Terror-Forscher warnt: Islamistische Einzeltäter in Deutschland?

Von: Marco Rose
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Warnt vor den Gefahren durch Einzeltäter: Extremismusforscher Rolf Tophoven. Foto: Marco Rose
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Bilder, die sich im Gedächtnis festsetzen: die Terroranschläge vom 11. September ... Foto: dpa
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... schwer bewaffneter Polizist im Zentrum von Bremen ... Foto: dpa
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... und die Einschusslöcher im Fenster des Kopenhagener Kulturzentrums, das zum Ziel eines Anschlags wurde. Foto: dpa

Geilenkirchen/Aachen. Zuletzt also Bremen: Ein ganzes Wochenende lang patrouillierten schwer bewaffnete und vermummte Polizisten durch die Stadt. Deutschland sei „nach wie vor im Fokus des dschihadistischen Terrorismus“, hieß es. Doch was bedeutet so ein Satz konkret?

Rolf Tophoven gilt seit den Tagen des RAF-Terrors als Experte für das Spiel mit der Angst. Inzwischen 77 Jahre alt, erforscht er als Direktor des „Instituts für Krisenprävention“ (Iftus) in Essen weiterhin das Phänomen politisch motivierter Gewalt. Am Rande einer Veranstaltung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik sprach er in Geilenkirchen mit unserer Zeitung.

Herr Tophoven, wie beurteilen Sie die Sicherheitslage vor dem Hintergrund des jüngsten Anti-Terroreinsatzes in Bremen?

Tophoven: Die Sicherheitsbehörden sagen übereinstimmend, dass wir derzeit eine „hohe ab­strakte Gefährdungslage“ haben. Der normale Bürger kann sich unter diesem Begriff aber nur wenig vorstellen. Ich würde es deshalb anders formulieren: Ein Anschlag in Deutschland ist absolut nicht auszuschließen. So etwas kann hier jederzeit passieren. Nicht zuletzt weisen die Terrorwarnungen von Dresden, Braunschweig und aktuell Bremen darauf hin, dass sich Deutschland im Fadenkreuz des militant-islamistischen Terrors befindet.

Wie in Paris oder Kopenhagen?

Tophoven: Ja, das ist nicht auszuschließen. Man muss aber genau hinsehen, was in Paris, was in Kopenhagen geschehen ist. Gewisse Parallelen gibt es jedenfalls. Paris war quasi eine Blaupause für Kopenhagen. Denn in beiden Fällen gab es die gleiche Zielsetzung, das gleiche Zielobjekt: Urheber von Mohammed-Karikaturen und Juden.

Wir müssen damit rechnen, dass solche Anschläge auch bei uns drohen. Weniger von einer groß operierenden, terroristischen Organisation ausgehend – wie beim 11. September 2001. Der fanatisierte oder sich selbst radikalisierende Einzeltäter aber ist eine realistische Variante. Oder es entwickelt sich eine terroristische Kleinzelle – zwei bis vier Leute maximal – ähnlich wie in Paris.

Was Deutschland betrifft, so kennen wir ja alle die Zahlen: Verfassungsschützer sprechen von rund 180 Rückkehrern aus dem „Heiligen Krieg“ in Syrien und dem Irak, von denen etwa 35 kampferprobt und deshalb sehr gefährlich sind. Das ist ein durchaus erschreckendes Potenzial; das sind tickende Zeitbomben.

Die Gefahr wird also nicht übertrieben dargestellt?

Tophoven: Nein. Die Dienste wissen einfach nicht, was diese Leute machen. Verhalten sie sich ruhig und bleiben sie in ihrer muslimischen Gemeinde? Oder warten sie eventuell auf den Tag X, an dem sie zuschlagen? Das Problem ist: Will man diese Gefährder wirksam überwachen und damit ausschalten, dann braucht man mehr als 20 Beamte pro Zielperson – rund um die Uhr. Da sind Verfassungsschutz und Polizeibehörden inzwischen natürlich personell an der Grenze angelangt.

Das ist kaum mehr zu stemmen. Und die Zahlen der Gefährder steigen weiter. Also wird man versuchen, die Szene, so weit es geht, offen und auch mit Infiltration – was verdammt schwierig ist – zu durchleuchten. Ob bewährte Methoden in dieser Szene aber überhaupt funktionieren, ist die Frage.

Was sind mögliche Ziele?

Tophoven: Sicherlich Massenveranstaltungen: Da, wo viele Menschen zusammenkommen, wird es schwierig. Wir wissen alle, dass man die nicht hundertprozentig schützen kann.

