall

Von: Olaf Neumann
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Schattentheater ist eine uralte Kunst: Das Ensemble Pilobolus aus Connecticut erweckt die Theaterform zu neuem Leben. Foto: Beowulf Sheehan, Kai Heimberg, Pilobolus
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Will nicht nur unterhalten mit dem Schattentheater, sondern auch die Welt ein bisschen verbessern: Itamar Kubovy. Foto: Beowulf Sheehan, Kai Heimberg, Pilobolus
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So sieht es der Zuschauer, wenn hinter der Leinwand die Kartons geschwungen werden. Foto: Beowulf Sheehan, Kai Heimberg, Pilobolus

Region. Es ist eine uralte Theaterform, die Itamar Kubovy und das Ensemble Pilobolus aus Connecticut zu neuem Leben erwecken: Elemente aus Schattenspiel, Tanztheater, Zirkus, Märchen, Stummfilm und Popmusik verschmelzen zu einem eigenen Genre und unterhalten das Publikum.

Viel wichtiger ist dem Produzenten und Erfinder der Show aber der Sinn, der hinter den universellen Geschichten steckt. Denn er spielt mit „Shadowland“ auch gegen den drohenden Werteverfall unserer Kultur und Freiheit an. Nun geht „Shadowland 2“ auf Tour und kommt auch nach Aachen. Ein Gespräch mit Itamar Kubovy.

„Shadowland“ war für Pilobolus ein Riesenerfolg, den Sie jetzt mit „Shadowland 2“ noch übertreffen wollen. Was war zuerst da: die Bilder, die Story, die Musik?

Itamar Kubovy: Man kann bei einem Projekt wie „Shadowland“ keine Geschichte erzählen, ohne dazu Schattenbilder im Kopf zu haben. Andererseits kann man kein Schattenbild herstellen, ohne zu wissen, welche Geschichte man damit erzählen will. Es ist eine ständige Suche.

Warum schreiben Sie nicht einfach eine Geschichte und setzen sie auf der Bühne um?

Kubovy: Weil wir nicht gelernt haben, wie das geht. Wir müssen zuerst etwas finden, das uns visuell umhaut. Erst dann denken wir darüber nach, was wir eigentlich erzählen wollen. Die Ordnung entsteht bei uns aus dem Chaos. Unsere Geschichte beginnt mit einem Ei, aus dem ein Engel schlüpft. Wir stellten uns bei den Proben immer die Frage, was zuerst da war: der Engel oder das Ei (lacht).

„Shadowland 2“ erinnert an ein stummes Märchen. Ist diese Assoziation gewollt?

Kubovy: Ja, das haben wir ganz bewusst getan, weil es uns um bestimmte Werte geht. Im Moment beobachten wir überall, wie das, an das wir immer glaubten, auseinanderbricht: die Werte, die Moral, der Sinn, die Aufklärung. Das alles ist bis vor kurzem unsere Realität gewesen. Aber anderen bedeutet es nichts, sie wollen aufzeigen, dass sie eine ganze Kultur zerstören können. Dergleichen passiert gerade überall auf der Welt. Die Rechten werden immer stärker. Die Mittel, mit denen wir bisher Probleme gelöst haben, funktionieren auf einmal nicht mehr.

Woran liegt das?

Kubovy: Weil andere Mittel wie Angst, Gewalt und falsche Behauptungen immer stärker werden. Wir leben in einer sehr merkwürdigen Zeit. Gerade deshalb ist es wichtig, sich genau zu überlegen, welche Geschichten wir unseren Kindern erzählen wollen. Wenn die kommende Generation sich nicht mehr für Meisterwerke wie Goethes „Faust“ interessiert, müssen wir ihr das, was „Faust“ ausmacht, in anderer Form nahebringen.

Wie ist das zu bewerkstelligen?

