Telenotarzt: Diagnose per Datentransfer

Von: Sabine Rother
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Ein Unfall: Jetzt ist rasche Hilfe erforderlich. Der Telenotarzt weiß innerhalb kürzester Zeit über die Lage Bescheid und kann seine Anweisungen zur Rettung der Verletzten geben. Foto: Ralf Roeger
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Professor Rolf Rossaint ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Aachen. Foto: Marlon Gego

Aachen. Ein Notfall! Die Helfer sind schnell vor Ort. Es dauert nur wenige Minuten, und der Notarzt in der Zentrale, der mit dem Rettungsteam in Verbindung steht, kennt die Blutwerte, den Blutdruck sowie viele andere Details zu den Problemen des Patienten.

Per Telekommunikation gibt er Anweisungen: Als erste Stadt in Nordrhein-Westfalen hat Aachen nach einer mehrjährigen Erprobungs- und Entwicklungsphase den Telenotarzt in den Rettungsdienst der Stadt eingebunden.

Besondere Schulungen

Das vom Land geförderte Forschungsprojekt „TemRas – Telemedizinisches Rettungsassistenzsystem“, an dem das Universitätsklinikum maßgeblich beteiligt ist, hat sich in der Notfallversorgung bewährt. Lokale Institutionen wie der Lehrstuhl für Informationsmanagement im Maschinenbau der RWTH sowie unter anderem Entwickler der Firma Philips waren gleichfalls im Einsatz.

Drei Fahrzeuge sind bereits mit der notwendigen Technik ausgestattet, bis zu elf sollen es im Laufe des Jahres werden. Den 24-Stunden-Dienst an allen sieben Wochentagen werden fünf Notärzte erfüllen, die besondere Schulungen durchlaufen haben.

„Unsere Klinik versorgt die Stadt mit Ärzten, es gibt einen Vertrag mit der Feuerwehr“, erläutert Professor Rolf Rossaint, Direktor der Klinik für Anästhesiologie im Klinikum Aachen, das System. Nach all den Jahren, in denen der Schriftzug „Telenotarzt“ auf den weiß-roten Rettungswagen den Aachenern bereits vertraut geworden ist, will man nun angesichts steigender Einsatzzahlen dem nahenden Ärztemangel entgegenwirken.

„Das System des Telenotarztes ist effektiv und qualitativ optimiert“, versichert Rossaint. Sehr genau hat man sich Art und Aufwand der Rettungseinsätze angesehen – 25.000 Mal wird der Notarzt pro Jahr gerufen. „16.000 Mal ist kein Arzt am Einsatzort nötig“, sagt Rossaint. „In zehn bis 20 Prozent der Fälle ist die Situation tatsächlich lebensbedrohlich.“

Wie im Cockpit eines Flugzeugs werden konsequent bestimmte Werte abgefragt: Blutdruck? Sauerstoffsättigung des Blutes? Werte des EKGs? Geräusche der Lunge und des Herzens? Vitalparameter, Ton- und Bildübertragung erreichen die Telenotarzt-Zentrale, Telekommunikation und Informatik sind zur „Telematik“ verschmolzen. Das technische System besteht aus den Teilbereichen Telenotarzt-Zentrale, Rettungswagen, Einsatzstelle und Übertragungseinheit.

„Die Daten“, das versichert Rossaint, „werden in verschlüsselter Form übertragen.“ Die Akzeptanz bei Patienten und Rettungsassistenten ist groß, auch die rechtliche Seite der Telenotarzt-Arbeit wurde durchleuchtet. „Wir müssen beim Einsatz fragen, ob die Betroffenen einverstanden sind, aber da gab es noch nie Probleme“, sagt Stefan Beckers, Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Aachen.

„Wenn etwas aufgezeichnet wird, dann nur als ,Video­stream‘ also kurzfristig.“ Um das Telenotarzt-System weiterhin zu optimieren, gibt es einen neuen Beruf: „Wir schulen die Rettungsassistenten zu Notfallsanitätern, die dann mit dem Arzt in Kontakt stehen“, berichtet Lothar Barth, Leiter des Dezernats für Personal, Organisation und Zivilschutz bei der Stadt Aachen.

Bisher bleibt der Telenotarzt-Einsatz allerdings auf die Stadt Aachen begrenzt. „Wir sind froh, dass die Verhandlungen mit den Krankenkassen so positiv verlaufen sind“, versichert Barth. „Wir hoffen natürlich auf eine breitere Nutzungsmöglichkeit in der gesamten Region, besonders in ländlichen Bezirken. Durch seine virtuelle Präsenz kann der Telenotarzt aktiv die Diagnosevorgänge begleiten.

„Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass Telemedizin zum Beispiel bei einem Schlaganfall oder bei einem Herzinfarkt eine besonders schnelle und gute Versorgung des Patienten sichert“, sagt Beckers. Parallel zur täglichen Rettungsarbeit hat sich das Telemedizin-Zentrum im Uniklinikum entwickelt, in dem man sich intensiv mit Teleradiologie, dem Traumanetzwerk, Teleintensivmedizin und der weiteren Verbesserung des Notarztwesens beschäftigt.

Wer als Telenotarzt arbeiten will, wird hier geschult – muss zuvor aber bereits mindestens 500 praktische Einsätze bewältigt haben. Wie geht es weiter? Mit den Niederlanden und Belgien wird verhandelt. Inzwischen gibt es bereits Anfragen aus anderen Bundesländern, die sich gleichfalls für ein Telenotarzt-System interessieren.

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