Im Grunde braucht ein fanatisierter Täter ja nicht viel mehr als ein Küchenmesser, um ein Blutbad anzurichten, das – als Video über das Internet verbreitet – ein ganzes Land traumatisieren kann.

Tophoven: Exakt. Der IS-Sprecher Abu Mohammad al-Adnani hat im vergangenen Jahr gesagt: „Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf. Schlachtet sie mit einem Messer. Überfahrt sie mit einem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie.“ Das ist im Grunde die perfekte Anleitung für einen Kleinkrieg, den wirklich jedermann führen kann.

Denn jeder kann mit einem Auto in eine Gruppe Menschen rasen, wie das in Israel bereits geschehen ist. Groß angelegte Terror-Operationen sind dagegen viel schwerer durchzuführen. Deshalb geht der Trend zu jenen kleinen und mittleren Terror-Crews, die jüngst im Einsatz waren.

Die Schockwirkung, die sie weltweit auslösen, ist trotzdem immens. Man sieht ja, was Individualtäter für ein Entsetzen bewirken können. Das attraktivste Anwerbungsmomentum der „Gotteskrieger“ ist ja der virtuelle Dschihad, die Motivation durch das Internet und die sozialen Netzwerke. Die Möglichkeiten für Propaganda sind hier schier unendlich.

Für wie realistisch halten Sie die Gefahren, die von Einzeltätern ausgehen könnten?

Tophoven: Der Typ „einsamer Wolf“ ist tatsächlich unser größtes Problem. Diese Menschen haben die Dienste nämlich nicht auf dem Schirm. Der Attentäter etwa, der 2011 in Frankfurt zwei US-Soldaten erschossen hat, hatte sich lediglich durch zum Teil gefälschte Videos im Internet radikalisiert. Das ist genau der Mann, vor dem sich die deutschen Geheimdienste fürchten.

Paris dagegen war ein glänzender Beweis dafür, wie professionell militärisch ausgebildete Täter handeln können. Wer die Bilder gesehen hat, der weiß, wie präzise sie vorgingen, wie sie sich gegenseitig gedeckt haben. Das war ein Kommandostil, den man nicht alleine im Internet lernt. Es bleibt aber dabei: Die heutigen Instrumentarien des Terrors sind nach wie vor der Selbstmordattentäter, die Bombe und die Kalaschnikow. Nicht mehr der große Knall wie beim 11. September. Ich schließe das nicht aus. Aber nicht heute, nicht in naher und mittlerer Zukunft.

Der Islamische Staat hat Al Kaida also endgültig in den Schatten gestellt?

Tophoven: Durch den IS erleben wir heute eine neue Qualität von Terrorismus. Bin Laden ist zwar tot, aber die Ideologie, sein Vermächtnis, lebt weiter. Die Terroristen brauchen bin Laden nicht mehr, er war ja zuletzt auch nur noch Impulsgeber. Stattdessen haben wir haben es nun mit einer völlig anderen Generation zu tun.

Mit der heutigen Al Kaida und dem IS haben wir zwei konkurrierende Gruppen, die um die Vorherrschaft kämpfen. Und der IS hat Al Kaida an Attraktivität für tausende junge Muslime längst überboten, auch was die Brutalität, ja Bestialität der Anschläge angeht. Natürlich ist der 11. September von der Dimension her nicht zu überbieten. Aber dank des immer enger gezogenen Sicherheitsnetzes ist es für die Gegenseite immer schwieriger, einen so spektakulären, großen Anschlag zu planen.

Apropos Sicherheitsnetz: Sind die Behörden Ihrer Meinung nach gut genug gerüstet, um mit der Bedrohung fertig zu werden?

Tophoven: Wir leben immerhin in einem Land, das noch keinen verheerenden Terroranschlag seit dem 11. September erleben musste. Das kommt ja nicht von ungefähr. Was ist der Islam? Vor dem 11. September wussten die Geheimdienste relativ wenig über diese Religion, denn die Herausforderungen für die Sicherheitsbehörden lagen in anderen Bereichen.

Die mussten erst Islamwissenschaftler einstellen, die ihnen erklärten, was sich da unter dem Banner des Islam zusammenbraut. Inzwischen sind sie in diesem Bereich gut aufgestellt. Da haben die Behörden enorm aufgerüstet – vielleicht ist das auch ein Grund, warum hier bislang nicht viel passiert ist.