Kubovy: Wenn unsere Kultur fortbestehen soll, dürfen wir bestimmte Werte und Ideen nicht aufgeben. Aber wir Künstler arbeiten heute mit völlig anderen Mitteln und vielen verschiedenen Medien. Der Mensch von heute verbringt viel Zeit vor dem Bildschirm und tut darüber sogar seine Gefühle kund.

Worin genau sehen Sie Ihre Aufgabe?

Kubovy: Die Aufgabe des Projekts „Shadowland“ sehe ich darin, zeitgemäße Fabeln und Märchen zu erzählen. Mit moderner Musik und ikonenhaften Elementen und Bildern. Es geht im Prinzip darum, Klischees eine neue Bedeutung zu verleihen. Zu versuchen, damit etwas Wahres auszudrücken. Nachdem eine unserer Assistentinnen die neue Produktion zum ersten Mal gesehen hatte, schickte sie jedem von uns einen Text, der ausschließlich aus Bildschriftzeichen bestand. Sie erzählte die gesamte Geschichte von „Shadowland 2“ in Emojis nach! Man könnte jetzt sagen, die junge Generation kann nicht mal schreiben, aber in Wirklichkeit war das extrem kreativ. Genau darum geht es uns: Wir wollen mit den Werkzeugen von heute Geschichten erzählen, an die wir schon immer geglaubt haben.

Richtet sich Ihr Stück ausdrücklich an Kinder?

Kubovy: Als wir „Shadowland“ ursprünglich konzipierten, hatten wir alle kleine Kinder. Wir wollten eine Geschichte erzählen, wie ein Kind die Welt für sich entdeckt. Nun sind unsere Kinder älter, und wir wollen davon erzählen, wie wir sie am Leben erhalten. Wie wir ihre Fantasie anregen und sie zum Spielen bringen. Fragen Sie sich nicht auch manchmal, warum wir Erwachsenen kaum noch spielen? Ich meine, als Kinder haben wir es dauernd getan! Wann und warum hat dies aufgehört? Ich kann mich nicht erinnern, dass zu mir jemand gesagt hätte, ich solle jetzt mit dem Spielen aufhören. Aber irgendwie wurde es mit der Zeit immer weniger.

Als Künstler hört man doch nicht einfach auf zu spielen, oder?

Kubovy: In Wahrheit ist es ein ewiger Kampf. Ein Priester kann auch nicht einfach aufhören zu glauben, auch wenn er mal zweifelt. Für Künstler wie mich, die ihren Job ernst nehmen, ist Spielen etwas Kompliziertes. In unserem Studio in Connecticut hängt ein großes Bild des amerikanischen Malers Chuck Close: „Inspiration ist was für Amateure, Profis legen einfach los!“. Das stimmt: Wir Künstler gehen jeden Tag zur Arbeit. An manchen Tagen spielen wir ganz toll, an anderen macht es uns überhaupt keinen Spaß.

Wie gehen Sie als fahrender Künstler mit den gegenwärtigen politischen Entwicklungen in Europa um?

Kubovy: Wir hatten eigentlich eine Einladung in die Türkei, die Verträge lagen bereits vor. Aber dann passierte dieser Putsch. Unglaublich, was danach geschah. Ich meine, Istanbul ist doch eine europäische Stadt! Klar ist es ein bisschen anders, aber es ist westlich geprägt. Es gibt dort Intellektuelle, Mode, Kunst und anderes. Und dann werden zigtausende Geistesmenschen einfach verhaftet! Deswegen ist es so wichtig, dass wir diese Geschichten erzählen. Es braucht sehr, sehr lange, eine Kultur aufzubauen und es geht sehr, sehr schnell, sie zu vernichten.

Was genau ist „Shadowland 2“?

Kubovy: Alles: ein Comic, ein Film, ein Konzert. Es ist der Versuch, etwas gemeinsam mit dem Publikum zu zelebrieren. „Shadowland“ ist mehr als nur Menschen, die hinter einer Leinwand herumhüpfen und Schatten machen. Es steckt ein tieferer Sinn dahinter. Für 90 Minuten sind alle – Publikum und Akteure – in derselben Sinn-Schachtel.