Die Anschläge von Paris haben dann auch in Deutschland ein Umdenken ausgelöst: Es kam zu etlichen Durchsuchungen und auch Festnahmen. Da wurde gleich gefragt: Warum jetzt erst? Das ist nur so zu erklären, dass man noch einmal genauer und kritischer über die Daten geschaut hat, die vorliegen; um sich später nichts vorwerfen zu lassen. Man hat also doch weitere Anhaltspunkte gefunden.

Sicherheitsexperten dringen derzeit mit Macht auf die Einführung der Vorratsdatenspeicherung.

Tophoven: Die Vorratsdatenspeicherung ist natürlich ein Gebot der Stunde! Frankreich hatte sie, und es heißt immer wieder von den Gegnern der Vorratsdatenspeicherung, sie habe den Anschlag nicht verhindern können. Da muss man entgegnen: erstens ist Vorratsdatenspeicherung kein Allheilmittel zur Terrorismusbekämpfung.

Zweitens kann sie auch nicht in jedem Fall einen Anschlag verhindern. Aber sie zeichnet die kommunikativen Strukturen und Stränge auf: Mit wem hat der Täter gesprochen, wo hat er sich verabredet, wohin fährt er? Durch diese Daten kann der Fahndungsapparat die Zelle oder den Einzeltäter in seiner Kommunikation verfolgen. Das BKA fordert deshalb seit Jahren zu Recht die Vorratsdatenspeicherung.

Datenschutz und Unschuldsvermutung sind für Sie kein Argument dagegen?

Tophoven: Seien wir mal ehrlich: Die Masse der Leute interessiert es doch gar nicht! Ich glaube, dass die Diskussion eher in den Medien stattfindet und von diesen auch angeheizt wird. Es gibt in Deutschland viele Menschen, die sich um ihre Daten sorgen. Aber denen muss man sagen: In dem Moment, wo Du im Internet bist oder mit der Karte Deinen Einkauf im Supermarkt zahlst, gibst Du auch Daten preis – ohne genau zu wissen, wo die landen.

Es wird zum Teil so getan, als ob der Bundesbürger bis ins Schlafzimmer verfolgt würde. Das ist doch alles Schwachsinn! Entweder will ich den Terrorismus bekämpfen und die Bürger schützen oder nicht. Und wenn ich ihn schützen will, dann muss ich bestimmte Dinge umsetzen.

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat im Interview mit dieser Zeitung erklärt, dass im Kampf gegen Islamismus jeder gefordert sei. Alle sollten genau hinschauen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Tophoven: Islamismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem: Die Sicherheitsbehörden können das nicht alleine lösen. Es muss im Verbund geschehen. Ich glaube auch, dass Paris in der muslimischen Gemeinde selbst den Impuls ausgelöst hat, sich endlich Gedanken zu machen, was eigentlich im Namen des Islam geschieht! Es ist doch unsinnig, zu sagen, dies sei nicht der Islam! Es ist der Islam! Denn diese Taten werden im Namen des Islam begangen.

Die Muslime distanzieren sich also nicht genug von diesen Taten?

Tophoven: Es geht nicht nur darum! Jetzt sind neben den Vertretern islamischer Organisationen und Moscheegemeinden die Wissenschaftler, die Universitäten gefragt. Es muss geklärt und erklärt werden: Wie gefährlich ist der Islam? Um die Leute zu beruhigen und die Muslime nicht weiter ins Abseits zu drängen; damit die Muslime nicht ungerechtfertigt unter Generalverdacht stehen. Das will doch niemand! Es muss immer wieder gesagt werden: Es geht in dieser Frage nicht um den Islam, sondern um die Pervertierung einer Religion durch Extremisten.

Die internationale Staatengemeinschaft versucht, mit militärischen Mitteln den IS zu bekämpfen. Die USA, Frankreich und arabische Staaten bombardieren IS-Stellungen im Irak und Syrien. Aber eigene Bodentruppen wollen sie nicht schicken. Kann das funktionieren?

Tophoven: Das glaube ich nicht – schon angesichts der geografischen Dimension des IS. Dann kommt hinzu, dass der IS militärisch operativ exzellent aufgestellt ist. Sie ziehen die Truppen aus den bombardierten Gebieten zurück, verschanzen sich in Bunkern, ziehen ihre Waffen ab und sind sehr, sehr flexibel, so dass ich der Meinung bin und das auch fordere, dass trotz der massiven Luftschläge am Ende kombinierte Luft- und Bodenoperationen nötig sein werden. Nur die USA können das qualifiziert machen. Sie haben die Verantwortung und können sich auch nicht davonstehlen.

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