Aus welchen Bereichen der Tanzkunst kommen Ihre Tänzer?

Kubovy: Insbesondere die Frauen haben eine klassische Ballettausbildung, die Männer jedoch nicht. Balletttänzer sind eher steif, die können wir nicht wirklich gebrauchen. Wir brauchen männliche Tänzer, die sehr, sehr stark sind. Deswegen werden bei uns zur Vorbereitung viele Hebeübungen gemacht. Unsere Jungs kommen vom Kampfsport, vom Zirkus oder vom Straßentanz. Manche Tänzer haben ausschließlich eine physische Intelligenz, bei uns muss man aber auch sehr klar denken können, weil wir den Tänzern oft keine Lösungen anbieten.

Wie kamen Sie auf die Idee, Schattentheater zu machen?

Kubovy: Nun, das Schattentheater existiert ja seit einer Ewigkeit. Aber wir haben die ersten Jahre nur an Körperformen gearbeitet und nicht an Schattenfiguren. Bis wir feststellten, dass uns diese Technik neue Ausdruckformen ermöglichte. Niemand von uns hatte zuvor Schattentheater gemacht, wir sind da reingestolpert.

Sie meinen, die Leinwand ist eher zufällig auf Ihre Bühne geraten?

Kubovy: Wissen Sie, fast alles passiert doch zufällig. 2006 bekam ich einen Anruf von einem Mann aus Texas, der für eine Werbeagentur arbeitete. Dieser Mann vertrat einen Autobauer aus Südkorea. Er wollte von uns wissen, ob wir eine Autowerbung machen könnten, in der keine Autos vorkommen. Ich sagte zu ihm: „Das weiß ich nicht. Aber wenn es jemand kann, dann wir. Und wenn wir es nicht schaffen, schafft es auch niemand anderes.“ Ich kam dann auf die Idee, dass es leichter sein könnte, wenn die Körper hinter einer Leinwand versteckt wären, so dass man nur die Umrisse sieht. Als die Körper der Tänzer schließlich perfekt zu einem Auto verschmolzen, wurde uns klar, dass wir alles darstellen können. Es war eine sehr simple Erkenntnis.

Wie ging es für Pilobolus danach dann weiter?

Kubovy: Irgendwann sah die Produzentin der Oscar-Verleihung diesen Werbespot für ein Auto ohne Auto und dachte: „Das ist die Antwort: Menschen!“ In Hollywood geht es ja auch in erster Linie um Menschen. Also bat uns diese Produzentin, zu jedem der nominierten Filme wie „The Departed“, „Der Teufel trägt Prada“ und „Little Miss Sunshine“ ein Bild aus menschlichen Körpern zu erarbeiten. Die Oscar-Verleihung wird von einer Milliarde Menschen auf der ganzen Welt geschaut!

War das der große Durchbruch für Pilobolus?

Kubovy: Plötzlich bekamen wir in Connecticut unendlich viele merkwürdige Telefonanrufe. Vom Sultan von Brunei! Von der Königin von England! Das brachte uns ziemlich durcheinander. In den nächsten zwei Jahren sind wir in Rom, in Russland vor Putin, in England vor der Queen und in Abu Dhabi aufgetreten. Jedes Mal zeigten wir zwei- bis dreiminütige Karikaturen. Das war zwar schön, aber mit der Zeit bekamen wir Lust auf etwas Abendfüllendes. Zum Beispiel: Der Vogel und der Engel aus der neuen Show entstammen einem Projekt, das wir für eine französische Modefirma realisierten. Kunst und Kommerz sind heute sehr eng miteinander verwoben, manchmal kriegst du die besten Ideen, wenn du gerade an einem Fernsehwerbespot arbeitest. Die Grenzen zwischen dem Metropol und der Schaubühne verschwimmen immer mehr. Ich persönlich empfinde das als Herausforderung.

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